Der Virentöter,
Kriminalphantasie für große Kinder.
Erste Fortsetzung

Wenn ich eine Zeitung nur aufschlage, Kinder, herrscht schon Ostwind Stärke zehn. Auf dem Flugfeld herrscht aktuell leichter Westwind vor. Die Flieger brauchen Gegenwind im Landeanflug. Bei Lucie läßt sich das nicht so einfach sagen. Einerseits hat sie den Wind immer im Rücken. Andererseits läuft sie bei Gegenwind zur Hochform auf und hebt nach wenigen Metern ab. In der Abflughalle, wo sich vor den Schaltern kange Warteschlangen gebildet haben und Reisende mit Bergen von Gepäck langsam vorrücken, praktiziert sie den strategischen Seitenwechsel alter Art.

An der Schlange vorbei, aus der man erstaunte Blicke auf sie wirft, geht sie direkt hinter den Schalter, als ob sie dort eine Zweitwohnung hätte. Eine junge Frau, die am Bildschirm sitzt, begrüßt sie mit Wangenküßchen und großem Hallo. Die beiden reden ein wenig, dann wird telefoniert. Lucie läßt sich den Höhrer geben.

Auf der anderen Seite des Schalters steht umschlungen ein Liebespaar. Sie küssen sich zum Abschied. Er darf mit in den Flieger, sie bleibt da. Wie es aussieht, halten sie nicht viel vom Bla-Bla der Zeitungen. Kann man das auf Dauer dulden? Untergräbt es die öffentliche Ordnung? Gefährdet es nicht gar die Christenheit? Wenn man genau hinsieht, ich meine, wenn man sehr, sehr gut beobachtet, kann man in ihren Gedanken lesen wie in einem offenen Buch. Als angehende Detektive solltet Ihr das üben. Morgen treiben sie eine andere Sau durch's Dorf, lese ich. Wenn sie impfen wollen, suchen sie Viren. Habt Ihr das? Und wenn sie Krieg wollen, suchen sie einen Anlaß. Manchmal muß man selber liefern. Auf die Absicht kommt es an! Wenn Ihr Euch auf dem internationalen Parkett bewegen wollt, solltet Ihr solche Fähigkeiten ausbilden.

Schätze, Ihr erkennt noch mehr? Ja ganau, sehr aufmerksam! Tatsächlich wollte ich möglichst schnell fertig werden mit der ersten Abteilung. Hab's in HTML geschrieben, und durch die Länge des Dokuments wurde alles dermaßen langsam, daß sich meine Erinnerung verweigerte. Habt Ihr das? Ich kam mir vor wie in einer Warteschlange kurz vor dem endgültigen Stillstand. Was weiß denn ich von HTML-Code! Euch gefällt das vielleicht, mich könnt Ihr damit jagen. Aber manchmal muß man in den Quelltext. Habt Ihr das auch schon erlebt? Durch irgendeinen blöden tag wird die erste Druckseite immer leer eingezogen, und erst auf dem zweiten Blatt Seite eins gedruckt. Unten steht aber Seite zwei von neunzehn, und du kannst nichts machen. Wenn man Duplexdruck eingestellt hat und eine ganz leichte Veranlagung zum Pedanten mitbringt, ist es besonders ärgerlich. Da vergeht dir der Spaß am Erzählen. Den tag hab ich zwar gefunden, an der Geschwindigekeit hat sich dadurch aber nichts geändert. Endlich kam ich auf die Idee, eine neue Abteilung zu eröffnen und aus der einfachen Story eine Fortsetzungsgeschichte zu machen. Jedesmal wenn der Erzählfluß ins Stocken gerät, weiß ich, daß der Binärcode an seine Kapazitätsgrenze gekommen ist.

Habt Ihr auch gehört, daß in Rußland mit Trinärcode gearbeitet wird? Da kannst du dreimal so schnell programmieren und brauchst viel weniger Platz. Was das für die Literatur bedeutet, kann man sich kaum vorstellen. Dreifach schnellerer Erzählfluß bei geringerer Gedächtnisleistung vermutlich. Oder habe ich etwas verwechselt? Auch die Natur arbeitet im Trinärcode. Ich muß Euch an dieser Stelle aber warnen. Es ist spät geworden, und wenn ich übermüdet bin, werde ich geschwätzig. Zuerst werden mehrere Hemmschwellen durchbrochen, die tagsüber den Aufgabenbereich Qualitätskontrolle und Folgerichtigkeit übernehmen. Dann geht der Erzählfluß in ein tranceartiges Strömen über, an dem bald nur noch das träge Vorwärtsdrängen trüber Wassermassen zu bemerken ist. Habt Ihr das? Endlich leuchten bizarre Traumbilder auf. Was bleibt, ist die Absicht, zu schreiben. Ich weiß aber nicht, ob ich Träume beschreibe oder zu schreiben träume.

Da kommt Lucie wieder! Ich war tatsächlich eingenickt. Bei mir zuhause ist es Zehn am Abend, auf dem Flughafen 16 Uhr 37. Immerhin vorher die neue Abteilung noch programmiert. Zum Abendessen war Besuch da, um von einer Reise nach Prag zu erzählen. Ausgerechnet Prag! Kein Mensch fährt nach Prag, sagte meine Tochter danach, und ich sage es auch. Warum nicht Heathrow, dann hätte ich das eingebaut. Pünktlich zum Essen mit den Vektoren fertig geworden. Entweder sie schneiden sich, oder sie gehen parallel, oder sie stehen windschief zueinander. Einmal hat er selbst nicht durchgeblickt, ich meine den Lehrer, es kamen lauter krumme Zahlen für die Koordinaten heraus. Oder er wollte uns ärgern. Während der Rückfahrt von Frankfurt Vollsperrung der A3 in beiden Richtungen. Ein Bautrupp war auf 'ne Fliegerbombe aus dem Weltkrieg gestoßen. Eine von geschätzten einskommavier Millionen, die unsere Befreier abgeworfen haben. Hatte es im Verkehrsfunk gehört. Über Seligenstadt gefahren und ohne Aufenthalt durchgekommen. In der Kanzlei war ein Laptop abgestürzt, ausgerechnet der mit dem neuen Vortrag über Virengetöse. Die Kollegin hatte wie üblich keine Datensicherung gemacht. Mußte die Platte ausbauen und als Slave an einen anderen Rechner hängen, um wenigstens die Daten auf D:\ zu retten. Schon klar, aber am Laptop ist das nochmal anders. Du kommst auch an die blöde Platte nicht ran. Als ich meinen Eintrag in die Personalpapiere endlich hatte, war es fünfzehn Uhr. Um Sieben morgens hatte sie angerufen. Sie hätte ihren Vortrag aus dem Stegreif halten müssen ohne die ganzen Präsentationen. Um Vier aufgestanden. Nach der Dusche gleich den Text von Eduard Krausz zum Atommodell vorgenommen. Er schreibt: Viele als gesichert geltende Vorstellungen der Atomphysik haben sich als Irrtümer erwiesen. Auch ganz elementare Grundlagen wie der von Nils Bohr beschriebene Atomaufbau haben keinen Bezug zur Wirklichkeit. Grausame Welt! So begann mein Tag. Ihr seht übrigens, daß es gar nicht schwer ist, eine Entwicklung von hinten nach vorne zu denken.

Ich gehe schlafen, Kinder. Morgen früh um Vier hole ich Euch am Flughafen ab. Dort ist es dann immernoch 16 Uhr 37, und es bleibt genug Zeit, den Flug nach Heathrow zu kriegen. Dies steht nicht im Gegensatz zu den physkalischen Gesetzen, sondern ist eine höhere Erscheinungsform der Wirklichkeit, literarische oder erzählte Zeit genannt. Wir kommen darauf zurück. Die Handlung geht ohne Bruch weiter, und niemand wird merken, daß dazwischen ein paar Stunden Schlaf liegen und tausend andere Geschichten, die an meiner Trägheit oder der vom HTML-Code scheitern.

