Der Virentöter
Kriminalphantasie für ganz große Kinder

Kapitel 1

Kinder, Kinder! Wenn ich Zeitung lese, krieg ich meistens eine Wut.

Stellt Euch vor, es gäbe eine Zeitung, und aus welchem Grund auch immer will sie über Euren Geburtstag berichten. Tolle Sache, oder? In der Zeitung! Alle Freunde sind da, haben schöne Geschenke gebracht, und bis zum Abend geht's hoch her zuhaus. Daß ein Reporter da ist und Fotos macht, fällt keinem weiter auf.

Am nächsten Tag schlagen natürlich alle, die dabei waren, die Zeitung auf. Nun stellt Euch weiter vor, sie finden ein Foto mit der Überschrift, Beim Kindergeburtstag ging's hoch her. Auf dem Fotos sind einige Gesichter zu erkennen. Aber dann kommt ein Bericht, der mit Euch überhaupt nichts zu tun hat. Er hat nichts mit dem zu tun, was Ihr erlebt habt. Wenn der Reporter aus einem Märchenbuch abgeschrieben hätte, wär's auch nicht verkehrter gewesen. Oder hat er sich einen dummen Scherz erlaubt? Jedenfalls hat sein Bericht nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Obwohl er nur fünf Minuten da war, schreibt er, daß Ihr bis in den Abend hinein gestritten habt. Und der Kuchen, den die Oma gebacken hat und von dem er nicht einen Krümel abbekam, sei versalzen gewesen. Ihr hättet sooo eine Wut! Stimmt's?

Genauso geht es mir, wenn ich die Zeitung aufschlage. Und wenn über etwas berichtet wird, das ich kenne! Jedesmal, wenn ich mich auskenne, krieg ich die Wut, versteht Ihr? Ich habe den Eindruck, daß sie alles verdrehen. Daß sie Salzteig nicht von Kuchen unterscheiden können.

Einen ganz fürchterlichen Stiefel erzählen sie jedesmal über Viren. Fast jeden Tag liest man von Viren in den Zeitungen. Viren machen krank, Viren stecken an, Viren lösen Seuchen aus, liest man. Viren sind eine Gefahr für die ganze Christenheit, wenn es nach den Zeitungen geht. Die Frage ist nur, ob es mit der Wirklichkeit etwas zu tun hat. Ich habe mir vorgenommen, Euch zu zeigen, wie man das herausfindet. Und wenn Ihr ein wenig detektivisch denken könnt, ist es gar nicht schwierig. Man merkt dann immer, ob sie in den Salzteig gebissen oder wirklich Kuchen bekommen haben. Also, seid Ihr dabei? Es ist ein total spannender Stoff!

Viren, das sind so ganz winzige Teilchen, die man überhaupt nicht sehen kann. Man kann sie nicht sehen, es sei denn, man hat ein Elektronenmikroskop. Denkt bitte nicht, daß ich angeben will mit diesem Ausdruck. Aber ein normales Mikroskop könnt Ihr voll vergessen. Man muß fast hunderttausendmal vergrößern, damit man überhaupt etwas sieht von den Teilchen. Es reicht aber immernoch nicht. Vielleicht sieht man einen Virus, vielleicht etwas ganz anderes. Das EM, wenn ich abkürzen darf, ist ein Wunderwerk der Technik mit atemberaubenden Möglichkeiten, Kinder. Aber zur Virenbestimmung ist es längst nicht genau genug. Merkt Ihr jetzt schon etwas?

Das Gebiet der Zeitungen haben wir bereits verlassen! Denn mit der Virenbestimmung beschäftigt sich ausschließlich die Wissenschaft. Die Zeitungen könnten nicht mal einen Salzteig untersuchen, gütiger Himmel! Man wäre schon froh, wenn sie ihn nicht mit Kuchen verwechselten.

Das ist so, Kinder, als ob einer behaupten würde, er habe am Himmel einen neuen Stern entdeckt. Dieser frisch entdeckte Stern blase seinen Nachbarsternen am Abend die Lichter aus und beiße Stücke von ihnen ab, um selbst heller zu werden. Was würdet Ihr von einem Menschen halten, der so einen Bericht abliefert? Ihr würdet fragen, ob er etwas an der Waffel hat! Stimmt's? Ob er am Stammtisch die letzten Lichter in seinem Kopf ausgeschossen hat.

Es ist natürlich wunderschön, nachts den Sternenhimmel zu betrachten. Man kommt dabei aus dem Staunen und Entdecken gar nicht heraus. Das habt Ihr ja alle schon erlebt. Aber den Wissenschaftlern, die sich damit befassen, kann man so leicht von Sternen nichts erzählen. Die sehen mit ihren Teleskopen tausendmal mehr - und doch haben sie alles in ihren Sternkarten verzeichnet. Und noch mehr können sie im Weltall hören! Aber wenn wirklich einer etwas Neues findet, ja was geschieht denn dann? Man lacht ihn aus, Kinder. Vermutlich war er sternhagelblau, sagen die Leute - es sei denn, er kann es beweisen. Er muß einen Bericht abliefern, der so genau ist, daß die Kollegen alles nachprüfen können. Wenn es seine Richtigkeit hat, wird der Stern nach seinem Entdecker Hagel Blau genannt und in den Karten verzeichnet.

Es kommt nicht darauf an, daß er recht hatte. In der Wissenschaft geht es darum, den Irrtum auszuschließen. Es ist das Großartigste an der Wissenschaft überhaupt. Normalerweise geht es darum: Wer hat recht? Wer hat angefangen? Wer ist schuld? Das sind die Fragen, die uns bewegen, stimmt's? Auch in den Zeitungen. Da steht irgendeine Sprechblase neben der Pappnase. Die andere Pappnase sagt: Nein. Die erste wieder: Doch! Und so geht es von früh bis spät. Aber nicht in der Wissenschaft. Dies ist eine Methode, um Irrtümer auszuschließen, und da kommt richtig Freude auf. Es ist die spannendste Sache von der Welt, das werdet Ihr bald selbst erleben. Nur Geduld, Herrschaften, nur noch ein bißchen Geduld!

Soviel habt Ihr ja begriffen, daß es nämlich nicht ganz einfach ist, einen Stern zu bestimmen. Aber so schwierig ist es sicher auch nicht. Man muß halt wissen, wie es geht. Man braucht bestimmte Geräte, braucht ein wenig Mathe, was übrigens nicht mein Ding ist. Euch gefällt das vielleicht, aber mich könnt Ihr damit jagen. Ich muß bei meiner Tochter Vektoren schneiden und mit Kurven diskuttieren, das reicht mir dicke. Ich gebe also zu, daß ich noch nie die Lage eines Sterns bestimmt habe!

Es soll mir aber keiner erzählen, das sei wahnsinnig kompliziert. Das behaupten doch nur Leute, die nichts erklären können. Leute, die den kleinsten Bericht nicht auf die Reihe kriegen. Und da regt sich gleich mein Widerstand. In solchen Augenblicken bin ich bereit, sogar Mathematik zu studieren. Nur um zu beweisen, daß es viel einfacher ist, als diese Leute erzählen. Ich beweise es meiner Tochter jeden Tag.

Wenn jemand etwas weiß, erkennt man das daran, daß er's auch erklären kann. Diesen Satz solltet Ihr Euch merken. Der alte Aristoteles hat ihn formuliert, und der hat bekanntlich versucht, Irrtümer auszuschließen. Nach über zweitausend Jahren geht es darum, diese bedeutenden Erkenntnisse in der Schule umzusetzen! Ist das Konsens? Jeder weiß aus Erfahrung, daß Lehrer, die am wenigsten erklären können, am allermeisten fordern. Verdammte Hacke! Dabei sind sie längst durchschaut. Es ist nicht schlimm, wenn einer nichts erklären kann. Aber warum bitte muß er dann den Lehrer markieren? Ausgerechnet den Lehrer!

Entschuldigt bitte, wenn ich vom Thema ein wenig abgewichen bin.Ich find's jedenfalls wahnsinnig spannend, ins Weltall zu schauen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese ganzen Lichter nur aus einem dummen Zufall heraus da sind. Das könnte sich meiner bescheidenen Meinung nach durchaus als Irrtum erweisen. Was meint denn Ihr? Und mit der Virenbestimmung, davon wollte ich ja erzählen, verhält es sich genauso. Mit dieser Angelegenheit beschäftigen sich Wissenschaftler, und nicht Lokalreporter. Nur mit wissenschaftlichen Methoden kommt man weiter, das habt Ihr hoffentlich begriffen. Sternbestimmung und Virenbestimmung, und vieles mehr natürlich, das sind Aufgaben der Wissenschaft. Aber dort sind es leichte Übungen.

Und jetzt will ich erklären, wie die wissenschaftliche Virenbestimmung abläuft, was man dabei beachten muß. Zu Detektiven der Virenbestimmung will ich Euch ausbilden. Danach könnt Ihr mit Wissenschaftlern auf einer Ebene verkehren, und glaubt mir, denen schwindelt niemand etwas vor! Ein echter Wissenschaftler ist unbestechlich und nur der Wahrheit verpflichtet. Genau wie Ihr, stimmt's? Ganz anders als die Salzteigfiguren!

Als Beispiel wähle ich die Virusgrippe, Kinder. Wir nehmen an, der Großvater war der erste Betroffene in der Familie. Ob es ursprünglich beim Schnurri oder beim Kanari oder noch woanders angefangen hat, ist nicht so wichtig. Jedenfalls steckt er die Oma an. Durch Tröpfcheninfektion hat er die Oma angesteckt, sagen die Leute. Dann kamen die Kinder, also Ihr, endlich Eure Eltern, und als es dem Großvater schon wieder ordentlich ging, fing's in der Schulklasse an. Wir als Wissenschaftler betrachten jetzt den Nasenschleim. Da müssen die Teilchen ja drin sein. Den Nasenschleim mögen sie besonders gern. Und durch Nasenschleim-Infektion stecken sie jeden an, der in die Nähe kommt. So stellen es sich die Leute vor.

Was liegt nun näher, als den Nasenschleim zu nehmen und zu schütteln, bis die Viren rausfallen? Ihr lacht? Ganz ähnlich wird's gemacht! Statt zu schütteln wird aber geschleudert. Wie in der Waschmaschine, wo man Wasser aus den Kleidern schleudert, so werden Viren, falls vorhanden, aus dem Nasenschleim geschleudert und aufgefangen. Allerdings wird der Schleim noch vorbereitet. Es geht sonst nämlich nicht. Und die Schleuder ist auch ein technisches Wunderwerk, dreht unheimlich schnell ohne Vibrationen - einfach toll. Der Schleim wird aufbereitet mit Gel, aber daraus dürften keine Irrtümer entstehen. Das ist wie Pomade, die man sich ins Haar tut. Die Haare stehen zwar ab, sie verändern sich aber nicht dabei. Es sind die gleichen Haare nach wie vor. Und die Viren im Nasenschleim, so vorhanden, werden in der Schleuder nicht in Fetzen gerissen durch die Pomade. Sie behalten ihre Form. Auch alle anderen Formen, die im Nasenschleim vorhanden sind, behalten ihr typisches Aussehen.

Meistens ist es nicht nur einfacher Nasenschleim, der geschleudert wird, sondern daraus eine Fortentwicklung. Der Nasenschleim wird ein wenig aufbereitet. Wenn Ihr Euch mit Wissenschaftlern unterhaltet, sprecht vom Präparat oder von der Kultur oder der Probe. Das klingt gut, auch wenn es irgend eine Suppe ist, die im Verdacht steht, Viren zu enthalten. Es gibt auch Wissenschaftler, die Suppe sagen. Mit denen hat man weniger Stress. Mir ist es lieber, wenn sie ihren Humor behalten. Denn wenn sie einen Irrtum finden, müssen sie von vorne anfangen. Da ist keine Hilfe!

Also, irgendwie kommt der Schleim in die Schleuder. Man macht dicht, schaltet ein und schaut auf die Uhr. Nach einiger Zeit kriegt man ein Ergebnis, und das ist wieder total spannend. Stellt Euch vor, Eure Waschmaschine könnte beim Schleudern alle Wäschestücke sortieren und trennen. In einer Reihe lägen die Strümpfe, in der anderen T-Shirts usw, alles säuberlich getrennt. So geht es tatsächlich in der Zentrifuge mit dem Nasenschleim. Alle Bestandteilchen des Nasenschleims liegen säuberlich getrennt in ihren Reihen. Und wenn Viren vorhanden sind, liegen sie in Reihe eins-eins-sechs. Wenn da nichts liegt, sind keine Viren vorhanden. Das ist sicher! Wenn Ihr Euch wissenschaftlich ausdrücken wollt, sprecht von Banden. Bande eins-eins-sechs ohne Ergebnis, sagen die Experten. Viren liegen immer an der gleichen Bande, andere Teilchen an anderen Banden. Wenn es nicht so wäre, könnte man dieses Verfahren überhaupt nicht gebrauchen, um Viren zu isolieren.

