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Der
Virentöter,
Kriminalphantasie für große Kinder.
Erste Fortsetzung
Wenn ich eine
Zeitung nur aufschlage, Kinder, herrscht schon Ostwind Stärke
zehn. Auf
dem Flugfeld herrscht aktuell leichter Westwind vor. Die Flieger
brauchen Gegenwind im Landeanflug.
Bei Lucie läßt sich das nicht so einfach sagen. Einerseits
hat sie den Wind immer im Rücken. Andererseits läuft sie
bei Gegenwind zur Hochform auf und hebt nach wenigen Metern ab.
In der Abflughalle, wo sich vor den Schaltern kange Warteschlangen
gebildet haben und Reisende mit Bergen von Gepäck langsam vorrücken,
praktiziert sie den strategischen Seitenwechsel alter Art.
An der Schlange
vorbei, aus der man erstaunte Blicke auf sie wirft, geht sie direkt
hinter den Schalter, als ob sie dort eine Zweitwohnung hätte.
Eine junge Frau, die am Bildschirm sitzt, begrüßt sie
mit Wangenküßchen und großem Hallo. Die beiden
reden ein wenig, dann wird telefoniert. Lucie läßt sich
den Höhrer geben.
Auf der anderen
Seite des Schalters steht umschlungen ein Liebespaar. Sie küssen
sich zum Abschied. Er darf mit in den Flieger, sie
bleibt da. Wie es aussieht, halten sie nicht viel vom Bla-Bla der
Zeitungen. Kann man das auf Dauer dulden? Untergräbt es die
öffentliche Ordnung? Gefährdet es nicht gar die Christenheit?
Wenn man genau hinsieht, ich meine, wenn man sehr, sehr gut beobachtet,
kann man in ihren Gedanken lesen wie in einem offenen Buch. Als
angehende Detektive solltet Ihr das üben. Morgen treiben
sie eine andere Sau durch's Dorf, lese ich. Wenn sie impfen
wollen, suchen sie Viren. Habt Ihr das? Und wenn sie Krieg
wollen, suchen sie einen Anlaß. Manchmal muß man selber
liefern. Auf die Absicht kommt es an! Wenn
Ihr Euch auf dem internationalen Parkett bewegen wollt, solltet
Ihr solche Fähigkeiten ausbilden.
Schätze,
Ihr erkennt noch mehr? Ja ganau, sehr aufmerksam! Tatsächlich
wollte ich möglichst schnell fertig werden mit der ersten Abteilung.
Hab's in HTML geschrieben, und durch die Länge des Dokuments
wurde alles dermaßen langsam, daß sich meine Erinnerung
verweigerte. Habt Ihr das? Ich kam mir vor wie in einer Warteschlange
kurz vor dem endgültigen Stillstand. Was weiß denn ich
von HTML-Code! Euch gefällt das vielleicht, mich könnt
Ihr damit jagen. Aber manchmal muß man in den Quelltext. Habt
Ihr das auch schon erlebt? Durch irgendeinen blöden tag
wird die erste Druckseite immer leer eingezogen, und erst auf dem
zweiten Blatt Seite eins gedruckt. Unten steht aber Seite zwei
von neunzehn, und du kannst nichts machen. Wenn man Duplexdruck
eingestellt hat und eine ganz leichte Veranlagung zum Pedanten mitbringt,
ist es besonders ärgerlich. Da vergeht dir der Spaß am
Erzählen. Den tag hab ich zwar gefunden, an der Geschwindigekeit
hat sich dadurch aber nichts geändert. Endlich kam ich auf
die Idee, eine neue Abteilung zu eröffnen und aus der einfachen
Story eine Fortsetzungsgeschichte zu machen. Jedesmal wenn der Erzählfluß
ins Stocken gerät, weiß ich, daß der Binärcode
an seine Kapazitätsgrenze gekommen ist.
Habt Ihr auch
gehört, daß in Rußland mit Trinärcode gearbeitet
wird? Da kannst du dreimal so schnell programmieren und brauchst
viel weniger Platz. Was das für die Literatur bedeutet, kann
man sich kaum vorstellen. Dreifach schnellerer Erzählfluß
bei geringerer Gedächtnisleistung vermutlich. Oder habe ich
etwas verwechselt? Auch die Natur arbeitet im Trinärcode. Ich
muß Euch an dieser Stelle aber warnen. Es ist spät geworden,
und wenn ich übermüdet bin, werde ich geschwätzig.
Zuerst werden mehrere Hemmschwellen durchbrochen, die tagsüber
den Aufgabenbereich Qualitätskontrolle und Folgerichtigkeit
übernehmen. Dann geht der Erzählfluß in ein tranceartiges
Strömen über, an dem bald nur noch das träge Vorwärtsdrängen
trüber Wassermassen zu bemerken ist. Habt Ihr das? Endlich
leuchten bizarre Traumbilder auf. Was bleibt, ist die Absicht,
zu schreiben. Ich weiß aber nicht, ob ich Träume beschreibe
oder zu schreiben träume.
Da kommt Lucie
wieder! Ich war tatsächlich eingenickt. Bei mir zuhause ist
es Zehn am Abend, auf dem Flughafen 16 Uhr 37. Immerhin vorher die
neue Abteilung noch programmiert. Zum Abendessen war Besuch da,
um von einer Reise nach Prag zu erzählen. Ausgerechnet Prag!
Kein Mensch fährt nach Prag, sagte meine Tochter danach, und
ich sage es auch. Warum nicht Heathrow, dann hätte ich das
eingebaut. Pünktlich zum Essen mit den Vektoren fertig geworden.
Entweder sie schneiden sich, oder sie gehen parallel, oder sie stehen
windschief zueinander. Einmal hat er selbst nicht durchgeblickt,
ich meine den Lehrer, es kamen lauter krumme Zahlen für die
Koordinaten heraus. Oder er wollte uns ärgern. Während
der Rückfahrt von Frankfurt Vollsperrung der A3 in beiden Richtungen.
Ein Bautrupp war auf 'ne Fliegerbombe aus dem Weltkrieg gestoßen.
Eine von geschätzten einskommavier Millionen, die unsere Befreier
abgeworfen haben. Hatte es im Verkehrsfunk gehört. Über
Seligenstadt gefahren und ohne Aufenthalt durchgekommen. In der
Kanzlei war ein Laptop abgestürzt, ausgerechnet der mit dem
neuen Vortrag über Virengetöse. Die Kollegin hatte wie
üblich keine Datensicherung gemacht. Mußte die Platte
ausbauen und als Slave an einen anderen Rechner hängen,
um wenigstens die Daten auf D:\ zu retten. Schon klar, aber
am Laptop ist das nochmal anders. Du kommst auch an die blöde
Platte nicht ran. Als ich meinen Eintrag in die Personalpapiere
endlich hatte, war es fünfzehn Uhr. Um Sieben morgens hatte
sie angerufen. Sie hätte ihren Vortrag aus dem Stegreif halten
müssen ohne die ganzen Präsentationen. Um Vier aufgestanden.
Nach der Dusche gleich den Text von Eduard Krausz zum Atommodell
vorgenommen. Er schreibt: Viele als gesichert geltende Vorstellungen
der Atomphysik haben sich als Irrtümer erwiesen. Auch ganz
elementare Grundlagen wie der von Nils Bohr beschriebene Atomaufbau
haben keinen Bezug zur Wirklichkeit. Grausame Welt! So begann
mein Tag. Ihr seht übrigens, daß es gar nicht schwer
ist, eine Entwicklung von hinten nach vorne zu denken.
Ich gehe schlafen,
Kinder. Morgen früh um Vier hole ich Euch am Flughafen ab.
Dort ist es dann immernoch 16 Uhr 37, und es bleibt genug Zeit,
den Flug nach Heathrow zu kriegen. Dies steht nicht im Gegensatz
zu den physkalischen Gesetzen, sondern ist eine höhere Erscheinungsform
der Wirklichkeit, literarische oder erzählte Zeit genannt.
Wir kommen darauf zurück. Die Handlung geht ohne Bruch weiter,
und niemand wird merken, daß dazwischen ein paar Stunden Schlaf
liegen und tausend andere Geschichten, die an meiner Trägheit
oder der vom HTML-Code scheitern.
Es kommt hinzu,
daß Ihr gar nicht am Flughafen seid. Ihr liegt irgendwo auf
der faulen Haut und lest oder laßt Euch vom Großvater
vorlesen. Ihr meint wohl, ich weiß das nicht! Während
ich bis zum Umfallen arbeite, um ein wenig Virologie zu vermitteln,
macht Ihr Euch einen Lenz. Ihr schlaft zwischen zwei Seiten fünfmal
ein, wenn ich zu wenig Abwechslung biete. Habt Ihr gerafft, wie
man verdeckte Absichten in Zeitungen erkennt? Gleich im Flieger
liegen sie stapelweise rum. Dem Christenmenschen werden sie nachgeworfen,
und Ihr meint, das geschehe ohne Absicht? Zufällig vermutlich!