Es kommt hinzu, daß Ihr gar nicht am Flughafen seid. Ihr liegt irgendwo auf der faulen Haut und lest oder laßt Euch vom Großvater vorlesen. Ihr meint wohl, ich weiß das nicht! Während ich bis zum Umfallen arbeite, um ein wenig Virologie zu vermitteln, macht Ihr Euch einen Lenz. Ihr schlaft zwischen zwei Seiten fünfmal ein, wenn ich zu wenig Abwechslung biete. Habt Ihr gerafft, wie man verdeckte Absichten in Zeitungen erkennt? Gleich im Flieger liegen sie stapelweise rum. Dem Christenmenschen werden sie nachgeworfen, und Ihr meint, das geschehe ohne Absicht? Zufällig vermutlich! Wollen Werbung für sich machen? Freilich. Daß sich die Fluggäste nicht langweilen? Ja, ja. Oder daß sie besser einschlafen können? Sehr gut, das überzeugt. Die Zeit nutzen, um sich zu bilden? Wer hat das gesagt?! Sporttabellen als Bildungsgut?- Wenn ich kurz unterbrechen darf: Lucie möchte sich verabschieden.

"Diese Truppe ist einfach unschlagbar, Kinder. Ihr könnt gleich zur Lounge durchgehen und seid in der Obhut der Airline bis zu dem Augenblick, wo Euch Onkel William abholt. Frau Landau, die euch durchschleusen wird," sie stellt die junge Frau vor, die neben ihr steht, "hat schon mal zwei Portionen Eis bestellt. Die wissen alle, daß sehr viel vom Erfolg eurer Nachforschungen abhängt. Daß mir keine Klagen kommen! Ich muß los. Grüßt schön."

Der Großvater, der Euch vorliest, hat vermutlich noch nie einen Flieger von innen gesehen, wie? Nie am Frankfurter Flughafen gewesen? Gütiger Himmel, das kann ich jetzt auch nicht ändern. Die halbe Welt kennt diesen Ort, aber manche gehören vielleicht nicht dazu. Erzählt ihm, wie es da aussieht, dann spare ich mir das. Es würde die Anderen nur langweilen. Wie man rumgeführt wird durch Hinweistafeln, bis man keine Ahnung mehr hat, wo vorne und hinten ist. Daß es auf den Gängen zwei Bahnen gibt wie auf der Autobahn, eine für alle Reisenden, die andere für einige Mitarbeiter. Auf dieser Überholspur bewegt sich die Landau mit einer Selbstverständlichkeit, die etwas Unheimliches hat. Die Leute an der Sicherheitsschleuse winken ihr zu und scherzen über Eure Gummistiefel.

"Paßt jeweils eine Kilobombe rein," ruft ein großer Mann seinen Kollegen zu. "Dann lasse die Engländä bald nunnoch baffuß ninn," kommt die Anwort auf gut hessisch.

In der Vip-Lounge werdet Ihr drei Mitarbeitern von Frau Landau vorgestellt, die sich damit verabschiedet. Man fragt, ob das klargeht mit dem Eis, und da eigentlich nichts dagegen spricht, werdet Ihr zu einem Tisch mit bester Aussicht auf das Vorfeld gebracht. Erklärt dem Großvater, was ein Vorfdeld ist, ich bitte Euch, und dann macht hin, damit uns nichts entgeht. Das ist total spannend.

In der Studentenzeit habe ich auf dem Vorfeld gearbeitet. Klar, es roch penetrant nach Kerosin, aber was da los war! Habe immer versucht, meine Jobs zu verbinden, kleine Reportagen über das Vorfeld geschrieben, um sie in der Zeitung zu platzieren. Nichts zu machen. Die wollten einen aktuellen Anlaß, Terror zum Beispiel, dann hätte es geklappt. Der Normalbetrieb ist aber viel spannender. Auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole, verweise ich auf die Gummibärchen des vorlesenden Großvaters, wie er neben der leeren Tüte stand. Auf dem Vorfeld ist es genauso, es gibt keinen Zufall. Schaut hinaus! Die Flieger kommen fast im Minutentakt, und über jeden macht sich eine Abfertigungskolonne her. Kaum sind die letzten Passagiere ausgestiegen, werden zerlesene Zeitungen ausgekehrt und neue aufgestapelt. Schon gut, natürlich haben sie wichtigeres zu tun. Es war doch nur ein Beispiel.

Ihr wißt, auf was ich hinauswill? Sehr aufmerksam! Mathematik und Geometrie sind nutzlos, wenn man verstehen will, was sich dort abspielt. Was man anfassen kann, kommt dabei gar nicht in Betracht, es macht ja keinen Sinn. Auf die Absicht kommt es an! Und dafür gibt es keine Formel. Wer den Zusammenhang nicht herstellen kann, gehört nicht zu dieser Wirklichkeit. Sie ist für ihn nicht da. Wer die Vorstellungen aber hat, der wird feststellen, daß er sie selbst erzeugen mußte. Sie wären sonst ja nicht da. Auf dem Vorfeld sind sie nicht. In der Luft liegen sie nicht. Man kann sie nicht kaufen, nicht einfangen, nicht ergaunern. Selbst wenn sie auf einem silbernen Tablett serviert werden in dieser witzigen Abhandlung über Virenkriminalität, habt Ihr das, wäre ohne Eure wundersame Auffassungsgabe alles vergeblich. Wir kommen später darauf zurück. Der geneigte Detektiv merkt sich an dieser Stelle, daß er mit seiner Kombinationsgabe etwas hat, was ihn zwischen den Welten wandern läßt. Er kann hin und herwandern zwischen materiellen und höheren Erscheinungsformen der Wirklichkeit. Habt Ihr das? Natürlich nicht unbedingt als Anfänger, ja, sehr aufmerksam. Wir befinden uns übrigens ganz am Anfang einer gemeinsamen Wanderung, wenn es nach mir geht.

"Noch einen Saft, die Herrschaften?" Habt Ihr das? Der freundliche Herr der Bodencrew räumt die leeren Eisschalen ab und fragt, was er zu trinken bringen darf. Es spricht eigentlich nichts dagegen, aber stellt Euch vor, Ihr hättet seine Absicht nicht erfaßt, hättet Gesichter geschnitten anstatt Euch zu entscheiden. Er hätte Euch vermutlich nach nebenan in die Kinderaufbewahrung gebracht. Oder stellt Euch den Großvater vor, der während eines langen Christenlebens niemals gefragt wurde, ob er einen Eisbecher und dann einen Fruchtcocktail haben will, oder umgekehrt. Ob er dennoch die Geistesgegenwärtigkeit hätte, zu antworten: Es spricht nichts dagegen, wenn Sie außerdem Gummibärchen bereithalten? Ich wage es zu bezweifeln. Habt Ihr jetzt erfaßt, was der Ober will? Es ist kein Scherz! Diese Truppe ist einfach korrekt. Und habt Ihr erfaßt, was ich die ganze Zeit versuche, auf einem Silbertablett zu servieren? Ich wage nicht, es zu bezweifeln.

Das Vorfeld ist eigentlich spannender als der Flug. Wenn man oben ist, will man nur noch runter. Gelegentlich hat man ne schöne Aussicht, man hat die Wolken, aber was soll's. Ansonsten den Start natürlich. Wenn sie nach der Freigabe die Bremsen losmachen, beschleunigen und hochziehen, das hat schon was. Abgesehen davon ist Autofahren schöner, ausgenommen vor roten Ampeln und im Stau. Oder auf Glatteis. Fliegen ist einfach lästig, es sei denn, man hat den Steuerknüppel selbst in der Hand.

Ihr wißt wahrscheinlich, daß ich den Segelfliegerschein habe? Da geht es noch ganz anders zur Sache, falls man an der Seilwinde startet. Maschine startklar, bitte anziehen, gibt der Funker dem Windenfahrer durch. Der macht die Bremse an der Trommel auf und erhöht die Drehzahl des Zugmotors geringfügig. Seil straff, sagt der Funker, Maschine rollt - frei! Dann dreht der Andere auf. Du hängst in einem Winkel von schzig, siebzig Grad am Haken, siehst nur noch Himmel über dir und fragst dich, ob es nochmal aufhört. Er zieht dich in einer Minute vierhundert Meter höher.