Nun hat man sie endlich isoliert. Man weiß, es sind Viren, und legt sie unter's Elektronenmikroskop. Und da sieht man sie dann, rundliche Formen, alle gleich groß, dicht an dicht, falls welche vorhanden sind. Man macht Fotos für den Bericht. Und genau wie Ihr mit den Fotos vom Urlaub auf Malle (das bin ich und da ist der Hai, den wir gefangen haben...) so werden die Fotos der Viren aus dem Nasenschleim des Großvaters dem staunenden Fachpublikum vorgeführt. Aha, sagen diese Leute, spannende Sache. Man gibt ihnen den ganzen Bericht, damit sie Irrtümer ausschließen können. Nasenschleim vom Großvater während der großen Grippe-Epidemie im Herbst, das schreibt man auf die Tüte. Man hat nämlich nicht den ganzen Schleim verbraucht. Der Rest wird bei minus neunzig Grad Celsius eingefroren, damit die Fachkollegen den Versuch wiederholen können.

Zunächst werden sie einen Irrtum vermuten. Sie überlegen sich, daß der Großvater überhaupt keine Epidemie braucht, weil er seine Tröpfchen das ganze Jahr über verliert, manchmal fallen sie in die Suppe. Darum wollen die Kollegen den Versuch wiederholen. Aber bitte, das steht ihnen zu. Sie werden schon sehen! Wenn immer das gleiche Ergebnis herauskommt, können sie nichts machen. Nach Stand der Wissenschaft waren im Nasenschleim des Großvaters Viren vorhanden, sagen sie. Mehr sagen sie nicht. Mehr weiß man ja nicht. Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Wie man die winzigen Teilchen auftrennt, um sie von anderen Sorten zu unterscheiden und ihren Bauplan zu bestimmen, das kommt später. Wenn keine vorhanden waren, sagen sie: Der Verdacht auf Viren hat sich nicht bestätigt.

Die Zeitungen wissen vielleicht schon mehr - nein, entschuldigt bitte! Ich wollte nur testen, ob Ihr aufmerksam seid. Egal, was sie schreiben, Kinder, sie wissen nichts! An dieser Stelle unterbreche ich die Erzählung. Ich spüre so ein Unbehagen. Ihr müßt doch nicht sauer sein. Ich weiß schon selbst, daß Ihr den Großvater lieb habt. Es war aber nur ein Beispiel! Ich hätte auch die Windel vom Brüderchen untersuchen können oder die Klekse vom Kanari, immer wär's dieselbe Prozedur. Wann immer Viren gesucht werden, muß man zuerst schleudern, denn man braucht die Viren isoliert. Keine Ausnahme! Dann müssen Fotos her und ein strenger Bericht. Und der Bericht muß veröffentlicht werden, sodaß jeder Detektiv, wenn ich mich so ausdrücken darf, ihn prüfen kann.

Das ist das erste Gesetz der Virenbestimmung. Alles andere wäre Humbug. Es wäre der größte Schwindel von Lönneberga, wenn ich mich so ausdrücken darf. Eine große, stinkende Luftblase, Kinder, und eine Schande für die ganze Christenheit. Und nun schlagt Eure Schulbücher auf, Kapitel Viren. Seht Ihr die Fotos? Sehr schön! Frage: Sind das Fotos von isolierten Viren? Die kleinen, runden Formen von Bande eins-eins-sechs, alle gleich groß, dicht an dicht gelagert? Und mit einem Hinweis versehen, wo man den Bericht findet? Nichts dergleichen, sagt Ihr? Verdammte Hacke! Was ist hier los?

Der Fall ist klar, Kinder! Das sind überhaupt keine Viren! Obwohl es so einfach wäre, hat man nicht geschleudert. Man hat nichts isoliert. Es sind Märchen aus alten Zeiten. Vor hundert Jahren hat der Wolf die Großmutter gefressen, nicht wahr? Und Viren haben Krankheiten ausgelöst. Doch als das EM kam und Hochleistungszentrifugen, verdammt, da waren überhaupt keine Viren vorhanden! Hundert Jahre lang hatte man sich die Viren nur eingebildet. Es gab ein paar wenige Ausnahmen. Es waren schon Viren zum Teil vorhanden, aber nicht bei Krankheiten. Von diesem Schock haben sich viele Forscher nie erholt. Sie sehen nur noch Irrtümer. Und über die Irrtümer türmen sich Trugschlüsse. Aber dieser Turm aus Trugschlüssen wankt trotz fortgesetzter Schwindeleien. Das ist die Situation, in der wir uns befinden. Das ganze Gebäude wackelt sehr bedenklich. Leider haben Viele nicht begriffen, daß sie es verlassen müssen.

Märchen sind schön, wer wollte es bestreiten, und sie klingen gut. Man weiß, was gemeint ist, und glaubt natürlich kein Wort. Weder lag der Wolf im Bett der Großmutter, noch hat er Kreide gefressen, oder? Und wenn er noch soviel gefressen hätte, wäre seine Artikulation nicht besser geworden. Schon klar, man weiß, wie's gemeint ist und stellt sich vor, der Wolf wäre ein Zeitungsimperium, das sich an kindlicher Gutgläubigkeit gütlich tut. Zuerst hat er sich zweihundert Käseblätter einverleibt. Die Großmutter liegt virenkrank im Bett, steht immer drin. Und man muß sich impfen, sonst nimmt es ein böses Ende, erzählt der Wolf, als hätte er Kreide gefressen. Auf allen zweihundert Titelblättern hinterläßt er diesen Eindruck.

Die Fotos in den Schulbüchern zeigen meinetwegen Nasenschleim. Auch das macht Eindruck. Man hat aber nicht geprüft, ob Viren vorhanden sind. Das erste Gesetz der Virenbestimmung ist nicht erfüllt! Man weiß nur, wenn vorhanden, wären sie rund. Nun hat man irgendetwas Rundes. Das kann alles Mögliche sein, kein Mensch weiß es. Damit es besser aussieht, wird geschminkt. Man kontrastiert oder färbt das Präparat. Unter das Foto kommt der Text: Virus im Nasenschleim. Das Zeug ist ja schließlich rund. Und so kommen die Bücher zustande.

Der umgekehrte Virennachweis, wie? Vor fünfzig Jahren glaubte man vielleicht an dieses Märchen. Heute weiß man, daß es der Schwindel ist von Leuten, die den Irrtum nicht zugeben können. Frage: Handelt es sich dabei vermutlich um Zeitgenossen mit wissenschaftlicher Grundeinstellung?

Laßt es keinem Lehrer durchgehen. Lacht ihn aus, wenn er die exakte Virenbestimmung nicht beherrscht. Wenn er von Viren redet, fragt nach Bandenfotos, fragt nach dem Bericht. Lacht jeden aus, der darauf keine Antwort weiß. Es ist viel schlimmer, als Ihr Euch vorstellen könnt, das mit dem Schwindel. Aber auch mit der Dummheit. Ja sicher! Wie soll man anders sagen, wenn alte Irrtümer ständig wiederholt werden? Dazu sind Zeitungen übrigens gut geeignet. Die wiederholen in Millionenauflagen.

Wenn ich eine Dummheit erkannt habe, werde ich - vorübergehend - eher bescheiden. Ich brauche nicht sofort noch mehr davon. Für Lehrmeinungen aber und Zeitungen, ja sogar für Staatsministerien stellt sich das anders dar. Davon später mehr! Laßt uns jetzt mit der kriminologischen Untersuchung fortfahren.

Seit circa 30 Jahren ist es möglich, Viren wissenschaftlich zu bestimmen. Zuvor hat man hundert Jahre lang so getan, als wisse man alles über sie. Man wußte, wo sie vorkommen, was sie anrichten, wie sie sich verhalten. Man wußte einfach alles. Leider nur in der Phantasie. Bei fast jeder Krankheit hatte man Viren als Überltäter im Verdacht. Selbst beim Krebs.

Noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, habt Ihr das, wurde unglaublich viel Geld in die Forschung gesteckt, um Viren als die Verursacher der Krebskrankheiten darzustellen. Der kleine Virus als Krebsmonster. Es waren aber keine vorhanden, wie man schließlich zugeben mußte. Es war die größte Forschungspleite aller Zeiten, wenn man davon absieht, daß später noch größere kamen. Und man hätte es sich sparen können durch die Anwendung des ersten Gesetzes der Virenbestimmung.

Zeitgenossen mit wissenschaftlicher Grundeinstellung hatten von Anfang an den Verdacht, daß Viren als Übeltäter nicht in Frage kamen. Wahrscheinlich haben Zeitungen über die Vergabe der Gelder entschieden. Oder die Pappnasen, die dort neben ihren Sprechblasen stehen. Während dieser ganzen Zeit war kein Geld da für Forscher mit wissenschaftlicher Grundeinstellung. Die wollten zu den wirklichen Ursachen der Krebskrankheiten vorstoßen. Auch später, als die Blamage offensichtlich war, wollte man sie nicht lassen - wir werden darauf zurückkommen.

Nun gibt es dennoch Leute, die gezeigt haben, daß auch sonst bei Kranheiten keine Viren vorhanden sind. Bei all den Übeln, die man als Viruskrankheiten bezeichnet - und das ist ne ganze Latte - immer Fehlanzeige. Sie sind einfach nicht vorhanden. Es findet sich kein einziger Bericht von einem Vireninachweis bei sogenannten Viruskrankheiten. Alles Angaben entstammen der Zeit, als man sie noch gar nicht bestimmen konnte. Sie müßten aber da sein, wenn sie die Übeltäter wären! Sie teilen sich doch tausendmal jede Sekunde. Dann legen sie Zellen lahm, mutieren zu gefährlichen Formen, so wird behauptet, und bedrohen endlich die ganze Christenheit, oder? Wenn man nachsieht, ist nichts vorhanden. An Bande eins-eins-sechs ist nichts vorhanden. Und das ist doch sicher: Falls Viren als Übeltäter in Frage kämen, würden sie sich an dieser Bande versammeln.

Haben nun diese Herrschaften den Irrtum endlich eingeräumt? Haben sie den hundertjährigen Trugschlußturm entsorgt? Ganz im Gegenteil. Es ist grausam aber wahr: Ständig werden neue Viren erfunden. Mal hat man eine Krankheit und verdächtigt als Übeltäter neue Viren. Mal hat man etwas Rundes und sucht eine zugehörige Krankheit. Die Zeitungen sind voll von solchen Geschichten, und kein Tag ist zu schade dafür. Verdammte Hacke: Was ist hier los? Wo sind die Übeltäter, die in so unverschämter Weise gegen die Wissenschaft arbeiten und gleichzeitig behaupten dürfen, im Namen der Wissenschaft zu sprechen? Wenn es eine Schleuder gäbe für ihre Aussagen, so wäre an der Bande der Wahrheit nichts vorhanden! Man hat allerdings den Eindruck, daß sie auch ohne Schleuder Banden bilden, diese Herrschaften. Daß die Tatsachen absichtlich verschleirt werden. Viele Leute glauben bekanntlich alles, was in den Zeitungen steht. Im schlimmsten Fall glauben sie, daß es sich bei den Bandenmitgliedern um Zeitgenossen mit wissenschaftlicher Grundeinstellung handelt. Tatsächlich haben sie nur das Mäntelchen der Wissenschaft übergezogen. Damit gelingt es, den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken.

In den Zeitungen kann man's vom größten Unfug nicht unterscheiden, obwohl, wissenschaftlich korrekt, das geflügelte Wort gilt: Die lügen wie gedruckt da oben. Man weiß aber gar nicht, wo oben und unten ist. Seht her! Vor soviel Schwachstrom möchte ich Euch bewahren. Was meint Ihr, sollen wir nach all diesen Vorübungen das zweiten Gesetz der Virenbstimmung behandeln? Es ist ein total spannender Stoff, der wirklich glänzende Aussichten für die Zukunft eröffnet. Euch sowohl als der Christenheit.

 

Kapitel 2
Bereits jetzt wißt Ihr mehr als die allermeisten Zeitgenossen. Die lesen Zeitung und glauben an Märchen. Ihr aber könntet Schulbuchverlage beraten und in der Lehrerfortbildung arbeiten. Doch es geht weiter. Laßt uns das zweite Kapitel der kriminalsoziologischen Untersuchung aufschlagen. Wie soll ich anfangen? Ihr habt sicher auch schon mal einen Plan gemacht? Seit vier Uhr früh sitze ich am Schreibtisch und mache Pläne. Irgendwie gehn sie aber alle nicht.