Wollen Werbung für sich machen? Freilich. Daß sich die
Fluggäste nicht langweilen? Ja, ja. Oder daß sie besser
einschlafen können? Sehr gut, das überzeugt. Die Zeit
nutzen, um sich zu bilden? Wer hat das gesagt?! Sporttabellen als
Bildungsgut?- Wenn ich kurz unterbrechen darf: Lucie möchte
sich verabschieden.
"Diese
Truppe ist einfach unschlagbar, Kinder. Ihr könnt gleich zur
Lounge durchgehen und seid in der Obhut der Airline
bis zu dem Augenblick, wo Euch Onkel William abholt. Frau Landau,
die euch durchschleusen wird," sie stellt die junge Frau vor,
die neben ihr steht, "hat schon mal zwei Portionen Eis bestellt.
Die wissen alle, daß sehr viel vom Erfolg eurer Nachforschungen
abhängt. Daß mir keine Klagen kommen! Ich muß los.
Grüßt schön."
Der Großvater,
der Euch vorliest, hat vermutlich noch nie einen Flieger von innen
gesehen, wie? Nie am Frankfurter Flughafen gewesen? Gütiger
Himmel, das kann ich jetzt auch nicht ändern. Die halbe Welt
kennt diesen Ort, aber manche gehören vielleicht nicht dazu.
Erzählt ihm, wie es da aussieht, dann spare ich mir das. Es
würde die Anderen nur langweilen. Wie man rumgeführt wird
durch Hinweistafeln, bis man keine Ahnung mehr hat, wo vorne und
hinten ist. Daß es auf den Gängen zwei Bahnen gibt wie
auf der Autobahn, eine für alle Reisenden, die andere für
einige Mitarbeiter. Auf dieser Überholspur bewegt sich die
Landau mit einer Selbstverständlichkeit, die etwas Unheimliches
hat. Die Leute an der Sicherheitsschleuse winken ihr zu und scherzen
über Eure Gummistiefel.
"Paßt
jeweils eine Kilobombe rein," ruft ein großer
Mann seinen Kollegen zu. "Dann lasse die Engländä
bald nunnoch baffuß ninn," kommt die Anwort auf gut hessisch.
In der Vip-Lounge
werdet Ihr drei Mitarbeitern von Frau Landau vorgestellt, die sich
damit verabschiedet. Man fragt, ob das klargeht mit dem Eis, und
da eigentlich nichts dagegen spricht, werdet Ihr zu einem Tisch
mit bester Aussicht auf das Vorfeld gebracht. Erklärt dem Großvater,
was ein Vorfdeld ist, ich bitte Euch, und dann macht hin, damit
uns nichts entgeht. Das ist total spannend.
In der Studentenzeit
habe ich auf dem Vorfeld gearbeitet. Klar, es roch penetrant nach
Kerosin, aber was da los war! Habe immer versucht, meine Jobs zu
verbinden, kleine Reportagen über das Vorfeld geschrieben,
um sie in der Zeitung zu platzieren. Nichts zu machen. Die wollten
einen aktuellen Anlaß, Terror zum Beispiel, dann hätte
es geklappt. Der Normalbetrieb ist aber viel spannender.
Auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole, verweise ich
auf die Gummibärchen des vorlesenden Großvaters, wie
er neben der leeren Tüte stand. Auf dem Vorfeld ist es genauso,
es gibt keinen Zufall. Schaut hinaus! Die Flieger kommen fast im
Minutentakt, und über jeden macht sich eine Abfertigungskolonne
her. Kaum sind die letzten Passagiere ausgestiegen, werden zerlesene
Zeitungen ausgekehrt und neue aufgestapelt. Schon gut, natürlich
haben sie wichtigeres zu tun. Es war doch nur ein Beispiel.
Ihr wißt,
auf was ich hinauswill? Sehr aufmerksam! Mathematik und Geometrie
sind nutzlos, wenn man verstehen will, was sich dort abspielt. Was
man anfassen kann, kommt dabei gar nicht in Betracht, es macht ja
keinen Sinn. Auf die Absicht kommt es an! Und dafür gibt es
keine Formel. Wer den Zusammenhang nicht herstellen kann, gehört
nicht zu dieser Wirklichkeit. Sie ist für ihn nicht da. Wer
die Vorstellungen aber hat, der wird feststellen, daß er sie
selbst erzeugen mußte. Sie wären sonst ja nicht da. Auf
dem Vorfeld sind sie nicht. In der Luft liegen sie nicht. Man kann
sie nicht kaufen, nicht einfangen, nicht ergaunern. Selbst wenn
sie auf einem silbernen Tablett serviert werden in dieser witzigen
Abhandlung über Virenkriminalität, habt Ihr das, wäre
ohne Eure wundersame Auffassungsgabe alles vergeblich. Wir kommen
später darauf zurück. Der geneigte Detektiv merkt sich
an dieser Stelle, daß er mit seiner Kombinationsgabe etwas
hat, was ihn zwischen den Welten wandern läßt. Er kann
hin und herwandern zwischen materiellen und höheren Erscheinungsformen
der Wirklichkeit. Habt Ihr das? Natürlich nicht unbedingt als
Anfänger, ja, sehr aufmerksam. Wir befinden uns übrigens
ganz am Anfang einer gemeinsamen Wanderung, wenn es nach mir geht.
"Noch
einen Saft, die Herrschaften?" Habt Ihr das? Der freundliche
Herr der Bodencrew räumt die leeren Eisschalen ab und fragt,
was er zu trinken bringen darf. Es spricht eigentlich nichts dagegen,
aber stellt Euch vor, Ihr hättet seine Absicht nicht erfaßt,
hättet Gesichter geschnitten anstatt Euch zu entscheiden. Er
hätte Euch vermutlich nach nebenan in die Kinderaufbewahrung
gebracht. Oder stellt Euch den Großvater vor, der während
eines langen Christenlebens niemals gefragt wurde, ob er einen Eisbecher
und dann einen Fruchtcocktail haben will, oder umgekehrt. Ob er
dennoch die Geistesgegenwärtigkeit hätte, zu antworten:
Es spricht nichts dagegen, wenn Sie außerdem Gummibärchen
bereithalten? Ich wage es zu bezweifeln. Habt Ihr jetzt erfaßt,
was der Ober will? Es ist kein Scherz! Diese Truppe ist einfach
korrekt. Und habt Ihr erfaßt, was ich die ganze Zeit versuche,
auf einem Silbertablett zu servieren? Ich wage nicht, es zu bezweifeln.
Das Vorfeld
ist eigentlich spannender als der Flug. Wenn man oben ist, will
man nur noch runter. Gelegentlich hat man ne schöne Aussicht,
man hat die Wolken, aber was soll's. Ansonsten den Start natürlich.
Wenn sie nach der Freigabe die Bremsen losmachen, beschleunigen
und hochziehen, das hat schon was. Abgesehen davon ist Autofahren
schöner, ausgenommen vor roten Ampeln und im Stau. Oder auf
Glatteis. Fliegen ist einfach lästig, es sei denn, man hat
den Steuerknüppel selbst in der Hand.
Ihr wißt
wahrscheinlich, daß ich den Segelfliegerschein habe? Da geht
es noch ganz anders zur Sache, falls man an der Seilwinde startet.
Maschine startklar, bitte anziehen, gibt der Funker dem Windenfahrer
durch. Der macht die Bremse an der Trommel auf und erhöht die
Drehzahl des Zugmotors geringfügig. Seil straff, sagt
der Funker, Maschine rollt - frei! Dann dreht der Andere
auf. Du hängst in einem Winkel von schzig, siebzig Grad am
Haken, siehst nur noch Himmel über dir und fragst dich, ob
es nochmal aufhört. Er zieht dich in einer Minute vierhundert
Meter höher.
Nach dem Ausklinken
kommt allerdings Freude auf. Du suchst dir einen Bart, so heißen
die Aufwinde unter den Wolken, und läßt dich lässig
kreisend höher tragen - fünf, manchmal sieben Meter pro
Sekunde. Leider legen sie schon nach wenigen Stunden unten am Platz
Streifen aus. Es ist das Zeichen, mit dem sie dich auffordern, zu
landen, und den Flieger einem Kameraden zu überlassen. Zum
Heulen ist das, wenn du im Slip mit ausgefahrenen Landeklappen
Höhe kaputt machen mußt. So reden Flieger unter sich,
sie machen Höhe kaputt und heulen. Wenn du unten auf eine Maschine
wartest, siehst du das natürlich anders. Vor allem bei guter
Thermik. Wenn man nicht landet, obwohl sie Streifen ausgelegt haben,
kriegt man bei nächster Gelegenheit die Krawatte abgeschnitten.