Nach dem Ausklinken kommt allerdings Freude auf. Du suchst dir einen Bart, so heißen die Aufwinde unter den Wolken, und läßt dich lässig kreisend höher tragen - fünf, manchmal sieben Meter pro Sekunde. Leider legen sie schon nach wenigen Stunden unten am Platz Streifen aus. Es ist das Zeichen, mit dem sie dich auffordern, zu landen, und den Flieger einem Kameraden zu überlassen. Zum Heulen ist das, wenn du im Slip mit ausgefahrenen Landeklappen Höhe kaputt machen mußt. So reden Flieger unter sich, sie machen Höhe kaputt und heulen. Wenn du unten auf eine Maschine wartest, siehst du das natürlich anders. Vor allem bei guter Thermik. Wenn man nicht landet, obwohl sie Streifen ausgelegt haben, kriegt man bei nächster Gelegenheit die Krawatte abgeschnitten. Auch wenn man erzählt, man habe die Streifen nicht gesehen. Selbst wenn man sie nicht gesehen hat! In der Kantine hängen lauter abgeschnittene Krawatten. Wenn du nie eine anhast, bestellen sie Lokalrunden auf deine Rechnung. Oder du mußt bei guter Thermik, wenn es unter den Wolken zieht wie im Fahrstuhl, den Windenfahrer machen. Das alles nennt sich Kameradschaft. Flugkapitäne, die richtig fliegen wollen, machen den Segelfliegerschein. Auf ein paar Krawatten kommt es denen nicht an. Instrumentenflüge finden sie meistens langweilig.

Wir überfliegen nun den Flug samt Landung in Heathrow, das ist nebensächlich, ausgenommen vielleicht für den Großvater. Onkel William wartet schon und übernimmt die Führung. Er kennt alle Verbindungen, besorgt die Tickets und bringt Euch in das Schlafabteil eines klapprigen Fernzugs, der bis Schottland durchfährt. Jetzt könnt Ihr schlafen, aber zieht die Gummistiefel aus. Ja, ich warte, bis Ihr aufwacht, großes Ehrenwort. Bis dahin wird nichts unternommen.

Ich nehme an, die Herrschaften rekapitulieren rückwärts am Abend? Immerhin, der Virentöter wartet, während man Schlaf gebucht hat. Aber ständig diese Frage, ob man durchblickt. Das nervt! Wirklich merkwürdig mit den Absichten. Und den Zusammenhängen. Nicht zum Anfassen, was wichtig ist. Der Onkel aber korrekt. Hat an alles gedacht. Den Wecker gestellt, bevor er einschlief. Nur einmal Ostwind, als wir auf dem falschen Bahnsteig waren. Flug ganz anders, als behauptet. Viel besser als Vorfeld. Im Cockpit erst recht. Instrumentenflug total spannend. Leider den Namen des Kapitäns vergessen. Nicht sehr aufmerksam. Die der Stewardessen auch, verdammt. Immer korrekt, Essen und DVDs gebracht. Mit dem Start hatte er recht, geht dermaßen ab, wenn sie aufdrehen. In Frankfurt kennt er sich aus. In Mathe sogar, obwohl er anders redet. Wieviel Jobs denn noch? Wahrscheinlich war er selbst beim Kindergeburtstag. Das Liebespaar in der Warteschlange, ob er da wirklich gelesen hat? Stimmt jedenfalls. Wollen vermutlich impfen. Wow, die Halle im Sheraton! Da kann man Fußball spielen. Zeitungsente nach den Regeln der Kunst geschlachtet. Die legt kein Ei mehr. Johann hat mit Lucie Klartext geredet. Wenn der die Hunde losläßt! Wer zappelt in der Falle? Wartet auf unser Ergebnis. Wie ging der Witz mit den Advokaten? Wie kam überhaupt die Sprache darauf? Lucie irgendwie, Dickens, Bleakhouse, genau: Brummstübchen. Man kann nicht alles lesen. Gütiger Himmel, Lucie. Mehr als korrekt. Der Euro keine Währung? Was denn dann! Wo sie wohl Hermine herhat? Immerhin die Seelen korrekt geliefert. Die mit den Waden im Krautstampfer! Gleich fünf Stück mit breitem Grinsen. Sauerkraut für die Haut der Braut. Ein Rap. Hat er gar nicht gemerkt. Immerhin keine Absteige. Und keine Viren. Keine Viren vorhanden! Stefan die ganze Nacht - halt, vorher der Bush-Mann. Kann man Lügen anfassen? Nachdem sie faustdick sind! Und dann ersticken? Hoffentlich - darf man sowas wünschen? Ist nur ein Bild. Übertragener Sinn. Nicht zum Anfassen. Höhere Erscheinungsformen der Wirklichkeit, nicht für Bush-Männer geeignet. Wehe, wenn sie Gedanken lesen. Dann fliegt der Geheimdienst ein. Geht aber gar nicht. Seine eigenen höchstens. Du mußt dermaßen aufpassen. Nicht nur, wenn er übermüdet ist. Trinärcode mag ja sein. In Rußland vielleicht. Ansonsten nimmt er das zurück.

Immerhin kenne ich Eure Einschlafgedanken. Und ich schleiche mich in Eure Träume ein. Nicht daß ich mitträumen könnte, nein, ich werde geträumt. Das ist ein altes Anliegen. In Frankreich wird von mir geträumt, das geht aus Briefen hervor, genauso in Schweden. Deutschland sowieso, jetzt in England. Ulrike hat zehn Jahre lang von mir geträumt und wachte immer auf. Dann kam sie rüber und küßte mich. Es gab ja noch keinen Virenverdacht. Also darauf kommt es mir an. Auch im übertragenen Sinn. Ich bin nicht Traumfänger, bin kein Traumgänger. Ich komme daraus hervor. Das kann ich beweisen! Lest doch die Briefe. Tu es dans mes rêves / plein de bisous steht da zum Abschied, wenn es sich um Frankreich handelt. Das sind Fakten, die zählen. Natürlich kann man sie nicht anfassen. Man reibt sich die Augen aus und weiß: In tausend Träumen bin ich vorhanden. Soviel zu meinen Absichten, Ihr Schlafmützen.

In diesem Land könnte ich nicht schlafen. Du weißt effektiv nie, ob jemand mitträumt. Zauberschulen für Kinder sind dort ganz normal. Wenn man den falschen Bahnsteig nimmt, kommt es zu sehr merkwürdigen Begebenheiten. Habt Ihr auch davon gehört? Am Anfang ist es total spannend. Man hat den Eindruck, eine niedere Erscheinungsform der Wirklichkeit zu betreten, eine Welt von elementarer Tücke. Dort kann man alles anfassen! Noch der seichteste Gedanke nimmt konkrete Gestalt an, wird greifbar und meistens handgreiflich. Vielleicht ist das eine britische Spezialität? Die erhabensten Vorstellungen nehmen handgreifliche Gestalt an. Jeder Vorsprung ist besetzt mit Gestalten, in denen etwas Unfaßbares sinnliche Formen annahm. Bei einem Träumer geschieht etwas Ähnliches, indem Gedankengespinste sich in Bildern und Bilderfolgen konkretisieren. Habt Ihr das - ich meine, ist das Konsens auf diesem Bahnsteig? Dieser Wirklichkeitsbezug ist vermutlich der Grund, weshalb in dem bezeichneten Land die Träume zwangsläufig mit Scharen solcher Gestalten infiziert werden. Sie dringen in die Vorstellungen ein, und dort verbreiten sie ihren besonderen Charme. Sie schleimen sich ein und finden tausend Möglichkeiten, Kinder mit bösen Absichten zu konfrontieren. Denn sie sehen den Traum und greifen in die Handlung ein. Wer keinen Traumwächter hat, sollte dort nicht schlafen. Wenn Ihr wachbleiben wollt, denkt an Deutschland.