Inzwischen ist es hell geworden, die Nachbarn sind aufgestanden, und ich habe nichts als Notizen. Warum gibt es Krankheiten? Warum müssen wir sterben, bevor wir wissen, was hier los ist? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es ein Leben vor der Geburt? Sind wir schon öfter auf der Erde spazieren gegangen? Es muß eine Antwort auf diese Fragen geben.

Kein Wissenschaftler gibt sich mit solchen Fragen ab, sagen die Leute. Warum eigentlich nicht? Man kann natürlich alles Mögliche glauben, aber nur, wenn man es nicht weiß, oder? Falls man die Antwort hätte, gäbe es nur noch eine Version. Sollte man jedenfalls meinen. In der Wirklichkeit gibt es nur eine richtige Antwort, richtig? Mag sein, daß es schwierig ist, was weiß denn ich. Aber warum sollte man sie nicht irgendwann finden? Mag auch sein, daß es manche dann nicht gleich begreifen. Aber was ist mit denen, die es begreifen und trotzdem weiter machen? Nennt man das Aberglauben? Viren sind zwar keine vorhanden, aaaaaber irgendwie stecken sie jeden an! Es muß doch einen Grund haben, daß wir angesteckt werden, sagen sie.

Es ist keine Wirklichkeit nach dem Tod, sagt Ihr? Dann wäre das die Antwort? Wie habt Ihr das herausgefunden? Ah, verstehe: Weil man es nicht anfassen kann. Darum also. Die Wirklichkeit ist das, was man anfassen oder irgendwie mit den Sinnensorganen wahrnehmen kann, wenn ich Euch richtig verstehe. Den Apfel kann ich anfassen, und wenn ich reinbeiße, schmeckt er süß oder sauer. Und wenn ich loslasse, fällt er runter, das ist die Wirklichkeit. Und man kann die Beschleunigung ausrechnen. Oder wenn ein Stern am Himmel steht, kann man ausrechnen, wie lange sein Licht unterwegs ist, auch wenn man ihn nicht anfassen kann. Ist das die Antwort auf meine Fragen?

Wie verhält es sich eigentlich mit der Mathematik? Mich dürft Ihr nicht fragen! Ist es eine Wirklichkeit? Schon irgendwie, oder? Man nervt sich täglich ab damit, wer wollte es bestreiten. Kann man sie anfassen? Schon gut, ich frage ja nur. Kann man sie riechen? Mir stinkt sie mächtig! Lassen wir sie meinetwegen gelten, als Ausnahme. Man kann schlecht bestreiten, daß sie da ist, aber ihre Wirklichkeit ist merkwürdig. Sie hat kein Gewicht, höchstens im Notendurchschnitt. Einen Geruch hat sie nur bei mir, das zählt aber nicht. Man muß sie verstehen, bevor man ihre Wirklichkeit überhaupt bemerkt, stimmt's? Ihre Wirklichkeit ist abhängig vom Denkvermögen. Sagen wir: eine Ausnahme. Dann kann man sie eben nicht anfassen. Das Besondere an der Mathematik, wenn ich recht verstehe: Sie ist eine Ausnahme von der Wirklichkeit, wie wir sie verstehen. Ok?

Den Apfel kann man aber anfassen. Und wenn er runterfällt? Dann kommt die Wirklichkeit der Erdanziehung ins Spiel. Ok? Kann man sie anfassen? Bitte, bitte, ich frage nur. Vielleicht wird er gar nicht von der Erde gezogen, sondern vom Weltraum geschoben. Weiß man's denn? Ich meine, kann man beobachten, ob geschoben oder gezogen wird? Nicht wirklich, wie? Woher weiß man es dann? Es kommt von der Gravitation, sagt Ihr? Hatten wir schon, und daß man sie weder anfassen noch beobachten kann. Wieder eine Ausnahme? Naturgesetz sagt Ihr? Das ist gut, gefällt mir ausgezeichnet. Und wenn geschoben wird, wäre das keins?

Für das, was an diesem Gesetz exakt ist, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob gezogen oder geschoben wird. Die Berechnung der Beschleunigung ist davon völlig unabhängig. Wir lassen den Apfel los und beobachten, was dann geschieht. Wir messen die Strecke, zählen die Sekunden, und daraus ergibt sich die Formel. Oder wir sehen, daß er einen Bogen beschreibt, wenn man ihn fortwirft, im Verhältnis zur Erde. Wenn man alles genau beobachtet, ergeben sich Gesetzmäßigkeiten. Wo? Ja entschuldigt bitte! Kann man sie anfassen? Sehen, riechen, wiegen?

Kann man die Zeit anfassen? Immerhin teilt man sie in Sekunden. Jetzt aber die Beschleunigung. Man mißt sie nach Sekunden im Quadrat. Schon angefaßt heute, eine Sekunde hoch zwei? Man weiß, die Beschleunigung liegt bei neun Komma acht Meter pro Sekunde im Quadrat. Seid Ihr jetzt zufrieden?

Wir haben eine Erklärung gesucht für Sachen, die man beobachten kann, und finden eine Formel. Erklärt sie, ob gezogen oder geschoben wird? Nein! Und wenn es sicher wäre, daß gezogen wird: Sind wir dann zufrieden? Nein, wir fragen weiter. Was ist das für eine Kraft? Magnetisch ist sie nicht, elektrisch ist sie nicht - oder am Ende doch? Wir sind überhaupt nicht zufrieden, wenn wir wissen, daß die Erde zieht. Als Erklärung reicht uns das noch lange nicht aus. So sind wir eben. Wir sind solche Typen, die nicht zufrieden sind, bevor sie Erkenntnis gewonnen haben. Das war jetzt fast eine Definition. Daraus könnt Ihr mein Menschenbild ableiten. Ich weiß allerdings so gut wie Ihr, daß die meisten nur in Ruhe gelassen werden wollen. Daß man sie ganz schwer zum Denken bringt. Ist es schwierig, mir zu folgen?

Fassen wir zusammen. Die Naturgesetze mit ihren Formeln wären ohne Mathematik gar nicht da. Sie wären schon da. In der Natur brauchen sie keine Mathematik, um zu wirken. Aber diese Wirkungen wären für uns noch viel weniger greifbar. Vermutlich. Anfassen kann man sie nie und nimmer, aber man kann sie in einer Formel darstellen. Kann man Geschwindigkeiten sehen? Ja! Das nur nebenbei.

Die Mathematik war eine Ausnahme von der Wirklichkeit, wie wir sie verstehen. Sie beruht auf lauter Geistestatsachen, die jeder selbst verstehen muß, bevor sie für ihn vorhanden sind. Und die Naturgesetze? Wieder lauter Ausnahmen? Oder handelt es sich um Wirklichkeit? Irgendwie schon. Sie sind ja exakt. Man kann sie aber nicht anfassen. Handelt es sich bei dem, was man als Gesetzmäßigkeiten der Natur bezeichnet, um Ausnahmen von der Wirklichkeit? Es sind offenbar lauter Geistestatsachen, diese Gesetze. Das dürft Ihr keinem Wissenschaftler erzählen. Aber wo ist der Haken? Was würden diese Wissenschaftler antworten? Sind es Gesetze, welche die Vorgänge in der Natur beschreiben, und zwar exakt, oder sind es Geistestatsachen, die man normalerweise als schwammig bezeichnet?

Können wir festhalten an der Aussage, daß man die Wirklichkeit anfassen kann? Das habt Ihr ja gesagt. Ist der Tod eine Wirklichkeit? Oder schon wieder eine Ausnahme? Gibt es nur lauter verdammte Ausnahmen von Eurer Definition? Oder wollt Ihr behaupten, daß der Tod keine Wirklichkeit ist? Oder daß Ihr ihn angefaßt habt? Gewogen? In Sekunden geteilt? Mit einer Formel berechnet? Nach Sekunden hoch drei oder wie? Ich fürchte, man kommt nicht weit mit dieser Definition.

Schätze, wir müssen da einen Irrtum einräumen. Kann man ihn anfassen? Ganz merkwürdig! Selbst der größte Irrtum tut dem, was man anfassen kann, keinen Abbruch. Damit hat er gar nichts zu tun, und sei er noch so groß. Stellt Euch vor, der Irrtum läge in der Natur. Sie wäre selbst falsch - wie abwegig! Nein, Kinder: Wir bringen ihn hinein. Genauso bringen wir die Erkenntnis hervor, wenn wir den Irrtum ausräumen. Wir bringen zu dem, was vorhanden ist, Erkenntnis hinzu. Aus dieser Übereinkunft entsteht etwas Neues, was vorher nicht da war. Erst dann haben wir die Wirklichkeit. Wenn wir richtig über eine Sache denken, ist sie als Wirklichkeit vorhanden. Auch ohne uns wäre sie da, klar. Aber nicht als die Wirklichkeit, in der wir leben. Unser Denken ändert zwar nichts an der Sache. Es stellt sie aber in den Zusammenhang, den wir als Wirklichkeit bezeichnen. Eine Welt ohne Zusammenhänge wäre für uns nicht bewohnbar. Die Zusammenhänge wären ohne uns aber nicht da. Solange wir unvollkommen oder falsch denken, ist die Wirklichkeit nicht fertig. Es würde etwas fehlen.

Ist das nicht merkwürdig? Wir glauben alle, daß wir mit greifbaren Tatsachen beschäftigt sind. Wenn man genauer schaut, sind sie uns egal. Auch die Sinneseindrücke sind egal. Entscheidend sind die Gedankenvorstellungen, die wir damit verbinden. Wir erkennen Zusammenhänge und verstehen Gesetze. Erst dann sind wir zufrieden. Wenn wir Erkenntnisse gewinnen, kommt Freude auf. Seid Ihr anderer Meinung?

Die Frage ist doch, warum die guten Gummibärchen aus dem Bioladen wieder alle sind. Entweder ein Loch ist in der Tüte oder der Großvater geht um die Ecke. Sonst kann er angeblich nichts beißen, aber Gummibärchen findet er immer. Solche Dinge gilt es zu erforschen, im Kleinen wie im Großen! Wenn man Gestzmäßigkeiten erkannt hat, eröffnen sich Möglichkeiten. Die kann man aber nicht anfassen. Als Entwurf oder Plan führen sie zunächst ein Gedankendasein. Was man nicht anfassen kann, gibt es aber nicht, hatten wir gesagt. Schon merkwürdig, oder? Zusammenhänge gäbe es dann nicht. Oder Naturgesetze. Heute schon eins angefaßt? Damit es nicht zu schwierig wird, fangen wir ein neues Kapitel an. Wenn Ihr Euch erholt habt, geht es weiter mit - na? Piraterie!

Vielleicht ist es gar nicht schwierig? Vielleicht weiß ich zu wenig, um es richtig zu erklären? Ok. ok, ich gebe alles zu. Ich bin überhaupt kein Philosoph. Obwohl ich die Weisheit vielleicht lieben könnte. Im Grunde meines Herzens bin ich - na? Pirat!

 

Kapitel 3
Wir werfen möglichst viele Irrtümer über Bord, dann kommen wir in Fahrt. Naturgesetze, die majestätischen Fangschiffe der Wissenschaft, aufgetakelt mit exakter Mathematik, sie fahren auf dem Meer der Erkenntnis.

Als Wissens-Piraten ziehen wir los, als Freibeuter der Weltzusammenhänge. Kein Schiff der christlichen Seefahrt ist vor uns sicher, kein Zusammenhang bleibt verborgen. Was man wahrnehmen kann mit den Sinnen oder mit Instrumenten, es ist noch nicht die ganze Wirklichkeit. Für Freibeuter ist es kaum die halbe Beute. Nebensächlich ist es gar, denn auf Zusammenhänge kommt es an. Bei uns laufen die Fäden zusammen.

Seht dort die leere Tüte, seht die Kaubewegungen des alten Herrn. Was kombinieren wir daraus? Wir halten die Kaubewegung für die Ursache der leeren Tüte, verdammt! Wir arbeiten mit der freibeuterischen Kombinationsgabe. Etwas, das nichts kostet, bringen wir ein, und machen aus wertlosem Plunder Beute von Wert. Eine bloße Kleinigkeit bringen wir mit - und nehmen alles. Was vorher ohne Bedeutung war, eine leere Tüte, die Schmatzgeräusche einer Kinnlade, es wird zum Goldschatz des Wissens hinzugefügt durch das schwarze Piratenlicht der Erkenntnis. Wow!