Auch wenn man erzählt, man habe die Streifen nicht gesehen.
Selbst wenn man sie nicht gesehen hat! In der Kantine hängen
lauter abgeschnittene Krawatten. Wenn du nie eine anhast, bestellen
sie Lokalrunden auf deine Rechnung. Oder du mußt bei guter
Thermik, wenn es unter den Wolken zieht wie im Fahrstuhl, den Windenfahrer
machen. Das alles nennt sich Kameradschaft.
Flugkapitäne, die richtig fliegen wollen, machen den Segelfliegerschein.
Auf ein paar Krawatten kommt es denen nicht an. Instrumentenflüge
finden sie meistens langweilig.
Wir
überfliegen nun den Flug samt Landung in Heathrow, das ist
nebensächlich, ausgenommen vielleicht für den Großvater.
Onkel William wartet schon und übernimmt die Führung.
Er kennt alle Verbindungen, besorgt die Tickets und bringt Euch
in das Schlafabteil eines klapprigen Fernzugs, der bis Schottland
durchfährt. Jetzt könnt Ihr schlafen, aber zieht die Gummistiefel
aus. Ja, ich warte, bis Ihr aufwacht, großes Ehrenwort. Bis
dahin wird nichts unternommen.
Ich nehme an,
die Herrschaften rekapitulieren rückwärts am Abend? Immerhin,
der Virentöter wartet, während man Schlaf gebucht hat.
Aber ständig diese Frage, ob man durchblickt. Das nervt! Wirklich
merkwürdig mit den Absichten. Und den Zusammenhängen.
Nicht zum Anfassen, was wichtig ist. Der Onkel aber korrekt. Hat
an alles gedacht. Den Wecker gestellt, bevor er einschlief. Nur
einmal Ostwind, als wir auf dem falschen Bahnsteig waren. Flug ganz
anders, als behauptet. Viel besser als Vorfeld. Im Cockpit erst
recht. Instrumentenflug total spannend. Leider den Namen des Kapitäns
vergessen. Nicht sehr aufmerksam. Die der Stewardessen auch, verdammt.
Immer korrekt, Essen und DVDs gebracht. Mit dem Start hatte er recht,
geht dermaßen ab, wenn sie aufdrehen. In Frankfurt kennt er
sich aus. In Mathe sogar, obwohl er anders redet. Wieviel Jobs denn
noch? Wahrscheinlich war er selbst beim Kindergeburtstag. Das Liebespaar
in der Warteschlange, ob er da wirklich gelesen hat? Stimmt jedenfalls.
Wollen vermutlich impfen. Wow, die Halle im Sheraton! Da kann man
Fußball spielen. Zeitungsente nach den Regeln der Kunst geschlachtet.
Die legt kein Ei mehr. Johann hat mit Lucie Klartext geredet. Wenn
der die Hunde losläßt! Wer zappelt in der Falle? Wartet
auf unser Ergebnis. Wie ging der Witz mit den Advokaten? Wie kam
überhaupt die Sprache darauf? Lucie irgendwie, Dickens, Bleakhouse,
genau: Brummstübchen. Man kann nicht alles lesen. Gütiger
Himmel, Lucie. Mehr als korrekt. Der Euro keine Währung? Was
denn dann! Wo sie wohl Hermine herhat? Immerhin die Seelen
korrekt geliefert. Die mit den Waden im Krautstampfer! Gleich fünf
Stück mit breitem Grinsen. Sauerkraut für die Haut der
Braut. Ein Rap. Hat er gar nicht gemerkt. Immerhin keine Absteige.
Und keine Viren. Keine Viren vorhanden! Stefan die ganze Nacht -
halt, vorher der Bush-Mann. Kann man Lügen anfassen? Nachdem
sie faustdick sind! Und dann ersticken? Hoffentlich - darf man sowas
wünschen? Ist nur ein Bild. Übertragener Sinn. Nicht zum
Anfassen. Höhere Erscheinungsformen der Wirklichkeit, nicht
für Bush-Männer geeignet. Wehe, wenn sie Gedanken lesen.
Dann fliegt der Geheimdienst ein. Geht aber gar nicht. Seine eigenen
höchstens. Du mußt dermaßen aufpassen. Nicht nur,
wenn er übermüdet ist. Trinärcode mag ja sein. In
Rußland vielleicht. Ansonsten nimmt er das zurück.
Immerhin kenne
ich Eure Einschlafgedanken. Und ich schleiche mich in Eure Träume
ein. Nicht daß ich mitträumen könnte, nein, ich
werde geträumt. Das ist ein altes Anliegen. In Frankreich wird
von mir geträumt, das geht aus Briefen hervor, genauso in Schweden.
Deutschland sowieso, jetzt in England. Ulrike hat zehn Jahre lang
von mir geträumt und wachte immer auf. Dann kam sie rüber
und küßte mich. Es gab ja noch keinen Virenverdacht.
Also darauf kommt es mir an. Auch im übertragenen Sinn. Ich
bin nicht Traumfänger, bin kein Traumgänger. Ich komme
daraus hervor. Das kann ich beweisen! Lest doch die Briefe. Tu
es dans mes rêves / plein de bisous steht da zum Abschied,
wenn es sich um Frankreich handelt. Das sind Fakten, die zählen.
Natürlich kann man sie nicht anfassen. Man reibt sich die Augen
aus und weiß: In tausend Träumen bin ich vorhanden. Soviel
zu meinen Absichten, Ihr Schlafmützen.
In diesem Land
könnte ich nicht schlafen. Du weißt effektiv nie, ob
jemand mitträumt. Zauberschulen für Kinder sind dort ganz
normal. Wenn man den falschen Bahnsteig nimmt, kommt es zu sehr
merkwürdigen Begebenheiten. Habt Ihr auch davon gehört?
Am Anfang ist es total spannend. Man hat den Eindruck, eine niedere
Erscheinungsform der Wirklichkeit zu betreten, eine Welt von elementarer
Tücke. Dort kann man alles anfassen! Noch der seichteste Gedanke
nimmt konkrete Gestalt an, wird greifbar und meistens handgreiflich.
Vielleicht ist das eine britische Spezialität? Die erhabensten
Vorstellungen nehmen handgreifliche Gestalt an. Jeder Vorsprung
ist besetzt mit Gestalten, in denen etwas Unfaßbares sinnliche
Formen annahm. Bei einem Träumer geschieht etwas Ähnliches,
indem Gedankengespinste sich in Bildern und Bilderfolgen konkretisieren.
Habt Ihr das - ich meine, ist das Konsens auf diesem Bahnsteig?
Dieser Wirklichkeitsbezug ist vermutlich der Grund, weshalb in dem
bezeichneten Land die Träume zwangsläufig mit Scharen
solcher Gestalten infiziert werden. Sie dringen in die Vorstellungen
ein, und dort verbreiten sie ihren besonderen Charme. Sie schleimen
sich ein und finden tausend Möglichkeiten, Kinder mit bösen
Absichten zu konfrontieren. Denn sie sehen den Traum und greifen
in die Handlung ein. Wer keinen Traumwächter hat, sollte dort
nicht schlafen. Wenn Ihr wachbleiben wollt, denkt an Deutschland.
Der Traumwächter
kann das Schlimmste vehindern. Zwar sieht er den Traum selbst nicht,
kann die plumpen Kerle aber durch seine Anwesenheit meistens täuschen.
Da er ständig gähnt, vermuten sie Langeweile, und das
können sie auf den Tod nicht ausstehen. Ohne Aufmerksamkeit
sind sie nichts. Wenn der Wächter seinerseits infiziert ist
oder seine Langeweile nicht überzeugt, kann es passieren, daß
sie sich mit ihm befassen. Eine bewährte Art, damit unzugehen,
ist die Darstellung des Erlebten in Schriftform, sofern es niemand
liest. Falls doch, wären Neuinfektionen die Folge. Von epidemieartiger
Ausbreitung ist in der Vergangenheit immer wieder berichtet worden,
wobei die bekannten Impfstoffe wirkungslos blieben. Man nimmt an,
daß die beobachteten Schäden im Gehirn der Betroffenen
durch mutierte Kleinstlebewesen hervorgerufen werden, die sich in
der Vorstellungswelt zu Monstergebilden auswachsen. Einer Frankfurter
Forschergruppe ist es bereits gelungen, Betroffene ohne Nebenwirkungen
mit Langeweile zu impfen. Die meisten Probanden zeigten gegenüber
der Kontrollgruppe eine deutlich bessere Widerstandskraft. Da der
Impfstoff billig herzustellen ist, ziehen die Behörden einen
allgemeinen vorbeugenden Impfzwang in Erwägung. Kritiker befüchten
aber, daß die Wirkung nicht vorhält, sondern im Gegenteil
zu lebenslanger Abhängigkeit und schlechter Lebensqualität
führt. Sie empfehlen statt dessen, die Aufmerksamkeit der Kinder
von minderwertigen Stoffen auf wirklichkeitsgerechte Gegenstände
zu lenken. So wollen sie den verruchten Entitäten alle höheren
Vorstellungskräfte, von denen sie abhängen, entreißen.