Der Traumwächter kann das Schlimmste vehindern. Zwar sieht er den Traum selbst nicht, kann die plumpen Kerle aber durch seine Anwesenheit meistens täuschen. Da er ständig gähnt, vermuten sie Langeweile, und das können sie auf den Tod nicht ausstehen. Ohne Aufmerksamkeit sind sie nichts. Wenn der Wächter seinerseits infiziert ist oder seine Langeweile nicht überzeugt, kann es passieren, daß sie sich mit ihm befassen. Eine bewährte Art, damit unzugehen, ist die Darstellung des Erlebten in Schriftform, sofern es niemand liest. Falls doch, wären Neuinfektionen die Folge. Von epidemieartiger Ausbreitung ist in der Vergangenheit immer wieder berichtet worden, wobei die bekannten Impfstoffe wirkungslos blieben. Man nimmt an, daß die beobachteten Schäden im Gehirn der Betroffenen durch mutierte Kleinstlebewesen hervorgerufen werden, die sich in der Vorstellungswelt zu Monstergebilden auswachsen. Einer Frankfurter Forschergruppe ist es bereits gelungen, Betroffene ohne Nebenwirkungen mit Langeweile zu impfen. Die meisten Probanden zeigten gegenüber der Kontrollgruppe eine deutlich bessere Widerstandskraft. Da der Impfstoff billig herzustellen ist, ziehen die Behörden einen allgemeinen vorbeugenden Impfzwang in Erwägung. Kritiker befüchten aber, daß die Wirkung nicht vorhält, sondern im Gegenteil zu lebenslanger Abhängigkeit und schlechter Lebensqualität führt. Sie empfehlen statt dessen, die Aufmerksamkeit der Kinder von minderwertigen Stoffen auf wirklichkeitsgerechte Gegenstände zu lenken. So wollen sie den verruchten Entitäten alle höheren Vorstellungskräfte, von denen sie abhängen, entreißen. Andere Kreise versuchen genau das zu verhindern. Teile des Hochadels vor allem und Machtanbeter, die verbotene Riten praktizieren, befürchten den Verlust ihrer Einflußmöglichkeiten, soweit sich diese auf Gestalten der Finsternis stützen. Um den Auseinandersetzungen nicht tatenlos zusehen zu müssen, haben Kinder Banden gebildet mit dem Ziel, die verborgenen Absichten der führenden Generationen bloßzustellen. Sie machen sich dabei die Plumpheit und sprichwörtliche Dummheit der Machtanbeter zunutze, indem sie Fragen nach deren Wirklichkeitsbezug formulieren. Als erstes Ergenbis dieser Untersuchungen läßt sich festhalten: Das große Lachen hat begonnen -

Entschuldigt bitte, jetzt bin ich doch eingenickt. Wenn man um Vier aufsteht, gehen abends die Lichter pünktlich aus. Grundsätzlich ist die Qualifikation zum Traumwächter dadurch aber nicht in Frage gestellt, soweit jedenfalls, als sich diese auf profunde, themenbezogene Langeweile stützt.

Habt Ihr meinen Traum miterlebt? Ich war wieder Lokalreporter und habe versucht, einen Bericht über Infektionen zu platzieren. Immer diese Panik, daß er durchfällt! Zwar wußte ich, was der Chef hören wollte, allein, er mußte manche Kröte schlucken. Es war ein Geben und Nehmen bis in niedere Erscheinugsformen der Wirklichkeit hinein. Im Eifer wurde ich ungenau und fiel in Klischees, die er mir gnadenlos vorhielt. Gnadenlos zum Beispiel, diesen Ausdruck hätte er gestrichen. Sachlich bleiben, junger Mann, du bist Reporter und kein Apostel! Wenn du predigen willst, zieh wenigstens die Kutte über. Was meinst du, warum die Leute Ordenstracht tragen? Damit man sie vom gemeinen Lugenbeutel unterscheiden kann. Was ein guter Report sagt, dient dem Augenblick, Apostel reden für die Ewigkeit. Und das sollte verdammt gut erwogen werden. Er konnte sich stundenlang über einen Ausdruck aufregen! Meistens ging's haarscharf an der Sache vorbei und war ein Heidenspaß. Es bereitete ihm eine diebische Freude, Illusionen, also traumartige Vorstellungen, zu zerstreuen. Mal hatte er Platz für dreißig Zeilen, mein Bericht aber nur zehn, und dann war's wieder umgekehrt. Sachzwang nennt man das in der Berufswelt, sei es die niedere oder höhere Erscheinungsform!

Was ein Morgen, Kinder! Nun reibt Euch die Augen aus, wir müssen über das Wetter reden. Außerdem seid Ihr gleich da. Ich bin nicht sicher, ob die Zeit für ein Frühstück reicht. Und vergeßt die Gummistiefel nicht, Ihr werdet sie brauchen. Habt ja überhaupt keine anderen Treter dabei. Das Wetter ist herrlich, vielleicht der schönste Sonnenaufgang, den das Vereinte Königreich erlebte. Genauso muß man sich ausdrücken. Ihr seid nicht mehr in England, denn so bezeichnet man nur den Süden dieser Insel, also Heathrow und Umgebung. Zusammen mit dem Rest heißt es Großbritannien, und wenn der Norden Irlands mitzählt - vom Wetter her sicher korrekt - sagt man Vereintes Königreich. Die Queen dient aus alter Gewohnheit als Staatsoberhaupt auch in zahlreichen anderen Ländern, die zusammen Commonwealth heißen. Da sich diese Territorien über die ganze Erde verteilen, ist das Wetter meistens uneinheitlich. Dazu kamen Kolonien, die zwar nicht zur Umgebung von Heathrow gehörten, aber immer so behandelt wurden. Nur das Wetter machte den Unterschied. Im Grunde zählt alles, was englische Sprache beherrscht, zum Einflußbereich. Die Computerwelt, sofern sie Binärcode verwendet, genauso wie Dröhnmusik und die Finanzmärkte. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, daß die Jugend dieser Welt, auf dem Boden des christlichen Abendlandes stehend oder nicht, sowie der größte Teil derer, die nicht dazu gehören - ich meine nicht den Großvater - gemeinsam dazugehören. Habt Ihr das? Man nennt es Herrschaftsdenken. Kein Wunder, daß die Fäden unserer kriminalsoziologischen Untersuchung hier zusammenlaufen!

Was ist los? Kriminalsoziologisch, eins meiner Lieblingswörter, wollt Ihr streichen? Demnach seid Ihr lernfähig? Was haltet Ihr davon, wenn wir das Frühstück streichen? Sehr gut, fünfzehn Punkte! Nun macht hin, man wartet schon auf Euch. Ihr seid aufgestanden, um die Christenheit von einer stinkenden Eiterbeule zu befreien.

Es schmeckt sowieso nicht. Ich habe dieses Futter für Euch probiert und darf sagen, wer jemals im Krautwickel war, Ihr erinnert Euch sicher an diese berühmte Stelle aus der Kriminalliteratur, spuckt alles, was danach kommt, förmlich aus. Das bleibt Euch so erspart, ist es nicht? Wenn Ihr den richtigen Bahnsteig nehmt, können wir gleich mit der Arbeit beginnen! Habt Ihr jemals erwogen, wieviel Zeit die Christenheit durch Essensrituale verliert? Ich habe manchmal den Eindruck, daß die Freiheit eines Christenmenschen darauf hinausläuft, sich dreimal am Tag den Bauch zu füllen. Martin Luther habt Ihr doch behandelt? Gegen ein ordentliches Frühstück hätte er sicher nichts eingewendet. Er kannte aber die guten Seiten des Verzichts, und darauf läuft schließlich alles hinaus, habt Ihr - ich meine, ist es nicht?

Und ist es nicht merkwürdig: Hier sieht's aus wie am Eingang zur Gießener Straße in Frankfurt. Zäune, Natodraht, Mauern, Wachen, Schleusen, Gitter - Panzerglas und Kameras. Sieht aus wie die Botschaft der Vereinigten Staaten, aber viel, viel größer. Im Innern vierspurige Straßen mit Ampelkreuzungen, Hafenanlage, Pipelines, Güterwagen, Rohre und Tore. Onkel William geht ohne Zögern zum nächstgelegenen Eingangstor, wo die Jungs der Security lässig angelehnt mit einem Mädchen in Eurem Alter scherzen. Noch eben hat sie die smarten Burschen mit Witzen versorgt, unterbricht jedoch in dem Moment, wo sie Eure Gummistiefel sieht. Kein Mensch läuft bei dem Wetter mit solchen Tretern rum! "Das müssen die Grünschnäbel vom Kontinent sein," erklärt sie den Wachleuten in Landessprache. Da Ihr kein Frühstück hattet, habe ich für Euch übersetzt. "Sie praktizieren bei einem dämlichen Käseblatt in ihrer merkwürdigen Heimat und wollen einen Report über unser Wetter platzieren. Da müssen sie noch ne Menge lernen." Bei diesem letzten Satz zeigt sie auf die Stiefel und bewirkt große Heiterkeit bei den Typen.

Dann sagt sie auf gut deutsch: "Da seid ihr ja. Schätze, ihr habt euch mit dem Frühstück aufgehalten, stimmt's? Wir können sofort los. Laßt mich nur noch diese Kerle abservieren." Das geschieht wieder auf englisch, grob übersetzt mit folgenden geflügelten Worten: "Bis dann, Männer. Paßt auf, daß dieses Wetter nicht abhanden kommt."