Enterhaken bereit, Männer, brüllt der Piratenkapitän. Nehmt das ganze verdammte Schiff und alles, was damit zusammenhängt. Zum Teufel mit der christlichen Seefahrt! Das, was wir zur Welt hinzufügen, darauf kommt es an. Der ganze Rest ist Plunder. Der Teufel soll ihn holen. Wir bringen unsere freibeuterischen Vermögen ein, erst dadurch erhalten die Dinge ihren Wert. Was wäre die Welt ohne solche Piraten? Der kleinste Teil der Wirklichkeit! Wie ein Schiff ohne Mast wäre sie, wie ein Faß ohne Rum. Eine verdammte rabenschwarze Windsbraut wäre die Welt, zu nichts weiter nutze, ohne den Segen der erkennenden Freibeuterei. Wir sprechen das Unding heilig. Mit uns beginnt die Zeit. Setzt die Segel, Männer, macht die Taue los! Fangt den Wind. Steuerbord voraus die neue Zeit. Holt die Beute ein.

Im Laufe der Jahrhunderte gelangten die Piraten zu unvorstellbarem Erkenntnisreichtum, aber sie kamen an eine Grenze. Die ganze Zeit betrieben sie das Handwerk des Todes, und alles, was sie untersuchten, war tot. Bei den toten Stoffen blieben sie stehen. Die primitivste Erscheinungsform der Wirklichkeit, das sind die toten Stoffe der Natur. Die Piraten sprechen von Materie. Auf diese einfache Wirklichkeit wenden sie die Mathematik an, und kommen zu ihren Ergebnissen. Ich sage nicht Erklärungen, ich sage Ergebnisse, mögen sie noch so nützlich sein. Auf höhere Erscheinungsformen der Wirklichkeit, das mußten sie schließlich erkennen, müssen stärkere Erkenntniskräfte angewendet werden. Sie waren auf Piratenschiffen aber nicht vorhanden.

Wenn wir einen Stein nehmen oder totes Holz, greifen die Naturgesetze. Denn außer Materie kommt gar nichts weiter in Betracht. Aber schon bei einer Pflanze, sagten sich die Piraten, ist die Materie nur noch ein kleiner Teil der Wirklichkeit. Bei einer Pflanze ist die Materie genau dann die volle Wirklichkeit, wenn sie abgestorben ist. Sie knickt ein, fällt zu Boden und wird zu Staub. Wenn wir die Pflanze materiell verstehen, können wir genausogut Staub untersuchen. Das müssen wir ehrlicherweise sagen. Und wir haben nie etwas Anderes getan.

Wenn ich den Piratenkapitän recht verstehe, gibt es bereits bei der Pflanze noch andere Kräfte als Naturgesetze, wie sie für tote Stoffe gelten. Die Gesetze der toten Stoffe werden in der Pflanze, sofern sie gedeiht, überwunden. Es ist wie ein Fortschritt von der Fläche in den Raum. Habt Ihr das, Kinder? Oder von der Ebene in die Fläche. Oder vom Punkt in die Ebene, ich weiß es auch nicht genau. Es sollte nur ein Vergleich sein. Ihr wißt selbst, daß das nicht mein Fach ist.

 

Kapitel 4
Die verunsicherten Piraten begannen sich zu fragen, was das eigentlich ist, Materie? Was macht die toten Stoffe aus? Was wissen wir davon?
Gerade die Materie konnten sie am wenigsten verstehen durch Naturgesetze. Man kann sie wiegen, messen und berechnen, aber wie weiter? Wie ist sie aufgebaut? Ganz berühmte Piraten vermuteteten, daß sich im Innern der Materie Hohlräume befinden. Je genauer man untersucht, sagten diese Piraten, desto gewaltiger die Hohlräume, die man findet. Letztlich findet man nur immer Hohlräume, sagten sie.

Ich will mich zu diesen Gedankenn selbst nicht äußern, Kinder, aber warum behauptet man bitte, es handele sich dabei um eine Erklärung? Wenn Ihr fragt: Warum ist das und das schwer? Und man antwortet Euch: Weil es total leicht ist - würdet Ihr das eine Erklärung nennen? Und wenn die Frage lautet: Warum ist die Schulbank fest und hart, sodaß ich andauernd mein Schienbein dagegen schlage? Und die zugehörige Antwort lautet: Weil sie hohl ist durch und durch und aus lauter Hohlräumen besteht genau wie das verdammte Schienbein - darum tut es weh beim Anschlagen? Ist das eine zufriedenstellende Erklärung? Je hohler also desto härter?

Aus Atomen, so nennt man die Hohlblöcke, hunderttausenmal kleiner als Viren, ist die Materie aufgebaut. Seid Ihr jetzt zufrieden? Es ist nur ein anderes Wort! Man findet immer nur Hohlräume. Zuerst findet man viel, viel kleinere Teilchen, die kreisen um etwas anderes Kleines herum in einem wahnsinnig großen Abstand. Dazwischen ist alles hohl und leer. Das, was kreist, ist keine Materie, sondern elektrische Ladung, fast ohne Substanz und restlos hohl. Was für Substanz es ist, weiß man nicht. Innen vermutlich hohl. Und was umkreist wird, ist es nun Materie? Kleine Kügelchen soll man sich vorstellen, viel winziger als das Atom. Drum herum die Ladungen auf ihren Bahnen, dazwischen alles hohl, und so bauen sie die Materie auf. Wenn recht viele Kügelchen zusammen sind, und das ist jetzt lustig, kommt es zu Zerfallserscheinungen. Dabei entsteht Strahlung, wieder nichts Festes. Wäre auch schlimm, wenn es fest sein wollte, denn das kann man ja am allerwenigsten erklären. Wenn irgendetwas Festes käme in dieser Reihe, es wäre ein Rückschlag. Man wäre wieder am Ausgangspunkt. In den Kügelchen vermutet man nun zusammengeballte Kraft irgendwie. Trotzdem kennt man ihre Masse. Was ist dann Masse? Schon mal Kraft gewogen? Na gut, meinetwegen kann man sie berechnen, bekommt also ein paar Zahlen. Damit kann man rechnen, wenn man eine Formel nimmt. Es kommt auf den Zustand an, hören wir. Die Zustände haben vermutlich keine Substanz, sondern nur Hohlräume. Damit bilden sie den Teilchenpark, aus dem alles besteht. Seid Ihr jetzt zufrieden?

Vielleicht ist es in Wirklichkeit ein Zahlenpark. In den Hohlräumen liegen Zahlen und Formeln, das würde passen! Sie haben keine Substanz, aber man kann mit ihnen rechnen. Sie rechnen sich einfach selbst aus und stellen sich als Materie dar. Dann rechnen sie ihre Zustandsänderungen aus und stellen sich als Strahlung oder als Wechselwrkung dar. Wir müssens dann nur nachrechnen, fertig.

Ich finde dieses Spiel total spannend und recht lustig. Ich spiele auch mit soweit, aber man kann mir nicht erzählen, daß es sich um Erklärungen handelt. Was eine Erklärung ist, weiß ich zufällig genau. Und wie sie in diesem Fall aussehen müßte, weiß ich auch. Wenn man eine Erklärung kriegt, ist man zufrieden. Und daß sie keine haben, wissen die am besten, die diese Geschichten erzählen. Ansonsten könnten sie mir leid tun. Ein Zeitgenosse mit wissenschaftlicher Grundeinstellung wird kaum behaupten, daß er schon erklären kann, was Materie ist. Meinetwegen wird er sagen: Wir wissen wahnsinnig viel, aber längst nicht genug. Dann hätte ich Respekt.

Die einfachsten Fragen werden ausgesucht, Fragen zur einfachsten Erscheinungsform der Wirklichkeit. Nur was man anfassen kann, kommt in Frage. Und nun hat man keine Antworten, wenn man ehrlich ist. Doch wovon wird gesprochen? Von letzten Dingen. Auf die großen Fragen des Daseins geben sie Antwort. Tatsachen, die vor der Untersuchung ausgeschlossen wurden, ausgerechnet davon weiß man alles. Woher wollen sie wissen, ob es ein Leben vor der Geburt gibt? Könnt Ihr mir das sagen? Sie befassen sich mit Verhälnissen, die man an toten Dingen beobachten kann. Aber schon der Materie kommen sie nicht auf den Grund. Und worüber wissen sie simsalabim Bescheid? Über alles, was an toten Dingen niemals zu beobachten ist. Und man muß unbedingt glauben, was sie dazu sagen.

Keine Kirche war dogmatischer, habt Ihr das, als dieses vorlaute Scheinwissen, das sich zur Weltanschauung aufbläst. Die Materie läßt man gelten, stochert aber immer nur im Hohlen. Was nicht materiell ist, gilt als dubios, wo es um bedeutende Fragen geht. Es wird verherrlicht da, wo es in den Kram paßt. Wo es Mathematik heißt oder Raum oder Naturgesetz oder Atommodell. Das ist unsere Ausgangssituation! Mit diesen Verhältnissen hat man es zu tun. Versteht Ihr jetzt, daß es nicht einfach ist? Ich würde auch lieber Märchen erzählen.

Genauso wie eine Zeitung niemals über wissenschaftliche Fragen entscheiden kann, sollte ein Fachgelehrter, der sich auf tote Stoffe versteift, nicht über Sinnfragen entscheiden. Sonst macht er sich erst recht zum Fachidioten. Ist doch wahr, Kinder. Entschuldigt, wenn ich laut geworden bin. Jeder Mensch mag glauben, was er will, auch der dogmatische Pirat. Da es aber nur eine Möglichkeit gibt, wird man eines Tages wissen. Darauf sollten wir gefaßt sein. Bis jetzt gibt es für die wichtigen Fragen des Daseins keine anerkannte Methode, durch die man Irrtümer ausschließen könnte. Die Großmäuler auf diesem Gebiet könnten sich aber leicht als hohl erweisen. Wer nur tote Stoffe anstarrt oder das, was er dafür hält, hat schlechte Karten. Er ist eben behindert. Man wäre schon froh, wenn er eine Erklärung zur Materie abgeben könnte, nicht wahr? Vorerst müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß sie bis ins Unendliche hinein vermutlich aus Hohlzuständen, aus gähnender Leere besteht, falls nicht doch aus Zahlen und Formeln. Dieses Gedankengebäude nennt man Atommodell. Aber was beim Henker hat das Ganze mit unserer Virenbestimmung zu tun? Ihr erinnert Euch? Das zweite Gesetz der Virenbestimmung wollten wir ein wenig behandeln!

 

Kapitel 5
Das mußte einfach mal gesagt werden. Alles ist jetzt leichter. Keine Lust, Euch zu Süßwasserpiraten auszubilden. Oder zu Badewannenleichtmatrosen, die der Christenheit erzählen, daß der Zufall alles gemacht hat. Durch Zufall, erzählen sie, ist alles entstanden. Es hat sich alles vom Anfang her entwickelt, sagen sie. Na prächtig! Also nicht von hinten nach vorne.

Das ist die Begründung, warum sie die Wirklichkeit auf tote Stoffe reduzieren wollen. Und es ist dermaßen hohl. Sie projizieren die inneren Hohlzustände nach außen und in die Materie hinein. Schon gut, ich bin ganz ruhig. Nichts gegen ehrliche Piraten, geht mir nur fort mit diesem Taschenformat. Alles wäre gut, wenn sie die vorlaute Klappe halten könnten, wo es um die großen Fragen geht. Da sind sie nicht zuständig mit ihrer Halsstarrigkeit und der Piratenhabgier. Ich bin schon ruhig, bin ganz ruhig, Kinder.

Alles gerinnt zu totem Stoff unter ihren Händen, und aus den Klumpen formen sie ein Modell vom Leben. Wenn man es berührt, zerfällt's zu Staub, und da noch beten sie's an. Der allmächtige Zufallsgott hat alles gemacht, murmeln sie vor sich hin. Ganz ruhig und leise flüstere ich ihnen zu: Es ist recht, daß auch in einem Piratenherzen ein kleiner Glaube wohnt. Den darf man dem Piraten nicht nehmen. Aber wenn er vor die Christenheit tritt und verkündet, daß der kleine Glaube eine große Wissenstatsache sei, dann soll er sich nicht wundern, wenn schließlich alles lacht über seinen Gott. Ha! Der große Zufall hat alles gemacht. Der Zufall, habt Ihr das gehört! Kann man ihn anfassen, diesen Zufall? Seine Geschwindigkeit berechnen? Hat er einen weißen Bart? Warum ist er blind?