Andere Kreise versuchen genau das zu verhindern. Teile des Hochadels
vor allem und Machtanbeter, die verbotene Riten praktizieren, befürchten
den Verlust ihrer Einflußmöglichkeiten, soweit sich diese
auf Gestalten der Finsternis stützen. Um den Auseinandersetzungen
nicht tatenlos zusehen zu müssen, haben Kinder Banden gebildet
mit dem Ziel, die verborgenen Absichten der führenden Generationen
bloßzustellen. Sie machen sich dabei die Plumpheit und sprichwörtliche
Dummheit der Machtanbeter zunutze, indem sie Fragen nach deren Wirklichkeitsbezug
formulieren. Als erstes Ergenbis dieser Untersuchungen läßt
sich festhalten: Das große Lachen hat begonnen -
Entschuldigt
bitte, jetzt bin ich doch eingenickt. Wenn man um Vier aufsteht,
gehen abends die Lichter pünktlich aus. Grundsätzlich
ist die Qualifikation zum Traumwächter dadurch aber nicht in
Frage gestellt, soweit jedenfalls, als sich diese auf profunde,
themenbezogene Langeweile stützt.
Habt Ihr meinen
Traum miterlebt? Ich war wieder Lokalreporter und habe versucht,
einen Bericht über Infektionen zu platzieren. Immer diese Panik,
daß er durchfällt! Zwar wußte ich, was der Chef
hören wollte, allein, er mußte manche Kröte schlucken.
Es war ein Geben und Nehmen bis in niedere Erscheinugsformen der
Wirklichkeit hinein. Im Eifer wurde ich ungenau und fiel in Klischees,
die er mir gnadenlos vorhielt. Gnadenlos zum Beispiel, diesen
Ausdruck hätte er gestrichen. Sachlich bleiben, junger Mann,
du bist Reporter und kein Apostel! Wenn du predigen willst,
zieh wenigstens die Kutte über. Was meinst du, warum die Leute
Ordenstracht tragen? Damit man sie vom gemeinen Lugenbeutel unterscheiden
kann. Was ein guter Report sagt, dient dem Augenblick, Apostel reden
für die Ewigkeit. Und das sollte verdammt gut erwogen
werden. Er konnte sich stundenlang über einen Ausdruck
aufregen! Meistens ging's haarscharf an der Sache vorbei und war
ein Heidenspaß. Es bereitete ihm eine diebische Freude, Illusionen,
also traumartige Vorstellungen, zu zerstreuen. Mal hatte er Platz
für dreißig Zeilen, mein Bericht aber nur zehn, und dann
war's wieder umgekehrt. Sachzwang nennt man das in der Berufswelt,
sei es die niedere oder höhere Erscheinungsform!
Was ein Morgen,
Kinder! Nun reibt Euch die Augen aus, wir müssen über
das Wetter reden. Außerdem seid Ihr gleich da. Ich bin nicht
sicher, ob die Zeit für ein Frühstück reicht. Und
vergeßt die Gummistiefel nicht, Ihr werdet sie brauchen. Habt
ja überhaupt keine anderen Treter dabei. Das Wetter ist herrlich,
vielleicht der schönste Sonnenaufgang, den das Vereinte Königreich
erlebte. Genauso muß man sich ausdrücken. Ihr seid nicht
mehr in England, denn so bezeichnet man nur den Süden dieser
Insel, also Heathrow und Umgebung. Zusammen mit dem Rest heißt
es Großbritannien, und wenn der Norden Irlands mitzählt
- vom Wetter her sicher korrekt - sagt man Vereintes Königreich.
Die Queen dient aus alter Gewohnheit als Staatsoberhaupt auch in
zahlreichen anderen Ländern, die zusammen Commonwealth
heißen. Da sich diese Territorien über die ganze Erde
verteilen, ist das Wetter meistens uneinheitlich. Dazu kamen Kolonien,
die zwar nicht zur Umgebung von Heathrow gehörten, aber immer
so behandelt wurden. Nur das Wetter machte den Unterschied. Im Grunde
zählt alles, was englische Sprache beherrscht, zum Einflußbereich.
Die Computerwelt, sofern sie Binärcode verwendet, genauso wie
Dröhnmusik und die Finanzmärkte. Ohne Übertreibung
kann gesagt werden, daß die Jugend dieser Welt, auf dem Boden
des christlichen Abendlandes stehend oder nicht, sowie der größte
Teil derer, die nicht dazu gehören - ich meine nicht den Großvater
- gemeinsam dazugehören. Habt Ihr das? Man nennt es Herrschaftsdenken.
Kein Wunder, daß die Fäden unserer kriminalsoziologischen
Untersuchung hier zusammenlaufen!
Was ist los?
Kriminalsoziologisch, eins meiner Lieblingswörter, wollt
Ihr streichen? Demnach seid Ihr lernfähig? Was haltet Ihr davon,
wenn wir das Frühstück streichen? Sehr gut, fünfzehn
Punkte! Nun macht hin, man wartet schon auf Euch. Ihr seid aufgestanden,
um die Christenheit von einer stinkenden Eiterbeule zu befreien.
Es schmeckt
sowieso nicht. Ich habe dieses Futter für Euch probiert und
darf sagen, wer jemals im Krautwickel war, Ihr erinnert Euch sicher
an diese berühmte Stelle aus der Kriminalliteratur, spuckt
alles, was danach kommt, förmlich aus. Das bleibt Euch
so erspart, ist es nicht? Wenn Ihr den richtigen Bahnsteig nehmt,
können wir gleich mit der Arbeit beginnen! Habt Ihr jemals
erwogen, wieviel Zeit die Christenheit durch Essensrituale verliert?
Ich habe manchmal den Eindruck, daß die Freiheit eines Christenmenschen
darauf hinausläuft, sich dreimal am Tag den Bauch zu füllen.
Martin Luther habt Ihr doch behandelt? Gegen ein ordentliches Frühstück
hätte er sicher nichts eingewendet. Er kannte aber die guten
Seiten des Verzichts, und darauf läuft schließlich alles
hinaus, habt Ihr - ich meine, ist es nicht?
Und ist es
nicht merkwürdig: Hier sieht's aus wie am Eingang zur Gießener
Straße in Frankfurt. Zäune, Natodraht, Mauern, Wachen,
Schleusen, Gitter - Panzerglas und Kameras. Sieht aus wie die Botschaft
der Vereinigten Staaten, aber viel, viel größer. Im Innern
vierspurige Straßen mit Ampelkreuzungen, Hafenanlage, Pipelines,
Güterwagen, Rohre und Tore. Onkel William geht ohne Zögern
zum nächstgelegenen Eingangstor, wo die Jungs der Security
lässig angelehnt mit einem Mädchen in Eurem Alter scherzen.
Noch eben hat sie die smarten Burschen mit Witzen versorgt, unterbricht
jedoch in dem Moment, wo sie Eure Gummistiefel sieht. Kein
Mensch läuft bei dem Wetter mit solchen Tretern rum! "Das
müssen die Grünschnäbel vom Kontinent sein,"
erklärt sie den Wachleuten in Landessprache. Da Ihr kein Frühstück
hattet, habe ich für Euch übersetzt. "Sie praktizieren
bei einem dämlichen Käseblatt in ihrer merkwürdigen
Heimat und wollen einen Report über unser Wetter platzieren.
Da müssen sie noch ne Menge lernen." Bei diesem letzten
Satz zeigt sie auf die Stiefel und bewirkt große Heiterkeit
bei den Typen.
Dann sagt sie
auf gut deutsch: "Da seid ihr ja. Schätze, ihr habt euch
mit dem Frühstück aufgehalten, stimmt's? Wir können
sofort los. Laßt mich nur noch diese Kerle abservieren."
Das geschieht wieder auf englisch, grob übersetzt mit folgenden
geflügelten Worten: "Bis dann, Männer. Paßt
auf, daß dieses Wetter nicht abhanden kommt."