Schätze, sie hat Euch an den Stiefeln erkannt. Mit dem Frühstück hat sie sich ja vertan. Von Lucie sehr korrekt eingefädelt! Ein konspiratives Treffen an der schottischen Küste, die mit allen Wasser gewaschen ist, ich meine mit Hermine, die nicht auf den Mund gefallen - Verdammte Hacke! Jetzt reden beide englisch, sie und der Onkel, das geht mir viel zu schnell. Ich verstehe immerhin genug, um Euch sagen zu können, daß es nicht wichtig ist. Im Grunde genommen reden sie immer nur über's Wetter, die Details können wir uns sparen. Ich kenne diese Sprache auch nur aus der Schule, und das sagt leider alles. Jetzt redet sie wieder deutsch.

"Euer Sekretär hat mir gesagt, daß ihr noch nichts gegessen habt. Er macht voran, um euch etwas zu besorgen. Auch muß er seine Nichte anrufen, keine Ahnung, warum. Und wenn er alle Bahnsteige herausgefunden hat und die Zeittabelle der Abfahrt, ihr versteht, wird er zurück sein, um euch herauszuholen. Los, Jungs, wir setzen uns in den Van von meinem Daddy. So long, William!"

Er hebt den Unterarm zum Abschied und verzieht sich Richtung Bahnhof, vorbei an zwei Personen, die mir schon im Zug auffielen. Sehen aus, als hätten sie überhaupt keinen Plan. Sie zögern und wissen nicht, wohin. Wollen sie William um Auskunft fragen? Nee. Kommen sie rüber zu Euch? Nee! Sie gehen zum Eingangstor und reden mit den Typen von der Security. Offenbar versuchen sie, ins Werk zu gelangen. Scheint aber Probleme zu geben. Es ist verdammt nicht einfach, da hinein zu kommen.

"Vor siebzehn Jahren hat mein Dad angefangen, hier zu arbeiten. Es gibt einen Kindergarten da drüben mit Spielplatz und allem. Ich liebte diesen Ort. Die Mitarbeiter können Sport machen und sich erhohlen, alles ist da. Ich war jeden Tag dort und es gab keine Probleme. Aber alles hat sich geändert. Als ich heute früh mit meinem Dad reinwollte, machten sie einen Aufstand. Die Leute von der Security sind alle neu und kennen niemanden. Wir mußten die Abteilung anrufen und so weiter, dann durfte ich rein. Ich mußte im Kindergarten persönlich ein Geschenk abgeben, versteht ihr? Mein Dad sagt, ihr seid an diesem Paket interessiert, ist das so? Hier hatte ich den Kuchen, als ich reinging, und die Security konnte ihn riechen. Als ich rauskam, hatte ich euer Paket, und sie rochen überhaupt nichts. Ich sagte, sie sollten sich im Kindergarten anmelden, um Kuchen zu bekommen, und sie lachten wirklich wie Kinder."

Hermine öffnet die Schachtel und zeigt zwei Behälter aus Styropor. Sehen aus wie die Box aus Johann's Labor, die Ihr nach Stuttgart gebracht habt. Und tatsächlich, auch der Inhalt stimmt überein. Unter dem Trockeneis finden sich jeweils komplette Sätze von Abstrichen und Gewebeproben der Volksschauspielerin, wie ihn auch Stefan bekommen hat. Aber eins ist merkwürdig, ist es nicht? Diese Proben sind unberührt und originalverpackt! Wie ist das möglich? Karlsruhe hat doch der Presse erzählt - und die hat es verbreitet - das schottische Referenzlabor habe bestätigt, daß die tödlichen Viren vorhanden sind. Und nun zeigt sich, daß sie überhaupt nicht untersucht haben! Kinder, dieser Kuchen muß schleunigst zu Johann gebracht werden. Es ist ein Sahnestück von großem Wert, was Hermine nebenbei aus ihrer Schachtel gezaubert hat!

Sie hat schon gemerkt, daß Ihr vor Aufregung kaum sitzen könnt. "Mein Dad sagt, sie haben nichtmal eine brauchbare Zentrifuge im Labor. Alle Proben kommen in den Kühlschrank. Sie haben nichts damit zu tun. Es gibt eine neue Abteilung für Public Relations, versteht ihr, und dort haben smarte Amerikaner, Agenten vermutlich, am meisten Einfluß. Sie sprechen zu den Zeitungen über Ergebnisse, und niemand sonst darf es. Die Proben liegen im Schrank und niemand merkt, wenn etwas fehlt. Sie haben nichts damit zu tun! Mein Dad hat herausgefunden, daß etwas schief läuft. Sie produzieren nur noch einen Stoff, davon aber viele Tonnen, und alles auf Vorrat. Der Stoff hat keine Zulassung, man darf ihn nicht verkaufen. Mein Dad sagt, daß ein Minister aus der Regierung der Vereinigten Staaten im Hintergrund Einfluß ausübt. Es gibt ne Menge Leute in den Zeitungen und überall, auch auf dem Kontinent, die den falschen Schottischen Ritus praktizieren und erreichen wollen, daß die Paletten als Impfstoff anerkannt werden. Dann wollen sie alles verkaufen. Er sagt auch, für dieses Mal ist nicht Halliburton der Hintergrund, soweit er herausgefunden hat. Da müssen andere sein."

Nach einer kurzen Atempause fährt sie fort: "So, das ist es, was ich weiß. Und jetzt muß ich los. Mein Dad schickt viele Grüße an eure Sekretärin zuhause. Die beiden haben viele Nächte durchgetanzt, als er in Frankfurt ein Student war. Seit meine Mom verstarb, schickt sie immer wunderbaren Kuchen aus dem guten alten Deutschland zu meinem Geburtstag. Ich liebe es wirklich! Sie muß eine wunderbare kleine Person sein, soweit mein Dad herausgefunden hat. Und sie weiß zu sprechen wie ein Mädel aus den schottischen Hochlanden!"

Was lese ich da? Kuchen schicken, das habt Ihr notiert? Ich verstehe. Wenn der Magen knurrt, geht die Phantasie zum Bäcker. Wollt Ihr nicht lieber die ePost-Adressen tauschen? Ja, sehr aufmerksam, die könnt Ihr vielleicht noch brauchen. Und nun laßt sie ziehen, Ihr habt doch Eure Informationen. Für Gefühle ist Lucie zuständig, sie kann für Kuchen sorgen. Vielleicht wird sie einen Fummel schicken oder eine Hutschachtel. Von solchen Dingen versteht Ihr nichts, wie an den Tretern gleichnishaft zu erkennen ist. Sauerkraut wäre nicht schlecht, wegen der Haut. Ich meine, Hermine ist eine bezaubernde kleine Person mit ihren Pickeln - au, verdammt! Auf dem Kontinent würde man jedenfalls Krautsaft verordnen. Krautsaft vor Brautschaft, so lautet ein geflügeltes Wort auf der Filderebene. Bitte keine Schwäche zeigen, Herrschaften. Ich verstehe das zwar, aber wir sind im Dienst! Außerdem ist Onkel William zurück. Er hat lauter Tüten unterm Arm, denn alles, was mit Ernährung zu tun hat, betrachtet er als ernste Angelegenheit. Tatsächlich sollte man sie nie vernachlässigen. Der Mangel dringt leicht in die Vorstellungen ein und besetzt die niederen Regungen der Natur mit finsteren Gestalten. Das kann ich beweisen! Merkwürdige Träume sind die Folge und im schlimmsten Fall ein beständiger Verlust der Kombinationsgabe. Wollt Ihr das? Na also. Zwar wäre es nicht unbedingt rufschädigend - die meisten Zeitgenossen merken gar nicht, wenn da etwas fehlt - aber extrem berufschädigend. Als Detektive mit wissenschaftlicher Grundeinstellung! Ja, winkt nochmal, und dann los. Macht hin! Schiebt Euch im Gehen was rein, auch wenn es nicht der feinen englischen Art entspricht. Der Zug steht schon am Bahnsteig. Wenn das Trockeneis nicht reicht, sehen wir sowieso alt aus. Ist Heathrow eigentlich der einzige Fliegerhorst auf dieser verdammten Insel?