Und nun zur Sache, entschuldigt den kleinen Umweg. Es soll nicht umsonst gewesen sein. Viren waren schon relativ kleine Teilchen, Kinder, ohne EM nicht zu sehen. Vor ca. 30 Jahren, wir haben davon gesprochen, wurde es möglich, diese Teilchen aufzutrennen, um den Bauplan zu bestimmen. Nun stellt Euch das vor! Zuerst hatte man die isolierten Viren, winzige runde Teilchen, seit an seit, und dann ging's an die Bestimmung der noch viel kleineren Bestandteile. Man fand heraus, daß Viren aus fünf oder sechs Genen bestehen, eingehüllt in Eiweißfäden. Eiweiß könnt Ihr Euch ungefähr vorstellen, mit den Genen halten wir uns jetzt nicht auf. Jedenfalls werden die Viren auf diese Weise unterschieden und auseinandergehalten. Ich möchte nicht darauf eingehen. Gene kann man nun überhaupt nicht mehr sehen, sie werden dargestellt. Man arbeitet mit dem Atommodell und hat so gewisse Methoden, die ich andererseits durchaus zu bewundern weiß. Wir können die Details ausklammern. In dem Bericht, den ein Forscher veröffentlicht, ist festgehalten, was für Eiweiß in der Virenhülle vorkommt - es gibt tausenderlei - und wie die Gene aussehen. Damit ist der Virus exakt bestimmt. Habt Ihr das?

Wenn ein Virus nach Euch benannt werden soll, so ist das im Prinzip recht einfach. Ihr müßt nur zeigen, daß dieses Teil sich entweder beim Eiweiß oder in den Genen von allen bereits bekannten und dokumentierten Viren unterscheidet. Allerdings wird Euer Bericht sehr genau geprüft. Anders als bei den Zeitungen wird, wo jeden Tag neue Scherzviren auftauchen, sternhagelblaue, hirnrissig dumme, knallbunt gelackte.

Die Viren der Zeitungen sind niemals an der Bande fotografiert, sondern animiert. Mit Computerprogrammen und Computerspielen werden Modelle gebaut oder Grafiken simuliert. Es sind Computerviren. Natürlich sehr raffiniert, obwohl es gar nicht nötig wäre. Man könnte sie einfach und exakt bestimmen, falls vorhanden! Manchmal bringen sie gefälschte Fotos oder richtige mit falschem Text. Die Fotos kommen dann aus einem Archiv und haben mit dem, was man behauptet, überhaupt nichts zu tun. Es war doch nur ein Beispiel, sagten Leute, die man beim Fälschen erwischt hat. Die schlimmsten Fälscher sitzen vielleicht gar nicht in den Zeitungsredaktionen, aber eines ist merkwürdig: Die Wahrheit drucken sie nie. Sie unterscheiden trefflich fein! Für Detektive mit wissenschaftlicher Grundeinstellung sind Zeitungen zunächst nicht zurechnungsfähig. Erwartet nichts! Kann man sie selbst für eine Kampagne benutzen, das ist die Frage. Ihr kennt das geflügelte Wort: Auf hoher See und vor Gericht bist du in Gottes Hand? Aber selbst Gottes Hand kann nur wenig für die Wahrheit tun, solange die Presse eine Kampagne reitet. Die Christenheit glaubt weniger dem Geist als gedruckten Phrasen.

Die Vorgehensweise der Zeitungen ist der wissenschaftlichen genau entgegengesetzt. Die Viren haben alle schon Namen, aber niemand hat sie jemals entdeckt. Es gibt Namen, aber gesehen hat man nichts. Sie verfielfältigen sich nur in den Auflagen der Zeitungen. Die sollten sich auf Lottozahlen, Sportergebnisse und Sprechblasen beschränken! Mit einem Kindergeburtstag sind sie bereits überfordert. Meistens stimmen die Namen mit den Krankheiten überein, die sie angeblich verursachen, was sie aber nicht tun, da nicht vorhanden. Was bleibt, ist der hohle Name und eine Krankheit, deren Ursache man nicht kennt. Viren scheiden als Übeltäter aus, da nicht vorhanden. Wären welche vorhanden, hätte man sie an ihrer Bande einfach, sicher und exakt bestimmt. Man müßte anschließend nur noch untersuchen, ob sie die Krankheit verursacht haben. Sie könnten auch vorhanden sein, obwohl die Krankheit zuerst war. Oder deswegen. Das Kombinieren dürfte Euch als Detektiven ja nicht schwer fallen. Vorausgesetzt, es wäre etwas vorhanden.

Ihr seht aber auch, daß davon sehr viel abhängt. Was die Zukunft angeht, hängt sehr viel ab von Euch, Ihr Lieben! Darauf komme ich später zurück. Glaubt nur nicht, daß die wichtigen Entdeckungen schon gemacht sind! Wir haben damit kaum erst angefangen. Wir sind solche Stümper auf allen Gebieten! Materie, Wärme, Licht, Zeit, Wirkung, Leben, Erkenntnis - wir plappern über alles. Das Ergebnis ist bekannt. Euch ist es vorbehalten, eines Tages die Wirklichkeit dieser Zustände, und anderer mehr, zu erkennen. Oh könnte ich an Eurer Stelle sein! Leider habe ich nicht mehr viel Zeit. Aber vielleicht komme ich wieder? Vielleicht ist es nur die Hülle aus Stoff, die ich ablegen muß. Und der Kern meines Wesens, den man nicht anfassen kann, trennt sich davon. Er macht einen Bogen und kommt zurück zur Erde. Im Schoß einer Mutter umhüllt er sich mit neuem Stoff. Da wäre ich also wieder! Man braucht schließlich einen Körper, um hier unten spazieren zu gehen. Ach Kinder, das wäre schön. Dann könnte ich sehen, wie es weiterging mit Euch.

Alles Quatsch, sagen die Zeitungen. Aber können die nicht für eine Weile mal die Fresse halten, die vorlaute? Dadurch wäre uns sehr geholfen. Leider sind all diese Fragen ja noch offen. Ob man den Bogen beschreibt und so weiter. Eines ist klar: Ohne Stoff geht nichts. Aber alles, was Bedeutung hat, scheint unstofflich zu sein. Und selbst vom Stoff können wir's noch gar nicht sagen. Wir fühlen die Schürfung am Schienbein und sollen glauben, daß alles hohl ist, leerer als ein Sonnenstrahl. Aber was ist ein Strahl? Wir wissen es nicht. Wir haben nur Namen, Worte, Zahlen, Modellvorstellungen möglicherweise. Glaubt niemals, daß es auf Euch nicht ankommt! Im Gegenteil. Genau darauf kommt es an, daß Ihr die großen Fragen des Daseins versteht. Wir Älteren sind nicht weit gekommen, und den Meisten reicht es dicke. Denen könnt Ihr mit sowas gar nicht kommen. Nur Sinneseindrücke im Kopf und Sorgen.

Aber sie führen das große Wort. Von Naturwissenschaft ist die Rede, oho! Wenn wir von der Natur nur ein wenig Ahnung hätten, würden wir wohl kaum mit Explosionsmotoren Auto fahren. Nirgends in der Natur gibt es Explosionsmotoren. Die Natur arbeitet mit Implosionstechniken - davon verstehen wir aber nichts. Grausam-grausame Welt! Falls Ihr zu besseren Ergebnissen kommt, gebt sie an Eure Kinder weiter! Baut mit am Wissensschatz der Menschheit. Und falls es stimmt, daß man diesen Bogen beschreibt, könnt Ihr später beobachten, wie weit sie es gebracht haben. Kann natürlich sein, daß es länger dauert, bis man wiederkommt. Schon gut, schon gut! Ich will es ja nicht beweisen. Aber laßt mir meinen Glauben. Und erzählt vor allem nicht, daß die Wissenschaft das Gegenteil bewiesen hat. DIE Wissenschaft, gütiger Himmel, wenn ich das höre! Kann man es anfassen? Riechen? Lutschen? Niemand kann heute mehr für DIE Wissenschaft sprechen. Man kann vielleicht für ein idiotisch kleines Fachgebiet sprechen, wenn man ein ehrlicher Kerl ist.

Sie wissen außerordentlich viel, das muß man schon sagen. Ich sehe mit Anerkennung und Bewunderung die gewaltige Wissensflut, die sie bewältigen. Alle Achtung! Ist es aber von Bedeutung? Ich meine, kommt es auf die Menge an? Genau soll es sein, keine Frage! Wir wollen die ganze Wirklichkeit. Die Gelehrten können aber nur einen Teil der Wirklichkeit genau überblicken. Je mehr Wissen, desto kleiner. Ihr wißt doch, was ein Bruch ist? Na also! Es gibt kein Ganzes mehr? Genau! Und das Wissen steht unter dem Bruchstrich. Je größer die Zahl, desto kleiner der Wert. Das habt Ihr doch gelernt? Auf diese Weise verliert man den Sinn für die eigentlichen Probleme. Man gibt Antworten, und weiß nicht auf welche Fragen. Ein Bruch, das ist gar kein richtiger Bahnsteig. Zwar gibt es Züge, aber sie entfernen sich von der Wirklichkeit. Ihr wißt vielleicht, daß solche Reisen dennoch weit verbreitet sind. Nicht nur in Schottland, wie man hört.

Ich gebe aber zu, daß Glaubensvorstellungen auf dem Gebiet, wo man den Bogen beschreibt, falls vorhanden, von sicherem Wissen verdrängt werden müssen. Leider ist vermutlich niemand weiter davon entfernt, als diejenigen, die sich auf das Atommodell verlassen. Die meinen wirklich, sie hätten's schon! Ich schätze mal, daß wir zu immer großartigeren Erkenntnissen kommen werden mit der wissenschaftlichen Grundeinstellung, Irrtümer systematisch auszuschließen. Und sonst halt nicht.

 

Kapitel 6
In den Zeitungen werden Irrtümer systematisch fortgeschrieben, und das macht mich eben wütend. Man hat schon Viren gelegentlich gefunden, aber nicht bei Krankheiten. In manchen Bakterien sind welche vorhanden, und da nennt man sie Phagen. Bakterieophagen nennt man die Teile, die aber nicht die Aufgabe haben, Bakterien krank zu machen. Im Gegenteil! Sie werden im Normalbetrieb gebraucht.

Im Inneren eines Bakteriums gibt es überall Bereiche mit speziellen Aufgaben. Auch bei uns im Körperinneren soll es solche Spezialbereiche geben. Ich habe zwar noch keinen gesehen- na gut, die Zunge, wenn Ihr wollt. Ich will es ja gar nicht bestreiten. Ich weiß schon, wie sie alle heißen. Der menschliche Organismus ist aber eine außerordentlich komplizierte Angelegenheit! Und wir sind wirklich Stümper auf diesem Gebiet. Selbst ein kleines Bakterium, sofern es lebt, entzieht sich weitestgehend unserem Verständnis. Trotz allem, was man weiß!

Die Phagen haben ihre besonderen Aufgaben im Lebenshaushalt bestimmter Bakterien. Es sieht so aus, als ob es zu diesen Aufgaben gehört, das Bakterium bei Gefahr zu verlassen. Das ist total spannend. Andere Gebiete mit Spezialaufgaben, die man im Innern der Bakterien findet, können das nicht. Wenn das Bekterium eingeht, gehen auch diese anderen Spezialgebiete. Die Phagen gelangen hinaus, und man vermutet, daß sie als Informationsüberbringer dienen. In ihren Genen ist etwas enthalten, was den anderen Bakterien hilft. Das müßte von Euch später genauer untersucht werden. Wir wissen so wenig, Kinder!

Jedenfalls haben diese Teilchen, die das Bakterium verlassen, kein eigenes Leben. Stellt Euch vor, das Herz verläßt den Brustkorb, um alleine weiter zu machen. Nur mal als Beispiel. Das wäre eine sehr mutige Entscheidung, wenn ich mich so ausdrücken darf. Geht natürlich nicht! Anders ist es bei diesen Teilchen. Zwar haben sie kein eigenes Leben, sie können aber möglicherweise eine Botschaft überbringen. Sie fallen ja nicht runter. Wenn das Bakterium in einem Schleim wohnte, betreten sie diesen Schleim. Und da können sie ihre Botschaft, also sich selber, eine zeitlang erhalten. Man kann sie, wenn man geschleudert hat, an Bande eins-eins-sechs abholen und in eine Nährlösung setzen oder in ein Ei. Auch da halten sie an ihrer Botschaft, zumindest an sich selbst, für eine gewisse Zeit fest. Und wenn sie in ein anderes Bakterium hineingelangen, ist alles wieder gut. Vielleicht.

Das krasse Gegenteil hat man sich früher vorgestellt. Man dachte, daß die Phagen in ihrem Schleim zu eigenem Leben erwachen. Daß sie sich rasend schnell vermehren und mit dem Ruf Tod den Bakterien zunächst über ihre Stammväter herfallen. Und dann womöglich über die Christenheit. Diese Vorstellungen herrschen in den Zeitungen vor.