Schätze,
sie hat Euch an den Stiefeln erkannt. Mit dem Frühstück
hat sie sich ja vertan. Von Lucie sehr korrekt eingefädelt!
Ein konspiratives Treffen an der schottischen Küste, die mit
allen Wasser gewaschen ist, ich meine mit Hermine, die nicht auf
den Mund gefallen - Verdammte Hacke! Jetzt reden beide englisch,
sie und der Onkel, das geht mir viel zu schnell. Ich verstehe immerhin
genug, um Euch sagen zu können, daß es nicht wichtig
ist. Im Grunde genommen reden sie immer nur über's Wetter,
die Details können wir uns sparen. Ich kenne diese Sprache
auch nur aus der Schule, und das sagt leider alles. Jetzt redet
sie wieder deutsch.
"Euer
Sekretär hat mir gesagt, daß ihr noch nichts gegessen
habt. Er macht voran, um euch etwas zu besorgen. Auch muß
er seine Nichte anrufen, keine Ahnung, warum. Und wenn er alle Bahnsteige
herausgefunden hat und die Zeittabelle der Abfahrt, ihr versteht,
wird er zurück sein, um euch herauszuholen. Los, Jungs, wir
setzen uns in den Van von meinem Daddy. So long, William!"
Er hebt den
Unterarm zum Abschied und verzieht sich Richtung Bahnhof, vorbei
an zwei Personen, die mir schon im Zug auffielen. Sehen aus, als
hätten sie überhaupt keinen Plan. Sie zögern und
wissen nicht, wohin. Wollen sie William um Auskunft fragen? Nee.
Kommen sie rüber zu Euch? Nee! Sie gehen zum Eingangstor und
reden mit den Typen von der Security. Offenbar versuchen sie, ins
Werk zu gelangen. Scheint aber Probleme zu geben. Es ist verdammt
nicht einfach, da hinein zu kommen.
"Vor siebzehn
Jahren hat mein Dad angefangen, hier zu arbeiten. Es gibt einen
Kindergarten da drüben mit Spielplatz und allem. Ich liebte
diesen Ort. Die Mitarbeiter können Sport machen und sich erhohlen,
alles ist da. Ich war jeden Tag dort und es gab keine Probleme.
Aber alles hat sich geändert. Als ich heute früh mit meinem
Dad reinwollte, machten sie einen Aufstand. Die Leute von der Security
sind alle neu und kennen niemanden. Wir mußten die Abteilung
anrufen und so weiter, dann durfte ich rein. Ich mußte im
Kindergarten persönlich ein Geschenk abgeben, versteht ihr?
Mein Dad sagt, ihr seid an diesem Paket interessiert, ist das so?
Hier hatte ich den Kuchen, als ich reinging, und die Security konnte
ihn riechen. Als ich rauskam, hatte ich euer Paket, und sie rochen
überhaupt nichts. Ich sagte, sie sollten sich im Kindergarten
anmelden, um Kuchen zu bekommen, und sie lachten wirklich wie Kinder."
Hermine öffnet
die Schachtel und zeigt zwei Behälter aus Styropor. Sehen aus
wie die Box aus Johann's Labor, die Ihr nach Stuttgart gebracht
habt. Und tatsächlich, auch der Inhalt stimmt überein.
Unter dem Trockeneis finden sich jeweils komplette Sätze von
Abstrichen und Gewebeproben der Volksschauspielerin, wie ihn auch
Stefan bekommen hat. Aber eins ist merkwürdig, ist es nicht?
Diese Proben sind unberührt und originalverpackt! Wie ist das
möglich? Karlsruhe hat doch der Presse erzählt - und die
hat es verbreitet - das schottische Referenzlabor habe bestätigt,
daß die tödlichen Viren vorhanden sind. Und nun zeigt
sich, daß sie überhaupt nicht untersucht haben! Kinder,
dieser Kuchen muß schleunigst zu Johann gebracht werden. Es
ist ein Sahnestück von großem Wert, was Hermine nebenbei
aus ihrer Schachtel gezaubert hat!
Sie hat schon
gemerkt, daß Ihr vor Aufregung kaum sitzen könnt. "Mein
Dad sagt, sie haben nichtmal eine brauchbare Zentrifuge im Labor.
Alle Proben kommen in den Kühlschrank. Sie haben nichts damit
zu tun. Es gibt eine neue Abteilung für Public Relations,
versteht ihr, und dort haben smarte Amerikaner, Agenten vermutlich,
am meisten Einfluß. Sie sprechen zu den Zeitungen über
Ergebnisse, und niemand sonst darf es. Die Proben liegen im Schrank
und niemand merkt, wenn etwas fehlt. Sie haben nichts damit zu tun!
Mein Dad hat herausgefunden, daß etwas schief läuft.
Sie produzieren nur noch einen Stoff, davon aber viele Tonnen, und
alles auf Vorrat. Der Stoff hat keine Zulassung, man darf ihn nicht
verkaufen. Mein Dad sagt, daß ein Minister aus der Regierung
der Vereinigten Staaten im Hintergrund Einfluß ausübt.
Es gibt ne Menge Leute in den Zeitungen und überall, auch auf
dem Kontinent, die den falschen Schottischen Ritus praktizieren
und erreichen wollen, daß die Paletten als Impfstoff anerkannt
werden. Dann wollen sie alles verkaufen. Er sagt auch, für
dieses Mal ist nicht Halliburton der Hintergrund, soweit
er herausgefunden hat. Da müssen andere sein."
Nach einer
kurzen Atempause fährt sie fort: "So, das ist es, was
ich weiß. Und jetzt muß ich los. Mein Dad schickt viele
Grüße an eure Sekretärin zuhause. Die beiden haben
viele Nächte durchgetanzt, als er in Frankfurt ein Student
war. Seit meine Mom verstarb, schickt sie immer wunderbaren Kuchen
aus dem guten alten Deutschland zu meinem Geburtstag. Ich liebe
es wirklich! Sie muß eine wunderbare kleine Person sein, soweit
mein Dad herausgefunden hat. Und sie weiß zu sprechen wie
ein Mädel aus den schottischen Hochlanden!"
Was lese ich
da? Kuchen schicken, das habt Ihr notiert? Ich verstehe.
Wenn der Magen knurrt, geht die Phantasie zum Bäcker. Wollt
Ihr nicht lieber die ePost-Adressen tauschen? Ja, sehr aufmerksam,
die könnt Ihr vielleicht noch brauchen. Und nun laßt
sie ziehen, Ihr habt doch Eure Informationen. Für Gefühle
ist Lucie zuständig, sie kann für Kuchen sorgen. Vielleicht
wird sie einen Fummel schicken oder eine Hutschachtel. Von solchen
Dingen versteht Ihr nichts, wie an den Tretern gleichnishaft zu
erkennen ist. Sauerkraut wäre nicht schlecht, wegen der Haut.
Ich meine, Hermine ist eine bezaubernde kleine Person mit ihren
Pickeln - au, verdammt! Auf dem Kontinent würde man jedenfalls
Krautsaft verordnen. Krautsaft vor Brautschaft, so lautet
ein geflügeltes Wort auf der Filderebene. Bitte keine Schwäche
zeigen, Herrschaften. Ich verstehe das zwar, aber wir sind im Dienst!
Außerdem
ist Onkel William zurück. Er hat lauter Tüten unterm Arm,
denn alles, was mit Ernährung zu tun hat, betrachtet er als
ernste Angelegenheit. Tatsächlich sollte man sie nie vernachlässigen.
Der Mangel dringt leicht in die Vorstellungen ein und besetzt die
niederen Regungen der Natur mit finsteren Gestalten. Das kann ich
beweisen! Merkwürdige Träume sind die Folge und im schlimmsten
Fall ein beständiger Verlust der Kombinationsgabe. Wollt Ihr
das? Na also. Zwar wäre es nicht unbedingt rufschädigend
- die meisten Zeitgenossen merken gar nicht, wenn da etwas fehlt
- aber extrem berufschädigend. Als Detektive mit wissenschaftlicher
Grundeinstellung! Ja,
winkt nochmal, und dann los. Macht hin! Schiebt Euch im Gehen was
rein, auch wenn es nicht der feinen englischen Art entspricht. Der
Zug steht schon am Bahnsteig. Wenn das Trockeneis nicht reicht,
sehen wir sowieso alt aus. Ist Heathrow eigentlich der einzige Fliegerhorst
auf dieser verdammten Insel?
Der Onkel ist
ein Schatz, wenn ich das mal sagen darf. Habt Ihr das notiert? Ihr
habt nicht, verstehe. Wie heißt sie übrigens, die Kleine,
ich meine - Hermine ja wohl nicht. Ihr habt es vergessen? Habt vergessen,
nach dem Namen zu fragen? Sehr aufmerksam. Wollt Ihr im Zug ein
Nickerchen - schon gut! Nur ne Frage. Ich hätte die Träume
bewacht. An wen geht denn die ePost? Na prächtig: J.Donnegall.