Der Onkel ist ein Schatz, wenn ich das mal sagen darf. Habt Ihr das notiert? Ihr habt nicht, verstehe. Wie heißt sie übrigens, die Kleine, ich meine - Hermine ja wohl nicht. Ihr habt es vergessen? Habt vergessen, nach dem Namen zu fragen? Sehr aufmerksam. Wollt Ihr im Zug ein Nickerchen - schon gut! Nur ne Frage. Ich hätte die Träume bewacht. An wen geht denn die ePost? Na prächtig: J.Donnegall. Jasmin also. Oder Judith. Oder Jane. Oder Julia. Oder Janina. Oder Jessica. Oder Jennifer. Oder Jamila. Oder Johanna. Oder Jaqueline. Oder Josephine - wie bitte? Wo die Schachtel ist? Das fragt Ihr mich, nachdem der Zug ausfuhr? Wirklich ehr aufmerksam! Ihr stopft Euch die Backen voll und vergeßt das Beweisstück. Ich muß leider, leider dafür sorgen. daß es in die Personalpapiere kommt.

Leider, leider, so drückte sich mein Chef aus, wenn er eine außerordentliche Schadenfreude empfand. Er hatte bekanntlich einen ganz sonderbaren Humor. Einen Eintrag hat er zwar nie gemacht, aber ununterbrochen welche formuliert. Wenig Erfahrung mit Auslandseinsätzen. Aufmersamkeit von Tagesform abhängig. Selten gefühlsneutral. Unvollständige Dokumentation. Geistesgegenwart unter Streß gefährdet. Entbehrungen nicht gewohnt. Informanten gegenüber unkritisch. Nur bedingt teamfähig. Einsatzfreude läßt zu wünschen übrig. Stimmungen und Launen unterworfen. Schwach in Fremdsprachen -

Oh, was hat Onkel William in der Tasche unter seinem Arm? Schätze, das ist kein Kuchen, hey, nachdem Ihr alles aufgegessen habt. Könnte ein Transportbehälter für Medikamente sein, ist es nicht? Muß ihm wohl jemand in die Hand gedrückt haben auf der Suche nach Futter. Ich hoffe, Ihr seid wenigstens satt geworden. Hätte ins Auge gehen können, oder? Wart Ihr in Versuchung, von einem Zufall zu sprechen, von einer glücklichen Fügung? Dabei habe ich alles arrangiert. Zufällig habe ich alles genau geplant.

Aber Leute, die nicht wissen, was sie tun, reden so. Anwesende Personen sind vorläufig ausgenommen. Grüßt mir den Großvater, falls er vorliest. Nein, ich meine draußen im Leben. Wer so redet, gehört zu einer ganz besonderen Truppe. Daß sie einem grausamen Zufall nebenbei entlaufen sind, ist ihr ständiges Credo. Und sie plagen sich ab, die Christenheit davon zu überzeugen. Seht uns an, brüllen sie, wir, einem grausamen Zufall entlaufen. Und sie schlagen sich an die Brust.

Ich klopfe ihnen auf die Schulter. Sagt es nur laut, ihr habt Glück gehabt. Beinah wärt Ihr nicht vorhanden gewesen. Ein Zufall zum Anfassen. Da werden sie stinkig! Obwohl ich sie ermuntert habe, vermuten sie, daß ich ihnen nicht glaube. Es genügt nicht, daß man zugibt, sie sind dem Zufall entlaufen. Sie wollen, daß man selber brüllt: Ja, ich auch. Richtig wütend können sie werden, wenn man dem Zufallsgott nicht huldigt. Man darf es aber nicht so ausdrücken. Sie sprechen im Namen Ihrer Heiligkeit - DER Wissenschaft. Anders ausgedrückt, sie machen das, was sie dafür halten, zur Weltanschauung. Und zum Glaubensdogma. Wissenschaft als Glaubensdogma, irgendwie merkwürdig. Auf dem Thron der Zufallsgott. Und wenn man sie bestätigt, Panik. Er meint, das gilt nur für uns. Und dann legen sie sich ins Zeug!

Es ist nicht die Weltanschauung, die mich dabei stört. Das kann ja jeder mit sich selbst abmachen. Drollig finde ich nur, daß sie offenbar keine Ahnung haben, was die Wissenschaften wirklich aussagen. Mit dieser Einstellung glaubt man in hundert Jahren noch an Virenteufelchen!

Und wenn etwas ganz Unvorstellbares geschieht, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt, ist das niemals Zufall. Wenn man von der deutschen Presse absieht, die immer völlig ahnungslos ist, glaubt auch nie jemand an einen Zufall. An der schottischen Küste insbesondere gibt es ein geflügeltes Wort für das, was vorgeht. Ihr habt ja selbst bemerkt, daß diese Leute nicht auf den Mund gefallen sind. Nachwuchsdetektive im Auslandseinsatz tun sich da wohl etwas schwer. Selbst vorlesende Großväter wissen gar nicht, was man meint. Lesen einfach darüber hinweg! Bei jenem beschlagenen Bergvolk spricht man in diesem Zusammenhang davon, daß der falsche Schottische Ritus praktiziert wird. Habt Ihr das, ich meine - ist das Konsens auf diesem Bahnsteig? Immer muß man nach verborgenen Absichten suchen. Auch bei sich selbst, nebenbei. Nur Idioten, die selbst nicht wissen, was sie tun, reden unter allen Umständen von Zufall. Habt Ihr das?

Wollen wir die englische Presse daraufhin studieren? Wird das Tagesgeschehen ausgeweidet, wo es nichts zu sagen gibt? Klar! Es ist der Leitspruch der ganzen Truppe. Man schlägt sich an die Brust und tönt: Seht uns an, wir enthüllen alles. Gleich danach erscheinen Sporttabellen und Lottoergebnisse. Das Entscheidende wird verschleiert. Aber eins ist anders auf der Insel. Es gibt schon auch Debatten. Wo bei uns Dürftigkeit vorherrscht, dort gibt es richtige Debatten. Bald jeden Tag, so scheint es, kann man Texte lesen, die bei uns nie erscheinen dürften. Nie! Während dort schon längst von Korruption die Rede ist, werden bei uns so merkwürdige Begriffe wie Treuhandanstalt verwendet. Wie meinen? Die Sprache?

Ihr versteht den Text nicht wegen der Sprache? Verstehe! Das geht Vielen so. In der Muttersprache verstehen erst recht nichts, die Herrschaften. Weil nichts gesagt wird! Sie drucken zwar, dürfen aber nichts sagen. Sie müssen zwischen der Politik und dem Leser vermitteln. Vermittlung ist der rechtschaffene Ausdruck für - na? Dürftigkeit. Und man stellt sie ganz nahe an ihre Sprechblasen, diese Politik. Meine Übersetzung will nicht etwa sagen, daß die englische Presse verglichen mit der deutschen besser ist. Dazu gehört nicht viel. Sie hat meines Erachtens eine besondere Qualität dadurch, daß sie verborgene Absichten normalerweise nicht als ihr Credo, sondern als ihr Thema begreift.

In Deutschland gibt es keine verborgenen Absichten. Alles in Butter! Die real existierenden Journalisten wissen überhaupt nicht, was das ist. Aber warum gibt es keine Ausnahmen? Überlegt nur, wieviel Käseblätter hier erscheinen! Sie nennen's - na? Pluralismus. Wäre es nicht ein merkwürdiger Pluralismus, wenn an einem bestimmten Tag ein paar davon denselben Nepp brächten? Das ist eine ziemlich gemeine Frage, ich gebe es zu. Man bekommt nämlich leicht den Eindruck, daß in Deutschland alle jeden Tag dasselbe schreiben! Es gibt überhaupt keine Ausnahme, somit keine Debatte. Und alle wissen, was sie nie bringen dürfen. Sie dürfen nicht einmal das Thema wählen, über das sie schreiben müssen. Aber von verborgenen Absichten haben sie nie gehört; da müßten sie schon selber drauf kommen.

So oder so, es gilt das erste Gesetz der Zeitungswissenschaft als Zweig der Kriminalsoziologie, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf. Dieses Gesetz gilt auf dem Festland, auf Inseln oder auch in Fliegern, und fast ist es eine Definition. Nie wird man ihre Bedeutung verstehen, so diese Regel, wenn man sich weigert, über verborgene Absichten nachzudenken. Und darüber, wie sich die Blätter im einzelnen dazu stellen. Nur mal ein Beispiel. Während der WM, Ihr erinnert Euch, gab es einen Tag, an dem die Abgeordneten in Berlin sehr fleißig waren. Zuerst mußten sie den Hartz 4 - Empfängern, die keine vierhundert Euro im Monat bekommen, Leistungen kürzen. Das war ein hartes Stück Arbeit. Sie waren aber alle vorhanden, obwohl kein Fernsehkanal aufzeichnete. Dann mußten sie außerdem ihre eigenen Pensionen erhöhen. Das war sehr harte Arbeit, denn es ging um dreitausend Euro zusätzlich jeden Monat. Da alle zusammenhielten, ließ es sich stemmen. Die zugehörige Sprechblase lautete, wir müssen alle den Gürtel enger schnallen. Habt Ihr von diesen merkwürdigen Ereignissen etwas vernommen? Nee? Findet Ihr das schlimm? Nee? Mag ja sein. Offenbar ging es darum, die Alterbezüge neu zu reglen.