An dieser Stelle kombinieren wir messerscharf. Wenn Viren Krankheiten auslösen sollen, müßten wir sie erstens isolieren. Zweitens den Bauplan bestimmen. Drittens nachweisen, daß sie zu eigenem Leben erwacht sind und sich identisch vermehren, wenn Ihr das habt. Um schließlich viertens zu zeigen, daß sie eine ganz bestimmte Krankheit bewirken, wenn sie in einen anderen Organismus gelangen. Das alles müßte aus den Berichten einwandfrei hervorgehen. Dann wäre ich überzeugt. Es gibt aber keinen Bericht. Und ich bin vom Gegenteil überzeugt.

Es gehört zu den großartigsten Erkenntnissen der modernen Biologie, Kinder, daß Viren an der Entstehung von Krankheiten nicht beteiligt sind. Hundert Jahre hat man an dieses Modell geglaubt. Und dann, als man Viren exakt bestimmen konnte, brach es zusammen. Vermutlich wird es hundert Jahre dauern, bis auch die Zeitungen den Irrtum einräumen.

Bei Bakterien also kann man Viren zum Teil nachweisen, sie haben dort aber sinnvolle Aufgaben. Ganz harmlose Kerle sind das! Bei Krankheiten findet man immer nichts, obwohl das Nachweisverfahren absolut zuverlässig und einfach durchzuführen ist. Schon beim ersten der vier Schritte scheiterten alle Versuche, Viren als Krankheitserreger zu überführen. Leider halten Viele an dem alten Märchen fest, und zwar nicht nur bei den Zeitungen. Wie ist das möglich?

 

Kapitel 7
Dazu brauchen wir ein neues Kapitel. Es heißt der Verdacht. Stellt Euch vor, als Detektive hättet Ihr ein Verbrechen aufzuklären.

Man hat eine Leiche gefunden, den toten Körper einer prominenten Fernsehdarstellerin, und in allen Zeitungen wird davon berichtet. Man vermutet, daß sie an einer bösartigen Vireninfektion starb. Genau gesagt an der mutierten Version eines Virenstammes, für den es noch keinen Impfstoff gibt. Wie zur Bestätigung ereignen sich innerhalb weniger Tage weitere Todesfälle. In den Zeitungen kommen Behördenvertreter zu Wort, die den Ausbruch einer neuartigen Seuche vorhersagen. Es werde alles unternommen, sagen sie, die Bevölkerung zu schützen. Man arbeite fieberhaft an einem entsprechenden Impfverfahren. Da die Übertragung über den Speichel erfolge, sei es ab sofort verboten, zu küssen, so die Zeitungen. Und alle, die in den vergangenen Wochen geküßt hätten, sollten sich bei den Ämtern melden.

Das war ein Andrang, Kinder! Nee, im Ernst: riecht oberfaul, oder? Da sträuben sich die Haare. An dieser Meldung ist einfach alles falsch. Die mutierte Version eines Virenstammes also! Schätze, Ihr wißt, was man landläufig unter Zufallsmutation versteht. Nee? Ich will es kurz machen. Man könnte stundenlang über dieses Thema plaudern. Der Zufall, das ist der allmächtige Gott der Fachidioten. Gütiger Himmel, ich rege mich schon wieder auf. Wir müssen anders anfangen.

Aber das ist wieder total spannend. Manche Fliegen können sich wirklich unheimlich schnell vermehren. Viel schneller noch als Kaninchen. Das geht wie am Fließband, und man kann alles gut beobachten. Unter all den Fließbandfliegen gibt es immer mal wieder Einzelexemplare, die den Qualitätskriterien nicht genügen. Sie haben ein Beinchen zuviel oder ein Flügelchen zu wenig oder irgenwas ist zu groß oder zu klein. Am Volkswagenfließband käme sofort die Qualitätskontrolle ins Spiel. Einen Käfer mit drei Rädern würden sie vermutlich aussortieren. Bei der Fliege nennt man es Mutation, und die Wissenschaftler stürzen sich selbst wie Fliegen auf solche Erscheinungen. Da machen sie wertvolle Erfahrungen. Eine Fliege, deren einer Flügel zu lang ist, kann vermutlich nicht mehr fliegen. Oder sie fliegt immer im Kreis herum, genau. Ich vermute, daß sie nur noch Kreisbewegungen beschreibt. Nehmen wir aber an, sie bleibt auf irgeneinem Moder sitzen, weil ihr schwindelig wurde von den Kreisen. Sie kann sich dort aber normal fortpflanzen. Sie legt hunderttausend Eier, und am nächsten Tag schlüpfen lauter kleine Fliegen aus. Meistens haben sie zwei normal lange Flügel, teilweise nur einen, der zweite ist dann länger. Am zweiten Tag paaren sich alle neugeschlüpften Fliegen durcheinander. Sie legen jeweils hunderttausend Eier, und die Wissenschaftler messen alle und hoffen, daß irgendwann Fliegen mit zwei langen Flügeln auftauchen. Wenn das der Fall sein sollte, können sie vermutlich überhaupt nicht fliegen, weil sich alles verknotet. Kann aber auch sein, daß sie viel schneller fliegen. Ja weiß man's denn? Sie fliegen schneller, verlassen den Modersumpf und finden einen Weinberg mit herrlicher Trockenbeerenauslese. Das finden sie so lecker, daß sie zweihunderttausend Eier legen, und alle Kinder haben lange Flügel -

Hört mir denn überhaupt jemand zu? Ich muß doch bitten! Das ist nicht zum lachen, es ist bitterer Ernst. Auf diese Weise ist nämlich im Lauf der Zeiten, wenn man's denn glauben darf, die ganze Christenheit entstanden. Ist das nicht erstaunlich? Alles durch Zufall! Ich glaube selbst kein Wort davon, höchstens wenn ich todmüde bin, und alles schon egal ist. Dann mache ich mich auch über Trockenbeerenauslese her und schlafe ein in der Hoffnung, daß wenigstens meine Vernunft wieder erwacht. Ich träume, wie mir lange Flügel wachsen und ein Stachel, mit dem ich giftige Säfte injizieren kann. Was folgt. ist ein gnadenloses Ausleseverfahren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Unter Zeitungsbesitzern mache ich fette Beute.

Eine Sache sollte man wissen, Kinder. Bevor Mutationen wirksam werden, muß Fortpflanzung vorhanden sein. Und nun erinnert Euch, was wir von den Viren gesagt haben. Die bisher bekannten Viren haben kein eigenes Leben, daher können sie sich nicht vermehren. Schon mal von einem mutierten Staubkorn gehört? In den alten Märchen sind sie zwar zum Leben erwacht, durch Zufall vermutlich. In der rauhen Wirklichkeit unserer Tage läßt sich aber nichts dergleichen beobachten. Davon hätte man gehört, Kinder. Wenn tatsächlich lebende Virenstämme nachgewiesen worden wären, es wäre DIE Sensation. Dafür hätte es alle Nobelpreise gleichzeitig gegeben. Endlich wäre ja die Entstehung von Leben in flagranti beobachtet worden. Hat man aber nicht. Man kann nur beobachten, wie es sich entwickelt, falls vorhanden. Habt Ihr das? Es ist der entscheidende Unterschied. Eigentlich entwickelt es nicht sich, sondern die sichtbaren Formen. Es arbeitet mit den toten Formen, die in dem Moment belebt erscheinen. Danach zerfallen sie wieder und werfen andere Rätsel auf. Die Rätsel nämlich der toten Materie.

Nun seht Ihr auch, wie Zeitungen arbeiten. Sie stellen die ungeheuerlichsten Modersümpfe dar, als wären es die selbstverständlichsten Wohnorte von der Welt. Hat man Bandenfotos? Nein! Hat man den Bauplan? Natürlich nicht! Man hat keinen Virus, keine Viruskrankheit, nichts, aber man kennt den Übertragungsweg. Es gibt keinen Befund, nicht einen erwiesenen Fall, aber man plappert von Seuchengefahr. Und allein wegen des Geplappers kommt es zum Impfzwang, wie? So sind hier die Leute. Gibt es keinen Impfstoff gegen das Geplapper? Man möchte sich geradezu, leicht abgeändert, die folgenden berühmten Verse aus dem Halse schreien. Ihr wißt hoffentlich, wer Odysseus ist, der Held!?

Oh, käme ein Odysseus heim
Die Lügner zu erschlagen
Brutal der ganzen Christenheit
Zu nehmen solche Plagen

Nee, Kinder, diese Sache riecht oberfaul! Wie ich Euch kenne, habt Ihr keine Sekunde gezögert, den Auftrag anzunehmen. Stimmt's? Ihr werdet mit Eurem Spezialwissen im Fall der verstorbenen Voksschauspielerin ermitteln! Aber laßt mich zunächst an einen anderen Fall von Spontanmutationen erinnern, besonders tragisch dadurch, daß Menschenkinder betroffen sind. Es sind viele tausende Menschenkinder betroffen, einige habt Ihr sicher kennengelernt. Sie wurden mit schweren und schwersten Verwachsungen geboren, hatten verstümmelte Gliedmaßen und zahlreiche Behinderungen. Manchmal ist an den Schulter gleich die Hand herausgewachsen, manchmal ein verkürzter Arm mit drei schiefen Fingerchen, ganz wahllos und zufällig verteilt. Die Ursache war aber nicht der Zufall. Ein Medikament namens Contergan war die Ursache. Man hat es den armen Müttern während der Schwangerschaft verschrieben. Die Richter am Frankfurter Landgericht glauben noch heute, daß es der Zufall war. Jedenfalls haben sie die Täter nicht bestraft. Die konnten nach kurzer Zeit wieder neue Arzneien testen.

Auch im Regenwald von Vietnam kam es zu sogenannten Zufallsmutationen bei Menschenkindern. Dort haben sich zweihundertfünfzigtausend Betroffene zusammengeschlossen, um die Regierung der Vereinigten Staaten zu verklagen. Der Richter glaubt vermutlich auch an einen Zufall. Er hat die Klage als unzulässig ist abgewiesen. In Vietnam, einige werden es wissen, haben amerikanische Soldaten von Fliegern aus abertausend Tonnen einer unglaublich giftigen Chemikalie über den Dschungelwald gesprüht. Soldaten, die selbst mit dem Gift auch in Berührung kamen, konnten nur verkrüppelte und behinderte Nachkommen zeugen.

Dieses Gift wurde benutzt, um das Laub der Bäume zu beseitigen. Unter dem dichten Laub waren bewohnte Dörfern verborgen. Und die wollten sie bombardieren. Man hat sie vorher nicht gesehen. Die Soldaten und ihre Familien können einem leid tun. Auch ihnen hat die Regierung nicht geholfen. Das grausame Verhängnis aber, das über das Volk von Vietnam hereinbrach, ist kein Zufall. Es war ein geplantes Verbrechen. Ich habe Fotos gesehen von Kindern, die dort, wo normalerweise ein Bein herauswächst, eine Hand haben. Aber viele sind so gräßlich verstümmelt - nein, das darf ich nicht ausführen. Da in diesen riesigen Waldgebieten der Boden und das Trinkwasser vollkommen verseucht sind von dem Gift, ist ein Ende dieses Schreckens gar nicht abzusehen. Es geht immer weiter!

Das Entlaubungsmittel heißt Agent Orange. Es hat den Eigentümern der Chemiefabriken, die es herstellten, zu großem Umsatz verholfen. Das sind ehrenwerte Männer, falls Ihr dieses doppeldeutige Wort versteht. Manche bevorzugen den Ausdruck Pharmafia, obwohl der Agent Orange meines Wissens nie als Medikament zugelassen war. Weiß man's denn? Vielleicht ist Contergan etwas Ähnliches? Kann man damit Wälder entlauben? Denen geschieht jedenfalls nichts, das habt Ihr gesehen. Ich hoffe, daß Ihr nie in diesem Milieu ermitteln müßt! Ihr seht jedoch, daß von Euch sehr viel abhängt für die Zukunft der Christenheit.

Der erste Schritt im Fall der toten Staatsschauspielerin ist ein Anruf bei Johann, Leiter des gerichtsmedizinischen Institutes, mit dem Euch eine alte Freundschaft und die gute Zusammenarbeit in früheren Fällen verbindet.

"Nein, nicht am Telefon," antwortet er knapp. "Kommt nach Feierabend vorbei."
"Die Fahrt mit der Tram dauert anderthalb Stunden," erklärt Lucie, die gute Seele Eures Vorzimmers. "Ihr habt keine Zeit zu verlieren." Es ist also schon später Nachmittag.
Johann empfängt Euch in der dritten Etage, was ein gutes Vorzeichen ist insofern, als die Anatomie, der Ort wo Leichen seziert werden, sich im Untergeschoß des Institus befindet. Von außen sieht man nur die Ventilatoren der großen Kühlanlagen. So deutet alles auf ein Gespräch über abgeklärte Sachverhalte, wenn Ihr folgen könnt.