Jasmin also. Oder Judith. Oder Jane. Oder Julia. Oder Janina. Oder
Jessica. Oder Jennifer. Oder Jamila. Oder Johanna. Oder Jaqueline.
Oder Josephine - wie bitte? Wo die Schachtel ist? Das fragt Ihr
mich, nachdem der Zug ausfuhr? Wirklich ehr aufmerksam! Ihr stopft
Euch die Backen voll und vergeßt das Beweisstück. Ich
muß leider, leider dafür sorgen. daß es in die
Personalpapiere kommt.
Leider,
leider, so drückte sich mein Chef aus, wenn er eine außerordentliche
Schadenfreude empfand. Er hatte bekanntlich einen ganz sonderbaren
Humor. Einen Eintrag hat er zwar nie gemacht, aber ununterbrochen
welche formuliert. Wenig Erfahrung mit Auslandseinsätzen.
Aufmersamkeit von Tagesform abhängig. Selten gefühlsneutral.
Unvollständige Dokumentation. Geistesgegenwart unter Streß
gefährdet. Entbehrungen nicht gewohnt. Informanten gegenüber
unkritisch. Nur bedingt teamfähig. Einsatzfreude läßt
zu wünschen übrig. Stimmungen und Launen unterworfen.
Schwach in Fremdsprachen -
Oh, was hat
Onkel William in der Tasche unter seinem Arm? Schätze, das
ist kein Kuchen, hey, nachdem Ihr alles aufgegessen habt. Könnte
ein Transportbehälter für Medikamente sein, ist es nicht?
Muß ihm wohl jemand in die Hand gedrückt haben auf der
Suche nach Futter. Ich hoffe, Ihr seid wenigstens satt geworden.
Hätte
ins Auge gehen können, oder? Wart Ihr in Versuchung, von einem
Zufall zu sprechen, von einer glücklichen Fügung? Dabei
habe ich alles arrangiert. Zufällig habe ich alles genau geplant.
Aber Leute,
die nicht wissen, was sie tun, reden so. Anwesende Personen sind
vorläufig ausgenommen. Grüßt mir den Großvater,
falls er vorliest. Nein, ich meine draußen im Leben. Wer so
redet, gehört zu einer ganz besonderen Truppe. Daß sie
einem grausamen Zufall nebenbei entlaufen sind, ist ihr ständiges
Credo. Und sie plagen sich ab, die Christenheit davon zu überzeugen.
Seht uns an, brüllen sie, wir, einem grausamen Zufall
entlaufen. Und sie schlagen sich an die Brust.
Ich klopfe
ihnen auf die Schulter. Sagt es nur laut, ihr habt Glück
gehabt. Beinah wärt Ihr nicht vorhanden gewesen. Ein Zufall
zum Anfassen. Da werden sie stinkig! Obwohl ich sie ermuntert
habe, vermuten sie, daß ich ihnen nicht glaube. Es genügt
nicht, daß man zugibt, sie sind dem Zufall entlaufen. Sie
wollen, daß man selber brüllt: Ja, ich auch.
Richtig wütend können sie werden, wenn man dem Zufallsgott
nicht huldigt. Man darf es aber nicht so ausdrücken. Sie sprechen
im Namen Ihrer Heiligkeit - DER Wissenschaft. Anders ausgedrückt,
sie machen das, was sie dafür halten, zur Weltanschauung. Und
zum Glaubensdogma. Wissenschaft als Glaubensdogma, irgendwie merkwürdig.
Auf dem Thron der Zufallsgott. Und wenn man sie bestätigt,
Panik. Er meint, das gilt nur für uns. Und dann legen
sie sich ins Zeug!
Es ist nicht
die Weltanschauung, die mich dabei stört. Das kann ja jeder
mit sich selbst abmachen. Drollig finde ich nur, daß sie offenbar
keine Ahnung haben, was die Wissenschaften wirklich aussagen. Mit
dieser Einstellung glaubt man in hundert Jahren noch an Virenteufelchen!
Und wenn etwas
ganz Unvorstellbares geschieht, als wäre es die selbstverständlichste
Sache von der Welt, ist das niemals Zufall. Wenn man von der deutschen
Presse absieht, die immer völlig ahnungslos ist, glaubt auch
nie jemand an einen Zufall. An der schottischen Küste insbesondere
gibt es ein geflügeltes Wort für das, was vorgeht. Ihr
habt ja selbst bemerkt, daß diese Leute nicht auf den Mund
gefallen sind. Nachwuchsdetektive im Auslandseinsatz tun sich da
wohl etwas schwer. Selbst vorlesende Großväter wissen
gar nicht, was man meint. Lesen einfach darüber hinweg! Bei
jenem beschlagenen Bergvolk spricht man in diesem Zusammenhang davon,
daß der falsche Schottische Ritus praktiziert wird. Habt Ihr
das, ich meine - ist das Konsens auf diesem Bahnsteig? Immer muß
man nach verborgenen Absichten suchen. Auch bei sich selbst, nebenbei.
Nur Idioten, die selbst nicht wissen, was sie tun, reden unter allen
Umständen von Zufall. Habt Ihr das?
Wollen wir
die englische Presse daraufhin studieren? Wird das Tagesgeschehen
ausgeweidet, wo es nichts zu sagen gibt? Klar! Es ist der Leitspruch
der ganzen Truppe. Man schlägt sich an die Brust und tönt:
Seht uns an, wir enthüllen alles. Gleich danach erscheinen
Sporttabellen und Lottoergebnisse. Das Entscheidende wird verschleiert.
Aber eins ist anders auf der Insel. Es gibt schon auch Debatten.
Wo bei uns Dürftigkeit vorherrscht, dort gibt es richtige Debatten.
Bald jeden Tag, so scheint es, kann man Texte lesen, die bei uns
nie erscheinen dürften. Nie! Während dort schon längst
von Korruption die Rede ist, werden bei uns so merkwürdige
Begriffe wie Treuhandanstalt verwendet. Wie meinen? Die Sprache?
Ihr versteht
den Text nicht wegen der Sprache? Verstehe! Das geht Vielen so.
In der Muttersprache verstehen erst recht nichts, die Herrschaften.
Weil nichts gesagt wird! Sie drucken zwar, dürfen aber nichts
sagen. Sie müssen zwischen der Politik und dem Leser vermitteln.
Vermittlung ist der rechtschaffene Ausdruck für - na? Dürftigkeit.
Und man stellt sie ganz nahe an ihre Sprechblasen, diese Politik.
Meine Übersetzung will nicht etwa sagen, daß die englische
Presse verglichen mit der deutschen besser ist. Dazu gehört
nicht viel. Sie hat meines Erachtens eine besondere Qualität
dadurch, daß sie verborgene Absichten normalerweise nicht
als ihr Credo, sondern als ihr Thema begreift.
In Deutschland
gibt es keine verborgenen Absichten. Alles in Butter! Die real existierenden
Journalisten wissen überhaupt nicht, was das ist. Aber warum
gibt es keine Ausnahmen? Überlegt nur, wieviel Käseblätter
hier erscheinen! Sie nennen's - na? Pluralismus. Wäre es nicht
ein merkwürdiger Pluralismus, wenn an einem bestimmten Tag
ein paar
davon denselben Nepp brächten? Das ist eine ziemlich gemeine
Frage, ich gebe es zu. Man bekommt nämlich leicht den Eindruck,
daß in Deutschland alle jeden Tag dasselbe schreiben! Es gibt
überhaupt keine Ausnahme, somit keine Debatte. Und alle wissen,
was sie nie bringen dürfen. Sie dürfen nicht einmal das
Thema wählen, über das sie schreiben müssen. Aber
von verborgenen Absichten haben sie nie gehört; da müßten
sie schon selber drauf kommen.
So oder so,
es gilt das erste Gesetz der Zeitungswissenschaft als Zweig der
Kriminalsoziologie, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf. Dieses
Gesetz gilt auf dem Festland, auf Inseln oder auch in Fliegern,
und fast ist es eine Definition. Nie wird man ihre Bedeutung verstehen,
so diese Regel, wenn man sich weigert, über verborgene Absichten
nachzudenken. Und darüber, wie sich die Blätter im einzelnen
dazu stellen. Nur
mal ein Beispiel. Während der WM, Ihr erinnert Euch, gab es
einen Tag, an dem die Abgeordneten in Berlin sehr fleißig
waren. Zuerst mußten sie den Hartz 4 - Empfängern, die
keine vierhundert Euro im Monat bekommen, Leistungen kürzen.