Wißt Ihr, was nun merkwürdig ist? Kein einziges Blatt hat davon berichtet. Zufall oder Übereinkunft? Vielleicht handeln sie nach dem falschen Schottischen Ritus? Jedenfalls erhebt sich dieser Verdacht. Wo viele etwas tun, was überhaupt nicht überzeugt, und alles lassen, was geboten scheint, tanzen sie vermutlich nach derselben Pfeife. Brave Leute finden nichts dabei, schon klar. Wer ein bißchen Witz hat, wundert sich aber. Versteht Ihr jetzt, was Hermine sagen wollte? Man kann ganze Berufsgruppen wie Hampelmänner vorführen. Jumping Jack auf englisch. Stellt Euch vor, Ihr müßtet ein paar unabhängige Leute dazu bringen, einen solchen Dressurakt mitzumachen. Ohne irgendjemandem nahetreten zu wollen, darf ich wohl behaupten, daß diese Absicht scheitern würde. Bei der Berufsgruppe aber, von der wir sprachen, gab es keine Ausnahme. Sie hielten alle dicht. Man weiß gar nicht, was man mehr bewundern soll, den Dressurakt als solchen oder die Unterwürfigkeit, auf die er immer rechnen kann.

Und nun soll es Leute geben, die sich durch Zeitungen bilden, hey. Ist das nicht drollig? Was sie schreiben, ist normalerweise schlimm genug, denn eine halbe Wahrheit ist immer die ganze Unwahrheit. Viel schlimmer wirkt sich aus, was sie ganz verschweigen. Am Schlimmsten sind verschleierte Absichten, die daherkommen, als seien sie dem Zufall entsprungen, obwohl sie einem strengen Ritus folgen.

Tut nicht so bescheiden, pflegte mein Chef zu sagen, wenn er sich mit den Redaktionskollegen angelegt hatte, ohne uns könnten Kriege nicht beginnen. Wir liefern die Parolen und liefern den Anlaß. Wir dürfen nur den Sermon niemals glauben, sonst geht es wie im Dunstkreis gewisser Religionen. Dort macht man sich zum Sklaven seiner Buchstaben.

Es gibt doch Männer - meistens geschieht es bei Männern - die verwechseln Denkzwänge mit Gesetzen, nicht wahr? Sie laufen rum und wollen die Christenheit von Dingen überzeugen, die sich nur in ihren Köpfen ereignen. Dort aber als Denkzwang. Nun stellt Euch das vor! Es kommt daher wie die selbstverständlichste Sache von der Welt, und hat überhaupt keinen Wirklichkeitsbezug. Und doch kann es anstecken, kann sich ausbreiten durch gnadenlose Wiederholung und Auflagenstärke. Selbst die allmächtige Kirche konnte den Kopernikus nicht aufhalten, pflegte mein Chef zu sagen, weil er recht hatte. Wir kommen heute ganz ohne diese überholte Rechthaberei aus, und die Kirchen mit uns.

Auch ein falscher Ritus bezieht sich nicht auf eine Wirklichkeit, sondern macht sich selbst zum Ereignis. Kriege, die unausweichlich scheinen, Impfzwänge, die man herbeiredet, das gehört zum Tagesgeschäft. In Deutschland sind alle infiziert. Man müßte Agent White aus dem Flieger abwerfen! In meinem Geheimlabor wird übrigens daran gearbeitet. Wer Zugang wünscht, muß die Parole kennen. Pssst, sie lautet: Odysseus kommt. Und die Antwort: Erschlägt die Freier!

Die Odyssee habt Ihr hoffentlich behandelt. Dann schnallt Euch jetzt zur Landung an. Ich hoffe, Ihr hattet einen angenehmen Flug? Von meiner Seite geschah jedenfalls alles, Euch zu unterhalten. Und aufzuheitern. Schaut hinaus, wir überfliegen das Hanauer Kreuz. Gleich kommt Offenbach ins Blickfeld, links Neu Isenburg. Hinten am Hang liegt Götzenhain, wo die schönen Nymphen wohnen. Ich kenne all ihre Gesänge! Jede hat ein eigenes Gestüt, und barfuß reiten sie durch den Hain, bevor die herrlichen Pferde Ambrosia bekommen. Oder sie schwimmen mit offenem Haar hinüber zur rosenfingrigen Eos, wenn morgens der alte Helios pünktlich den Wagen mit dem Zentralgestirn heraufzieht. Sobald sie mich sehen, fliegen sie herbei, und ich empfange den köstlichen Nektar, der an ihren Lippen klebt.

Vorne nur die A3, der Frachtbereich, das Vorfeld, Zeitungsmüll. Vergeßt die Box nicht - ja Entschuldigung! Die muß sofort zu Johann. Schätze, Lucie wartet in der Halle mit besseren Tretern. Macht Euch zivil und gebt ihr dieses Ölzeug zurück. Kein Mensch braucht Regenjacken in Frankfurt! Wenn es regnet, stellt man sich unter und lernt Leute kennen. Oder man wird einfach naß und lacht über Anzugmännchen, die den Schirm vergessen haben. Sie bedecken sich mit der Allgemeinen Zeitung das Haupt, und werden trotzdem naß. Krawatten flattern im Wind und könnten fliegend abgeschnitten werden.

Die Anzugmännchen gehen auf meine Tochter zurück. Sie ist in Eurem Alter und schaut mir beim Schreiben über die Schulter. Manchmal greift sie in die Handlung ein, ohne daß Ihr etwas merkt. Oder sie hilft bei der Begriffsbildung.

Schon als sie Zweieinhalb war, zeigte sie eine gewisse Offenheit für detektivische Fragestellungen. Eines Tages hat sie mich sehr direkt zu meinen Absichten vernommen. Ich wollte immer vermeiden, daß sie auf Süßigkeiten abfährt, versteht Ihr? "Babbili, was hast du gegessen?" fragte sie streng, "es riecht nach Schokolade. Mach den Mund auf, die Zähnchen sind ganz braun. Hast du Schokoladen-Croissants gekauft? Ich will auch abbeißen. Gibst du mir ein Stück?"

Als ich einmal ein ernstes Anliegen vortragen wollte, steckte sie Watte hinter die Ohren, um es zu ignorieren. Ich war völlig entwaffnet! Später zeigte sich, daß sie in jeder Hinsicht verstanden hatte. "Verdammte Hacke, Teddy, das kannste doch nicht bringen!" hörte ich sie schimpfen. Beim nächsten Anliegen konnte ich darauf zurückgreifen. Ich sagte: "Mein liebes Mäuselchen, du mußt dir Watte hinter die Ohren stecken! Ich habe gesehen, daß du mit meiner Stichsäge etwas bauen willst. Und ich bin einverstanden, aber sieh dir deine Hände an. Wenn du den Stecker in die Dose tust, hat die Maschine zuviel Kraft. Diese kleinen Hände müssen ohne Strom arbeiten." Es stellte sich heraus, daß diese ausgewogene Ansprache ein nebensächliches Detail berührte. "Und dann versteckst du sie nicht? Ich muß dem Teddy doch ein Bettchen bauen."

Wir haben immer faire Bedingungen ausgehandelt und Absichten eingeräumt. Es ist ein Land mit besseren Straßen, in das man dann gerät. Ich hoffe, daß Ihr dieses geflügelte Wort eines Tages nachvollziehen könnt. Der Großvater weiß schon eher, um was es sich handelt. Doch nun laßt Euch von der Bodencrew den Weg zeigen.

"Die habbe die rischdische Treedä," ruft jemand auf gut hessisch. Es regnet nämlich. Aber wartet mal. Wir müssen ein neues Kapitel aufschlagen. Genau an derselben Stelle? Sehr aufmerksam! Ob es am Flughafen liegt? An den vielen Erinnerungen, die ich daran knüpfe? Oder doch am HTML-Code? Müde bin ich allerdings auch.