Der Aufzug bringt Euch hoch, die Tür steht bereits offen, und durch das leere Vorzimmer des Professors hört man eine Stimme: "Kommt nur herein, ich habe Euch schon auf der Allee gesehen." Im offenen weißen Kittel, beide Hände in den Hosentaschen, steht Johann mit dem Rücken zu Euch im Bogenfenster und beobachtet nachdenklich den Verkehr auf der Straße vor dem Institut.

"Kinder, Kinder! Einen solchen Fall habe ich während meiner ganzen Laufbahn nicht erlebt," so beginnt er seinen Bericht. "Wir hatten die Leiche hier, ich meine die erste, durften aber nichts machen. Ich kann euch gar nicht sagen, wer alles intervenierte, um mir die Zuständigkeit zu entziehen. Am Ende der Geschichte stand die Staatsanwaltschaft hier im Keller, um die Schüssel zu verplomben. Karlsruhe hatte das Verfahren an sich gezogen und ließ die Leiche am nächsten Tag abtransportieren. Bevor sie mein Haus verlassen hatte, meldeten die Zeitungen bereits, daß es sich um Virenbefall handele. Das wurde über die Presse mitgeteilt, als die Leiche verplombt in meinem Kühlhaus lag. Erst danach wurde sie in einer Art Panikreaktion abgeholt. Und uns war es, wie gesagt, nicht erlaubt, Untersuchungen anzustellen. Das ist die Ausgangssituation."

Johann macht ein kurze Pause, wendet sich ab vom Fenster und reicht Euch beiläufig die Hand zum Gruß. Dann fährt er fort mit seinem Bericht. "Ich muß euch bitten, alles, was ich mitteile, absolut vertraulich zu behandeln. Ich kann offiziell im Moment keine Stellung beziehen, da die Angelegenheit ziemlich weit oben hängt, ihr versteht. Auch unter dem Mantel der Verschwiegenheit kann ich nicht alles sagen, was ich weiß. Die anderen Leichen wurden sofort kassiert, nicht eine ging durch unser Institut. Nun will ich euch etwas zeigen."

Bitte wo hängt diese Angelegenheit, Kinder? Sind das Formeln, die ich nicht verstehen soll? Oder wollte er andeuten, daß einflußreiche Persönlichkeiten in den Fall verwickelt sind? Schon öffnet er die Tür zum Nebenraum und geht voran. Während Johann's Arbeitszimmer Holzfußboden hat, ist im Nebenraum gefliest.Die ganze lange Wand gegenüber der Fensterseite ist zugebaut mit Kühlgeräten. Für Leichenwannen scheinen sie nicht tief genug zu sein. Trotzdem ist da ein etwas mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, Johann werde jetzt eine Tür öffnen, um die Wanne mit der verstorbenen Schauspielerin herauszuziehen. Neun Tage müßte das her sein. Hat er eventuell eine andere Leiche nach Karlsruhe geliefert? Bei Johann muß man auf alles gefaßt sein.

"Außenstehende können sich kaum vorstellen, wie in einem gerichtsmedizinischen Institut gearbeitet wird." Johann spricht ohne besondere Betonung und wirkt nicht wie ein Mann, der durch den Entzug der Zuständigkeit persönlich betroffen ist. Man hat den Eindruck, daß er an Kompetenz sogar dazugewann. Er hat Verantwortung übernommen und die Initiative ergriffen.

"Mit den Details unserer Methoden möchte ich euch nicht aufhalten. Wir öffnen aus den unterschiedlichsten Veranlassungen heraus Jahr für Jahr etwa zweitausend Körper. Es entwickelt sich da zwangsläufig eine gewisse Routine, die andererseits natürlich erschreckend ist. Ich leite dieses Institut seit über 30 Jahren, und in all der Zeit hatten meine Mitarbeiter immer die Freiheit, das zu tun, was ich wollte. Auf diese Art komme ich prächtig mit allen aus. Als diese Leute kamen, um die Leichenwanne mit der Schauspielerin zu versiegeln, hatten meine Mitarbeiter bereits diverse Abstriche sowie Blut- und Gewebeproben entnommen und eingefroren."

Jetzt öffnet er eine Tür des riesigen Kühlaggregates und fährt fort. "Im Moment liegen hier bei minus neunzig Grad noch drei von ursprünglich fünf kompletten Sätzen und warten auf Analyse. Schaut genau hin."

Mit diesen Worten wendet er sich ab und schlendert, Hände in die Kitteltaschen gesteckt, zur Fensterfront, um das Treiben auf der Straße zu beobachten. In dem Kühlregal, das er für Euch geöffnet hat, liegen säuberlich beschriftet eindeutig vier gleich aussehende Pakete mit Abstrichen und Proben. Ihr versteht sofort. Styroporbehälte sind griffbereit- einen Probensatz will er Euch überlassen. "Trockeneis befindet sich in der untersten Schublade," erklärt der Professor vom Fenster her, ohne sich umzuwenden. Nachdem das Paket fertig ist, kommt er zurück, und reicht Euch wieder die Hand.

"Ihr könnt das Telefon im Vorzimmer benutzen. Ich darf mich verabschieden, habe unten noch zu tun. Grüßt mir Stefan ganz herzlich."

Stefan L. ist eine Berühmtheit auf dem Gebiet der Virologie, einer der wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet, zugleich ein guter Freund und Unterstützer Eurer Detektei. Er ist der Einzige, dem es gelang, Viren zu isolieren, die nicht zu irgendwelchen Bakterien gehören. Schon als Student machte er die sensationelle Entdeckung, daß in einer Meeresalgenart tatsächlich Viren vorhanden sind und vermutlich, genau wie die Phagen, der Nachrichtenübermittlung dienen. Diese großartige Leistung hat er in einem mustergültigen Bericht festgehalten, wie in einer streng wissenschaftlichen Disziplin üblich, und Forscher auf der ganzen Welt können von diesen Ergebnissen profitieren. Es dürfte klar sein, daß ein solcher Mann über die alten Geschichten von Virenkrankheiten nur lachen kann. Er ist daher bereit, jeden, aber auch wirklich jeden Verdacht auf Virenbefall, so lautet noch immer der Ausdruck, nach den strengsten Regeln seiner Zunft zu untersuchen. Diese Regeln habt Ihr ja bereits kennengelernt, ansonsten müßtet Ihr seinen Bericht lesen, der eigentlich in jedes Lehrbuch gehört.

Das Institut von Stefan liegt in Stuttgart, also ist es ratsam, dort anzurufen, um einen Termin zu vereinbaren. Da Ihr die Durchwahl habt, meldet er sich selbst. Er freut sich, daß Ihr anruft, bittet Euch aber, schnell zur Sache zu kommen. Er hat immer wahnsinnig viel zu tun.

"Wir haben ein paar recht interessante Exponate auf Trockeneis," sagt Ihr, "und sollen von Johann sehr herzlich grüßen."

"Ich verstehe," antwortet er. Schätze, die beiden haben bereits telefoniert! "Wartet nicht lange ab, Kinder. Ihr solltet sofort kommen. Ich habe sowieso bis nach Mitternacht hier zu tun und erwarte euch im Labor. Den Nachtpförtner informiere ich, daß ihr dringend erwartete Proben bringt und persönlich vorgelassen werden müßt."

Oje! Das bedeutet Nachtarbeit, Kinder. Vielleicht müßt Ihr sogar einen Flieger besteigen? Stuttgart! Am Besten gleich Lucie anrufen. Sie wartet sowieso auf Auskunft, ob sie in den Feierabend darf.

"Nee, da nehmt ihr den ICE um 22 Uhr 17 Gleis sechs. Der hält zwar in Mannheim kurz an, ab da fährt er aber auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke mit dreihundert Sachen non stop. Fahrt mit der Tram direkt zum Hauptbahnhof. Wir treffen uns am Gleis, und ich bringe belegte Brote mit. Der Fall scheint verdammt wichtig zu sein."

Wenigstens kein Flieger! Die Tram zum Hauptbahnhof braucht fast so lange wie der ICE von Frankfurt nach Stuttgart. Lucie wartet schon. Sie hat die Fahrkarten besorgt und eine dicke Tasche unterm Arm. "In Stuttgart nehmt ihr ein Taxi und laßt euch nach Hohenheim fahren, das dauert nochmal fast eine halbe Stunde. Jeder Kutscher im Großraum Stuttgart kennt Stefan und sein Institut. Ach ja, hier ist Bargeld, ihr habt ja immer nichts dabei. Nach der Unterredung bei Stefan fahrt ihr mit dem Taxi nach Filderstadt zum Hotel Krautwickel. Kann man sich gut merken, weil das ganze Sauerkraut aus Fildern kommt. Früher hatten die Mädels solche Waden vom Krautstampfen. Dort habe ich ein Zimmer gebucht und per Kreditkarte bereits bezahlt. Die Rezeption weiß Bescheid, daß es spät werden kann bzw. auch früh. Man wird euch auf alle Fälle einlassen. Frühstücksbuffet bis elf Uhr. Dann dürfte Stefan die Ergebnisse auch bereits haben. Ruft ihn vom Hotel aus an, anschließend mich, damit wir die weitere Vorgehensweise planen können. Ich fürchte, es führt eine Spur nach Schottland. Die S-Bahn zum Hauptbahnhof hat in der Nähe des Hotels eine Haltestelle, und der ICE Manheim-Frankfurt fährt einmal pro Stunde aus. Alles klar? Und nun los! Laßt's euch gut schmecken."

"Das kommt in die Personalpapiere!" Dies ist eine stehende Redewendung, die in Frankfurter Kanzleien üblich ist, um Dankbarkeit auszudrücken. Leicht abgewandelt kann man auch Tadel damit zum Ausdruck bringen. Man sagt: Das muß ich leider in die Personalabteilung geben. Die Brote sind jedoch ausgezeichnet! Sie hat an alles gedacht! Für den Stuttgarter Raum übrigens und als Abwechslung in Frankfurt bietet sich der folgende Spruch an: Wir machen dir einen Krautwickel, Lucie. Das wird sich schon einspielen. Lucie ist eine sehr korrekte Mitarbeiterin. Und den Feierabend hat sie sich verdient. Wie sie wohl auf Schottland kommt? Schätze, da kommen Spesen auf Euch zu. Schottland! Warum nicht gleich Hogwards? Als Mißbilligung für den Stuttgarter Raum empfehle ich die Formulierung, eine Woche Krautstampfen auf der Filder. Ob es wirklich abschreckt, ist aber die Frage. Möglicherweise erscheint die Wirkung auf Waden, Oberschenkel und Hüften sogar erstrebenswert. Nun aber Stuttgart.

Warum man die Bevölkerung Stäffelesrutscher nennt und die Nachbarn in Cannstadt Mondbutzer, das laßt Euch vom Taxifahrer erzählen! Stuttgart gilt als eine der glücklichsten Städte der Welt. Fragt mich nicht, warum. Ich wäre schon froh, den Dialekt zu verstehen. Vielleicht macht es glücklich, wenn man eine eigene Sprache hat? Wer sie nicht beherrscht und zugezogen ist, heißt ein Reingschmeckter. Wie bitte kommt so ein wunderbarer Ausdruck zustande? Nur vollendetes Glück konnte ihn prägen. Sie haben lauter solche Begriffe! Ein Geizkragen heißt dort Entenklemmer, als ob er dauernd hinter seiner Ente her wäre, um sie abzutasten. Falls da ein Ei heranwächst, sperrt er sie ein, damit sie's nicht irgendwo unbemerkt ausbrüten kann. Wenn eine Sache in Frankfurt oberfaul ist, hat sie in Suttgart nur ein Gschmäckle, zieht aber meistens Höchststrafe nach sich. Statt trotzdem sagen sie oinenwäg, wer kommt auf sowas, und zum Löwenzahn Bettsoicher. Das ist total spannend, erfordert aber ein Vollzeitstudium, wenn man tiefer eindringen will. In den Fällen, wo sie unsere Begriffe verwenden, werden sie doch anders ausgesprochen, und zwar so breit, daß es in die Anatomie des Mundraums übergeht. Es prägt sich der Mund- und Zungenmuskulatur so stark ein, daß bei Obduktionen signifikante Abweichungen festzustellen sind. Selbst wenn man einen Stuttgarter nur vorlesen läßt, sodaß ihm Wortwahl und Satzbau fest vorgeschrieben sind, erkennt man ihn noch als Bewohner jener glücklichen Stadt. Apfelwein heißt dort übrigens Moschd, und gilt als Gsöff, stellt Euch das vor. Kläbberle, abgeleitet von klappern, bedeutet dagegen Spielzeug. Moschd und Kläbberle sind gleichermaßen abträglich, eddaguad, für erwachsene Christenmenschen. Sie trinken ihren Wein, obachaguad, und spielen mit Worten. Herrgottsbscheißerle, Teigtaschen mit Hackfleisch, dürfen sie auch am Freitag essen, weil man den Inhalt nicht sieht. Statt Handkäs mit Musik essen sie Seelen aus Dinkelteig, und die Kümmelsamen, mit denen die gewürzt sind, sagen ihnen alles über die Sünden der Bäckerin. Da kann man stundenlang zuhören - vorausgesetzt, man versteht die Sprache!