Das war ein hartes Stück Arbeit. Sie waren aber alle vorhanden,
obwohl kein Fernsehkanal aufzeichnete. Dann mußten sie außerdem
ihre eigenen Pensionen erhöhen. Das war sehr harte Arbeit,
denn es ging um dreitausend Euro zusätzlich jeden Monat. Da
alle zusammenhielten, ließ es sich stemmen. Die zugehörige
Sprechblase lautete, wir müssen alle den Gürtel enger
schnallen. Habt Ihr von diesen merkwürdigen Ereignissen
etwas vernommen? Nee? Findet Ihr das schlimm? Nee? Mag ja sein.
Offenbar ging es darum, die Alterbezüge neu zu reglen.
Wißt
Ihr, was nun merkwürdig ist? Kein einziges Blatt hat davon
berichtet. Zufall oder Übereinkunft? Vielleicht handeln sie
nach dem falschen Schottischen Ritus? Jedenfalls erhebt sich dieser
Verdacht. Wo viele etwas tun, was überhaupt nicht überzeugt,
und alles lassen, was geboten scheint, tanzen sie vermutlich nach
derselben Pfeife. Brave Leute finden nichts dabei, schon klar. Wer
ein bißchen Witz hat, wundert sich aber. Versteht Ihr jetzt,
was Hermine sagen wollte? Man kann ganze Berufsgruppen wie Hampelmänner
vorführen. Jumping Jack auf englisch. Stellt Euch vor,
Ihr müßtet ein paar unabhängige Leute dazu bringen,
einen solchen Dressurakt mitzumachen. Ohne irgendjemandem nahetreten
zu wollen, darf ich wohl behaupten, daß diese Absicht scheitern
würde. Bei der Berufsgruppe aber, von der wir sprachen, gab
es keine Ausnahme. Sie hielten alle dicht. Man weiß gar nicht,
was man mehr bewundern soll, den Dressurakt als solchen oder die
Unterwürfigkeit, auf die er immer rechnen kann.
Und nun soll
es Leute geben, die sich durch Zeitungen bilden, hey. Ist das nicht
drollig? Was sie schreiben, ist normalerweise schlimm genug, denn
eine halbe Wahrheit ist immer die ganze Unwahrheit. Viel schlimmer
wirkt sich aus, was sie ganz verschweigen. Am Schlimmsten sind verschleierte
Absichten, die daherkommen, als seien sie dem Zufall entsprungen,
obwohl sie einem strengen Ritus folgen.
Tut nicht
so bescheiden, pflegte mein Chef zu sagen, wenn er sich mit
den Redaktionskollegen angelegt hatte, ohne uns könnten
Kriege nicht beginnen. Wir liefern die Parolen und liefern den Anlaß.
Wir dürfen nur den Sermon niemals glauben, sonst geht
es wie im Dunstkreis gewisser Religionen. Dort macht man sich zum
Sklaven seiner Buchstaben.
Es gibt doch
Männer - meistens geschieht es bei Männern - die verwechseln
Denkzwänge mit Gesetzen, nicht wahr? Sie laufen rum und wollen
die Christenheit von Dingen überzeugen, die sich nur in ihren
Köpfen ereignen. Dort aber als Denkzwang. Nun stellt Euch das
vor! Es kommt daher wie die selbstverständlichste Sache von
der Welt, und hat überhaupt keinen Wirklichkeitsbezug. Und
doch kann es anstecken, kann sich ausbreiten durch gnadenlose Wiederholung
und Auflagenstärke. Selbst die allmächtige Kirche konnte
den Kopernikus nicht aufhalten, pflegte mein Chef zu sagen,
weil er recht hatte. Wir kommen heute ganz ohne diese überholte
Rechthaberei aus, und die Kirchen mit uns.
Auch ein falscher
Ritus bezieht sich nicht auf eine Wirklichkeit, sondern macht sich
selbst zum Ereignis. Kriege, die unausweichlich scheinen, Impfzwänge,
die man herbeiredet, das gehört zum Tagesgeschäft. In
Deutschland sind alle infiziert. Man müßte Agent White
aus dem Flieger abwerfen! In meinem Geheimlabor wird übrigens
daran gearbeitet. Wer Zugang wünscht, muß die Parole
kennen. Pssst, sie lautet: Odysseus kommt. Und die Antwort:
Erschlägt die Freier!
Die Odyssee
habt Ihr hoffentlich behandelt. Dann schnallt Euch jetzt zur Landung
an. Ich hoffe, Ihr hattet einen angenehmen Flug? Von meiner Seite
geschah jedenfalls alles, Euch zu unterhalten. Und aufzuheitern.
Schaut hinaus, wir überfliegen das Hanauer Kreuz. Gleich kommt
Offenbach ins Blickfeld, links Neu Isenburg. Hinten am Hang liegt
Götzenhain, wo die schönen Nymphen wohnen. Ich kenne all
ihre Gesänge! Jede hat ein eigenes Gestüt, und barfuß
reiten sie durch den Hain, bevor die herrlichen Pferde Ambrosia
bekommen. Oder sie schwimmen mit offenem Haar hinüber zur rosenfingrigen
Eos, wenn morgens der alte Helios pünktlich den Wagen mit dem
Zentralgestirn heraufzieht. Sobald sie mich sehen, fliegen sie herbei,
und ich empfange den köstlichen Nektar, der an ihren Lippen
klebt.
Vorne nur die
A3, der Frachtbereich, das Vorfeld, Zeitungsmüll. Vergeßt
die Box nicht - ja Entschuldigung! Die muß sofort zu Johann.
Schätze, Lucie wartet in der Halle mit besseren Tretern. Macht
Euch zivil und gebt ihr dieses Ölzeug zurück. Kein Mensch
braucht Regenjacken in Frankfurt! Wenn es regnet, stellt man sich
unter und lernt Leute kennen. Oder man wird einfach naß und
lacht über Anzugmännchen, die den Schirm vergessen haben.
Sie bedecken sich mit der Allgemeinen Zeitung das Haupt,
und werden trotzdem naß. Krawatten flattern im Wind und könnten
fliegend abgeschnitten werden.
Die Anzugmännchen
gehen auf meine Tochter zurück. Sie ist in Eurem Alter und
schaut mir beim Schreiben über die Schulter. Manchmal greift
sie in die Handlung ein, ohne daß Ihr etwas merkt. Oder sie
hilft bei der Begriffsbildung.
Schon als sie
Zweieinhalb war, zeigte sie eine gewisse Offenheit für detektivische
Fragestellungen. Eines Tages hat sie mich sehr direkt zu meinen
Absichten vernommen. Ich wollte immer vermeiden, daß sie auf
Süßigkeiten abfährt, versteht Ihr? "Babbili,
was hast du gegessen?" fragte sie streng, "es riecht nach
Schokolade. Mach den Mund auf, die Zähnchen sind ganz braun.
Hast du Schokoladen-Croissants gekauft? Ich will auch abbeißen.
Gibst du mir ein Stück?"
Als ich einmal
ein ernstes Anliegen vortragen wollte, steckte sie Watte hinter
die Ohren, um es zu ignorieren. Ich war völlig entwaffnet!
Später zeigte sich, daß sie in jeder Hinsicht verstanden
hatte. "Verdammte Hacke, Teddy, das kannste doch nicht bringen!"
hörte ich sie schimpfen. Beim nächsten Anliegen konnte
ich darauf zurückgreifen. Ich sagte: "Mein liebes Mäuselchen,
du mußt dir Watte hinter die Ohren stecken! Ich habe gesehen,
daß du mit meiner Stichsäge etwas bauen willst. Und ich
bin einverstanden, aber sieh dir deine Hände an. Wenn du den
Stecker in die Dose tust, hat die Maschine zuviel Kraft. Diese kleinen
Hände müssen ohne Strom arbeiten." Es stellte sich
heraus, daß diese ausgewogene Ansprache ein nebensächliches
Detail berührte. "Und dann versteckst du sie nicht? Ich
muß dem Teddy doch ein Bettchen bauen."
Wir haben immer
faire Bedingungen ausgehandelt und Absichten eingeräumt. Es
ist ein Land mit besseren Straßen, in das man dann gerät.
Ich hoffe, daß Ihr dieses geflügelte Wort eines Tages
nachvollziehen könnt. Der Großvater weiß schon
eher, um was es sich handelt. Doch nun laßt Euch von der Bodencrew
den Weg zeigen.
"Die habbe
die rischdische Treedä," ruft jemand auf gut hessisch.
Es regnet nämlich. Aber wartet mal. Wir müssen ein neues
Kapitel aufschlagen. Genau an derselben Stelle? Sehr aufmerksam!