Seid Ihr wach soweit? Das wird schon nötig sein. Ich könnte Euch in unangenehme Situationen bringen, bevor ich einschlafe. Für mich ist der Flughafen mit - na? Küssen verbunden! Untrennbar von Küssen ist der ganze Ort. Küsse beim Abflug, Küsse bei der Ankunft, Küsse auf Arbeit - immer küßt man sich. Und Ihr glaubt gar nicht, wie man am Abend nach einem Kuß verlangen kann. Laßt den Großvater Pause machen. Er würde sich nur langweilen. Sind noch Gummibärchen da?

Psst: Ich kenne alle Mädels am Flughafen! Da hinten am Schalter der Air France, die da winkt, das ist Danièle. Sie hat die schönste Nase des Abendlandes mit lauter wunderbaren Sommersprossen. Ihre Augen sind blau, dabei hat sie krauses, rotes Haar wie eine Keltenprinzessin. Wartet einen Moment, ich gehe mal rüber.

"Glaubst du diesen ganzen Quatsch?" frage ich sie. Danièle weiß immer, was man meint, Kinder. Sie streicht mir über das Haar wie gewöhnlich, und ihre Augen funkeln. Gibt es etwas Schöneres, als solche Augen? Nicht mal auf der Filder vermutlich. Sie nimmt mir die Brille ab.

Nun müßt Ihr aber wissen, daß ich eine relativ dicke Zunge habe, die mich beim Sprechen und Kauen oft behindert. Sie ist voller Narben und Furchen - na? Vom Beißen! Weil ich zu oft draufgebissen habe. Manchmal ist sie wochenlang geschwollen, so heftig beiße ich unwillkürlich zu. Und man hört dieses merkwürdige Knacken, wenn es geschieht. Kennt Ihr das? Ganz grausam! Meistens knacke ich Stellen, die man willentlich überhaupt nicht zwischen die Zähne bekommt. Nach vielen leidvollen Erfahrungen habe ich herausgefunden, daß man nicht zu lange warten darf. Wenn man zu lange auf einen Kuß wartet, neigt die Zunge zu allerlei unkontrollierbaren Bewegungen und Parolen. Die Verletzungsgefahr steigt mit jedem Tag. Wenn außerdem ein Exemplar Dienst tut, das sogar beim Sprechen stört und die schriftliche Mitteilungsform ratsam scheinen läßt, sollte man wenigstens für regelmäßige Entspannung sorgen. "Tu l'as reporté longtemps," sagt Danièle, die einfach alles merkt.

Selbst ich merke etwas. Beim Küssen kann man unendliches Wissen erlangen. Man betritt einen anderen Wirklichkeitsbereich und vergißt die Welt ringsum. Dann schlägt man die Augen auf, und alles ist wieder da. Düsenflieger, Zeitungen, Virengetöse. Man vergißt den ganzen Wirklichkeitsbereich, solche Narren sind wir. Es geschieht übrigens nicht bei jedem Kuß. Und nicht nur beim Küssen, nebenbei. Was ich sagen wollte, die Details muß man den Frauen überlasasen. Sie haben klugen Verstand und planen ganze Epochen im Voraus. Man kann ja die merkwürdigsten Erfahrungen machen mit diesen Wesen.

Nur mal ein Beispiel. Wenn du heute spontan einen Besuch vereinbarst, um mit Danièle zu kochen - Ihr wißt, daß ich ein begnadeter Koch bin - kannst du erleben, daß sie gestern schon Zutaten gekauft hat. Für diese Wesen ist das ganz normal. Es läßt sich nie aufklären, weil sie kein Bewußtsein dafür haben, wie merkwürdig es tatsächlich ist. Sie sind uns mit ihrem Verstand voraus!

Und alles läuft wie am Schnürchen, Jungs, wenn wir uns darauf beschränken, die Signale ihrer Bereitschaft abzufangen. Habt Ihr das? Es setzt subtile Beobachtung voraus, eine Wissenschaft für sich. Und die schönste bei weitem, nebenbei. Ihren Gefühlen darf man allerdings nicht trauen. Auf dem Gebiet sind sie Stümper, obwohl alle Welt vom Gegenteil überzeugt ist. Was sie hier unternehmen, gereicht ganz schnell zur Sentimentalität. Wie in einem Film mit Doris Day. Fragt den Großvater, wenn er wieder auftaucht. Vielleicht ist er eingeschlafen?

Große Gefühle, für mein Verständnis eine Männerdomäne, und Gefühlswahrhaftigkeit dürft ihr von diesen Wesen nicht erwarten. Wenn man das weiß, ist vieles einfacher. Sie sollten sich auf klugen Verstand konzentrieren, wenn Ihr mich fragt. Die Liebe ist in diesen Systemen keine Gefühlsangelegenheit, wie vielleicht bei uns. Bei diesen Wesen kann die Liebe wie eine Urgewalt hervorbrechen, der nichts widersteht.

Möglicherweise sind auch wir bis zu einem gewissen Grad fähig, Liebe zu erzeugen. Wahrscheinlicher ist es, daß wir sie indirekt kennenlernen. Wir erfahren davon, wenn wir in den Einflußbereich eines solchen Wesens geraten, das sie auf uns projiziert. Im besten Fall werden wir davon beeindruckt und angezogen, Jungs, wir spüren eine Art Zugwind aus jenem Wirklichkeitsbereich, von dem schließlich alles Geheihen abhängt.

Manchmal kommt diese Liebe wie ein Ungetüm daher, und die Frauen selbst werden davon überwältigt. So merkwürdig kann sie aussehen, diese Urgewalt, daß wir nichts davon erkennen. Man kann sie nicht anfassen, nebenbei. Notwendigerweise kommt es zu Katastrophen. Es kommt zu Kettenreaktionen des Nichtverstehens. Und im Angesicht solcher Katastrophen sind beide Parteien sehr effektiv. Wo die eine Schwächen hat, liegen die Stärken der anderen, und umgekehrt. So kann es zu Verletzungen kommen, die anders kaum möglich wären. Viel schlimmer, als wenn man sich die eigene Zunge abkaut. Zum Schluß steht man vor lauter Trümmern und versteht rein nichts.

Man muß schon in Rechnung stellen, daß es andersgepolte Wesen sind. Ihre Liebe ist für uns Urnotwenidigkeit. Und den klugen Verstand haben sie uns voraus. Die Geistesgrößen der Geschichte waren zwar Männer, mit dem Verstand hat das aber wenig zu tun. Eher mit Anschauung und ähnlichen Methoden. Wir wissen so wenig, Kinder. Vollbehangen mit Klischees ziehen wir durch Tagträume und Abfertigungshallen -

Wo seid Ihr überhaupt? Verdammte Hacke! Da paßt man einen Moment nicht auf, schon kommen die Burschen abhanden. Wartet nur, wir landen nochmal! Ich werde andere Saiten aufziehen. Ganz wenig Neigung, vor leerem Haus zu singen. Auch soll mir keiner kommen und sagen, ich hätte junge Hunde zum Jagen getragen. Hätte halbe Kinder zugeworfen mit unerhörten Fragen. Sie mit Mädels zusammengebracht auf nüchternen Magen. Gefährliche Lehren verbreitet mit Bakteriophagen. Die Presse verglichen mit sieben Plagen. Das Parlament verschrien als mit Blindheit geschlagen. (Als Schmachtfetz hoch auf dem gelben Wagen!) Der Justiz höchstselbst unterstellt ganz falsche Klagen. Dem Zufallsgott Huldigung verweigert an allen Tagen.

Waren vermutlich überfordert. Ich sollte lieber beweisen, daß unsere Gesundheit bei den Chemie-Riesen in besten Händen ist. Und auf sicheren Bahnen. Daß unsere Politiker treu das Beste für sie planen. Daß Freiheit steht fettgedruckt auf ihren Fahnen. Daß ansonsten Zeitungen uns mahnen. Die von allen Tendenzen etwas ahnen. Und nie gereichen Lügnern zu Kumpanen. Daß wir Trockenbeeren ernten werden und Bananen. Und daß sich die Räder des Fortschritts, durch Zufall vermutlich, zum schönsten Getriebe verzahnen.

Im Oktober 2006
© Thomas Bokelmann
(wird fortgesetzt)