Ob es am Flughafen liegt? An den vielen Erinnerungen, die ich daran
knüpfe? Oder doch am HTML-Code? Müde bin ich allerdings
auch.
Seid Ihr wach
soweit? Das wird schon nötig sein. Ich könnte Euch in
unangenehme Situationen bringen, bevor ich einschlafe. Für
mich ist der Flughafen mit - na? Küssen verbunden! Untrennbar
von Küssen ist der ganze Ort. Küsse beim Abflug, Küsse
bei der Ankunft, Küsse auf Arbeit - immer küßt man
sich. Und Ihr glaubt gar nicht, wie man am Abend nach einem Kuß
verlangen kann. Laßt den Großvater Pause machen. Er
würde sich nur langweilen. Sind noch Gummibärchen da?
Psst: Ich kenne
alle Mädels am Flughafen! Da hinten am Schalter der Air
France, die da winkt, das ist Danièle. Sie hat die schönste
Nase des Abendlandes mit lauter wunderbaren Sommersprossen. Ihre
Augen sind blau, dabei hat sie krauses, rotes Haar wie eine Keltenprinzessin.
Wartet einen Moment, ich gehe mal rüber.
"Glaubst
du diesen ganzen Quatsch?" frage ich sie. Danièle weiß
immer, was man meint, Kinder. Sie streicht mir über das Haar
wie gewöhnlich, und ihre Augen funkeln. Gibt es etwas Schöneres,
als solche Augen? Nicht mal auf der Filder vermutlich. Sie nimmt
mir die Brille ab.
Nun müßt
Ihr aber wissen, daß ich eine relativ dicke Zunge habe, die
mich beim Sprechen und Kauen oft behindert. Sie ist voller Narben
und Furchen - na? Vom Beißen! Weil ich zu oft draufgebissen
habe. Manchmal ist sie wochenlang geschwollen, so heftig beiße
ich unwillkürlich zu. Und man hört dieses merkwürdige
Knacken, wenn es geschieht. Kennt Ihr das? Ganz grausam! Meistens
knacke ich Stellen, die man willentlich überhaupt nicht zwischen
die Zähne bekommt. Nach vielen leidvollen Erfahrungen habe
ich herausgefunden, daß man nicht zu lange warten darf. Wenn
man zu lange auf einen Kuß wartet, neigt die Zunge zu allerlei
unkontrollierbaren Bewegungen und Parolen. Die Verletzungsgefahr
steigt mit jedem Tag. Wenn außerdem ein Exemplar Dienst tut,
das sogar beim Sprechen stört und die schriftliche Mitteilungsform
ratsam scheinen läßt, sollte man wenigstens für
regelmäßige Entspannung sorgen. "Tu l'as reporté
longtemps," sagt Danièle, die einfach alles merkt.
Selbst ich
merke etwas. Beim Küssen kann man unendliches Wissen erlangen.
Man betritt einen anderen Wirklichkeitsbereich und vergißt
die Welt ringsum. Dann schlägt man die Augen auf, und alles
ist wieder da. Düsenflieger, Zeitungen, Virengetöse. Man
vergißt den ganzen Wirklichkeitsbereich, solche Narren sind
wir. Es geschieht übrigens nicht bei jedem Kuß. Und nicht
nur beim Küssen, nebenbei. Was ich sagen wollte, die Details
muß man den Frauen überlasasen. Sie haben klugen Verstand
und planen ganze Epochen im Voraus. Man kann ja die merkwürdigsten
Erfahrungen machen mit diesen Wesen.
Nur mal ein
Beispiel. Wenn du heute spontan einen Besuch vereinbarst, um mit
Danièle zu kochen - Ihr wißt, daß ich ein begnadeter
Koch bin - kannst du erleben, daß sie gestern schon Zutaten
gekauft hat. Für diese Wesen ist das ganz normal. Es läßt
sich nie aufklären, weil sie kein Bewußtsein dafür
haben, wie merkwürdig es tatsächlich ist. Sie sind uns
mit ihrem Verstand voraus!
Und alles läuft
wie am Schnürchen, Jungs, wenn wir uns darauf beschränken,
die Signale ihrer Bereitschaft abzufangen. Habt Ihr das? Es setzt
subtile Beobachtung voraus, eine Wissenschaft für sich. Und
die schönste bei weitem, nebenbei. Ihren Gefühlen darf
man allerdings nicht trauen. Auf dem Gebiet sind sie Stümper,
obwohl alle Welt vom Gegenteil überzeugt ist. Was sie hier
unternehmen, gereicht ganz schnell zur Sentimentalität. Wie
in einem Film mit Doris Day. Fragt den Großvater, wenn er
wieder auftaucht. Vielleicht ist er eingeschlafen?
Große
Gefühle, für mein Verständnis eine Männerdomäne,
und Gefühlswahrhaftigkeit dürft ihr von diesen Wesen nicht
erwarten. Wenn man das weiß, ist vieles einfacher. Sie sollten
sich auf klugen Verstand konzentrieren, wenn Ihr mich fragt. Die
Liebe ist in diesen Systemen keine Gefühlsangelegenheit, wie
vielleicht bei uns. Bei diesen Wesen kann die Liebe wie eine Urgewalt
hervorbrechen, der nichts widersteht.
Möglicherweise
sind auch wir bis zu einem gewissen Grad fähig, Liebe zu erzeugen.
Wahrscheinlicher ist es, daß wir sie indirekt kennenlernen.
Wir erfahren davon, wenn wir in den Einflußbereich eines solchen
Wesens geraten, das sie auf uns projiziert. Im besten Fall werden
wir davon beeindruckt und angezogen, Jungs, wir spüren eine
Art Zugwind aus jenem Wirklichkeitsbereich, von dem schließlich
alles Geheihen abhängt.
Manchmal kommt
diese Liebe wie ein Ungetüm daher, und die Frauen selbst werden
davon überwältigt. So merkwürdig kann sie aussehen,
diese Urgewalt, daß wir nichts davon erkennen. Man kann sie
nicht anfassen, nebenbei. Notwendigerweise kommt es zu Katastrophen.
Es kommt zu Kettenreaktionen des Nichtverstehens. Und im Angesicht
solcher Katastrophen sind beide Parteien sehr effektiv. Wo die eine
Schwächen hat, liegen die Stärken der anderen, und umgekehrt.
So kann es zu Verletzungen kommen, die anders kaum möglich
wären. Viel schlimmer, als wenn man sich die eigene Zunge abkaut.
Zum Schluß steht man vor lauter Trümmern und versteht
rein nichts.
Man muß
schon in Rechnung stellen, daß es andersgepolte Wesen sind.
Ihre Liebe ist für uns Urnotwenidigkeit. Und den klugen Verstand
haben sie uns voraus. Die Geistesgrößen der Geschichte
waren zwar Männer, mit dem Verstand hat das aber wenig zu tun.
Eher mit Anschauung und ähnlichen Methoden. Wir wissen so wenig,
Kinder. Vollbehangen mit Klischees ziehen wir durch Tagträume
und Abfertigungshallen -
Wo seid Ihr
überhaupt? Verdammte Hacke! Da
paßt man einen Moment nicht auf, schon kommen die Burschen
abhanden. Wartet nur, wir landen nochmal! Ich werde andere Saiten
aufziehen. Ganz wenig Neigung, vor leerem Haus zu singen. Auch soll
mir keiner kommen und sagen, ich hätte junge Hunde zum Jagen
getragen. Hätte halbe Kinder zugeworfen mit unerhörten
Fragen. Sie mit Mädels zusammengebracht auf nüchternen
Magen. Gefährliche Lehren verbreitet mit Bakteriophagen. Die
Presse verglichen mit sieben Plagen. Das Parlament verschrien als
mit Blindheit geschlagen. (Als Schmachtfetz hoch auf dem gelben
Wagen!) Der Justiz höchstselbst unterstellt ganz falsche Klagen.
Dem Zufallsgott Huldigung verweigert an allen Tagen.
Waren vermutlich
überfordert. Ich sollte lieber beweisen, daß unsere Gesundheit
bei den Chemie-Riesen in besten Händen ist. Und auf sicheren
Bahnen. Daß unsere Politiker treu das Beste für sie planen.
Daß Freiheit steht fettgedruckt auf ihren Fahnen. Daß
ansonsten Zeitungen uns mahnen. Die von allen Tendenzen etwas ahnen.
Und nie gereichen Lügnern zu Kumpanen. Daß wir Trockenbeeren
ernten werden und Bananen. Und daß sich die Räder des
Fortschritts, durch Zufall vermutlich, zum schönsten Getriebe
verzahnen.
Im Oktober
2006
© Thomas Bokelmann
(wird
fortgesetzt)
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