Mit Stefan versteht Ihr Euch ja gut. Er zeigt Euch nebenbei sein EM und die Zentrifuge, macht sich aber auch gleich an die Arbeit. "Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Proben zu bekommen, immer vergeblich! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie dankbar ich bin, daß Ihr den Fall übernommen habt. Die ganze Christenheit wird an der Nase herumgeführt. Es gibt niemanden, der den Virenbeweis in all diesen Fällen auch nur angetreten hätte. In Karlsruhe, das erfuhr ich heute von dem alten Entenklemmer, der dort zuständig ist - wir haben zusammen studiert - wird nichts untersucht. Man entnimmt grade mal Proben! Dann verschwindet alles in der Versenkung beziehungsweise im Krematorium, bevor wir etwas machen können. Angeblich wird ein sogenanntes Referenzlabor in Schottland eingeschaltet. Ich sage angeblich, weil es keine Untersuchungsberichte gibt! Dort stellt sich eine Pappnase vor die Presse und phantasiert von Mutationen. Ich habe den Leuten geschrieben, habe Berichte angefordert, Bandenfotos und Baupläne, natürlich vergeblich. Zunächst nahm ich ja an, daß sie die Proben bekommen und untersuchen. Wißt Ihr, was die geantwortet haben? Haltet Euch fest. Ich habe dreimal hingeschrieben, ehe überhaupt etwas zurückkam. Sie verstehen meine Fragen nicht! Übrigens, schaut mal hier: So sieht ein echtes Foto aus von Bande eins-eins-sechs mit Phagen. Das könnt Ihr mitnehmen. Gehört in jeden Haushalt. Die verstehen meine Fragen nicht und wagen es, vor der Presse von Mutationen zu plappern. Die Sache hat ein Gschmäckle, wenn Ihr mich fragt. Das Bundesamt in Berlin hat sich komplett abgemeldet. Entweder sie sitzen mit im Boot oder stellen sich dumm. Von dort kommt nur vorgekauter Text. Sie schützen die Bevölkerung mit vorgekauten Sprüchen! Im Ländle gibt es einen alten Spruch, Kinder, der immernoch gut zu Amtsverbrechern paßt. Der Dichter Wilhelm Hauff hat ihn aufgeschrieben: Da sprach der Herr von Röder: / Halt, oder stirb entweder. Röder war vor zweihundertsiebzig Jahren Oberst des Herzogs, und der Minister, den er stellte, wurde verurteilt - und gehängt."

Er schiebt Euch rasch einen Zettel mit der Adresse des schottischen Labors rüber und muß wohl heftig aufpassen, daß mit seinen Geräten, Tiegeln und Röhrchen alles klargeht. "Laßt Euch vom Pförtner ein Taxi rufen, dann seid Ihr in einer Viertelstunde im Krautwickel. Und vergeßt nicht: Wir brauchen Euch!"

Woher weiß er wohl, daß Ihr im Krautwickel gebucht habt? Ganz einfach. Lucie hat ihn angerufen und gefragt, wo man Euch mal unterbringen könnte. Er hat es selbst vorgeschlagen. Und es war eine gute Wahl. Es riecht kein bißchen nach Sauerkraut. Einen Zimmerschlüssel gibt es auch nicht, sondern ein Kärtchen. Dieses muß man von innen wieder einstecken, dann geht das Licht und die Flimmerkiste an. Auf jedem Kopfkissen liegt eine kleine Schokolade, und neben jedem Bett steht ein Kühlschrank mit Getränken. Es gibt einen Schreibtisch mit Telefon und Internetanschluß. Das Fenster geht Richtung Flughafen. Man sieht die Flieger reinkommen, hört aber nichts. Im Bad liegen Seifestückchen, Shampoodosen und Tücher bereit. Wenn man frische Tücher will, muß man nur die alten auf den Boden werfen. Wenn man der Umwelt helfen will, muß man sie hängen lassen. Wenn man nicht so müde ware, könnte man auf den Dachgarten und dort in der Sauna schwitzen gehen. Oder im Untergeschoß ins Wellenbad. Bademäntel gibt es an der Rezeption. Wir machen dir einen Krautwickel, Lucie. Gute Nacht! Die Hotelpost mit Hotelbriefpapier wird natürlich erst am nächsten Morgen abgeholt.

Der Frühstücksraum mit herrlichem Blick über die Felder befindet sich in der ersten Etage, und das Buffet ist zwanzig Meter lang. Der erste Eindruck gefällt, der übliche Geruch von Rauch, Alkohol und Bratfett mit Zwiebelaroma als Überrest der Gelage des Vorabends ist nicht vorhanden. Das ist schon die halbe Miete, Kinder. Nun könnt Ihr einen Platz aussuchen. Man muß das Kärtchen auf den Tisch legen, dann kommen Mädels mit schönen Waden und stellen Thermoskannen voll Kaffee ab. Man kann auch Tee oder Schokolade trinken, und Milch, Vitamine, Säfte sowie Limo in jeder beliebigen Reihenfolge. Das holt man sich am besten gleich selber. Es gibt Seelen, Knauzen, Brezeln, Scheiben, Knäcke und Streuselkuchen. Man kann auch Müsli nehmen, muß aber zwischen vier Sorten selbst wählen. Oder eine Reihenfolge festlegen. Dazu nimmt man angemachten Quark mit frischen Früchten oder Naturjoghurt, vielleicht auch Vollmilch. Nee warte, hinten gibt es noch drei andere Schalen mit angemachtem Quark, man muß dermaßen aufpassen. Eier gibt es minutenweise, wie es einem gefällt, außerdem Käse, Schinken und Aufstrich, falls man nicht Marmelade vorzieht. Die wartet in großen Gläsern an einem eigenen Tisch: Gelbe, rote, blaue - alles. Ohne Plan ist eine solche Herausforderung kaum zu bewältigen. Man darf den ganzen Vormittag bleiben und holen, so oft man will. Wenn man sich nicht rührt, kommen Mädels und fragen, ob man noch einen Wunsch hat.

Ich bin viel rumgekommen in meinem Leben, und empfehle daher, auszumustern, was nicht in Frage kommt. Müsli mit schwarzen Zibeben beispielsweise und all so Zeug. So verschafft man sich den besseren Überblick. Dann hilft es auch, wenn man am Anfang nicht zu viel auflädt. Lieber öfters kleine Mengen holen. Langsam kauen, gut einspeicheln, nicht zu früh festlegen. Es gibt Häuser, die haben fünf Sorten Brötchen zur Auswahl, und alle schmecken wie Pappe. Im Schwarzwald gibt es nur eine Sorte, aber so gut, daß es nicht zu fassen ist. Ich meine Richtung Südschwarzwald, genauer gesagt oberhalb von Bühl in Baden. Wenn da eine Leiche gefunden wird, ich meine - entschuldigt. Ihr könnt ja privat mal hin. Der Krautwickel gehört zur selben Hotelkette. Hat nur einen Nachteil. Wer je solche Brötchen gegessen hat, spuckt alles, was danach kommt, förmlich aus. Dem kann man nicht mehr helfen. Warum sollte er sich gemeinen Salzteig antun oder Sägemehl? Zeitungen gibt es auch. Die darf man nicht nur lesen, sondern mitnehmen. Sie liegen stapelweise rum. Der ganze Blätterwald liegt da. Ist aber verständlich. Wer würde es sonst wohl beachten?! Na ja, für Sporttabellen, Lottozahlen und Sprechblasen sind sie gut, mag sein. Sie können sich nur leider nicht beschränken!

Genau wie gewisse Leute am Buffet. Ich hatte mal einen Kollegen, den konnte man nicht auf Geschäftsreise lassen. Das war so ein Geizkragen, Kinder, daß er nicht aufhörte, bis das letzte Plastikbecherchen mit Margarine ausgelöffelt war. Wir mußten ihn raustragen und fanden die Taschen noch voll mit solchen Sachen. Das hab ich an die Personalabteilung gegeben. Mir wurde dermaßen übel! Als es einmal Freibier gab, kam er am Montag mit zerschlagenem Gesicht zur Arbeit, weil er die Treppen wohl sehr unkonventionell genommen hatte. Dabei schmeckt Bier widerlich! Er hatte tagelang überhaupt nichts getrunken, damit es sich lohnte. Vielleicht ist das eine Art von Krankeit? Der ganze Mann war klapperdürr. Egal! Ich habe ihn nie wieder mitgenommen. Schätze, Euch muß man nicht hinaustragen - aber was ist das? Die mit den schönen Waden bringt auf einem Tellerchen ein Kuvert. "Bitte um Entschuldigung die Herrschaften," sagt sie mit einer leichten Verbeugung, "dringende Nachricht für die Detektive aus Frankfurt."

Ihr macht den Umschlag auf und lest: "Prof. Dr. Stefan L., Institut für Virologie der Universität Stuttgart-Hohenheim, bittet dringend um Rückruf!" Da ist leider nichts zu machen. Vermutlich liegen die Ergebnisse vor. Der Alltag ruft, Kinder. An die Arbeit!

"In den Proben sind keine Viren enthalten," sagt Stefan. "Mein Bericht geht per Einschreiben an Euer Sekretariat, die Kopie bekommt Johann. Wir brauchen Euch, Kinder! Viel Erfolg in Schottland."

"Hat er denn die ganze Nacht gearbeitet?" fragt Lucie, nachdem sie den Bericht vernommen hat. "Gütiger Himmel, ich habe es befürchtet: Schottland! Habt Ihr Euch die Adresse geben lassen? Sehr aufmerksam, ja, ich notiere. Wir treffen uns am Flughafen, Abflughalle A. Nee geht rüber ins Sheraton, da können wir alles besprechen. Ich komme in die Eingangshalle. Mit dem ICE fahrt ihr rein bis Hauptbahnhof, dann mit der U-Bahn wieder raus. Packt ihr den um 11 Uhr 38? Ich muß es wissen wegen der Flugtickets. Das wird verdammt schwierig. Zur Not müssen wir in Egelsbach eine Cessna chartern. Ruft so früh wie möglich an. Und laßt im Hotel Belege ausstellen für's Finanzamt. Die Telefonate und Getränke aus der Minibar müßt ihr noch bezahlen, alles andere ist erledigt. Auch die Fahrkarten und Taxiquittungen aufbewahren, alles abzugsfähig. Verpflegungsmehraufwand machen wir pauschal geltend, dann rechnen die allerdings das Hotelfrühstück heraus und ziehen den Betrag ab. Ein Aufwand ist das! Für sowas legen sie Tabellen an. Die Haut müßte man ihnen abziehen. Man kommt auf keinen grünen Zweig, aber den Großen blasen sie Puder in die Falte. Die versteuern für umme auf 'ner Insel. Wie die Queen übrigens. Große Piraten, kleine Piraten, sagte meine Mama immer. Zum Glück haben wir den Vorschuß des Auftraggebers. Ich muß auflegen, will schon mal in Schottland vorfühlen. Mein Onkel wohnt dort. Ihr braucht Regenjacken und Gummistiefel, Scheißwetter dort die ganze Zeit. Wir haben keine, ich meine Zeit, zu verlieren, aber vielleicht kriegt ihr am Bahnhof ein paar knusprige Seelen. Das Zeug ist dermaßen lecker. Und nun los!"

Soviel zum Verlauf dieser entscheidenden Lagebesprechung. Alles wurde bedacht, nichts blieb dem Zufall überlassen. Wie soll man auch anders nach Schottland kommen? Stellt Euch vor, der allmächtige Zufall müßte Euch hinbringen. Ohne Lucie! Zum Lachen wäre das.

Seelen für die gute Seele, das läßt sich arrangieren. Die mit den Waden besorgt eine Tüte und steckt fünf Stück hinein. "Kleine Aufmerksamkeit des Hauses," sagt sie mit breitem Grinsen, "ich wünsche den Herrschaften eine gute Reise." Sie hat auch ein schönes Gesicht und eine wunderbare Haut, wie man sie nur vom Sauerkraut bekommt. Man muß es roh genießen, ich meine das Kraut. Wegen der Haut. Der schönen Braut. Ich lobe sie laut - und diese Augen, Kinder! Kein Wunder, daß die Leute glücklich sind.

Frankfurt hat natürlich auch Vorzüge, sie springen nur nicht ins Gesicht. Von Echterdingen aus kann man fast jede Woche nach London fliegen, ab Frankfurt mehrmals die Stunde. Die Leute in Kelsterbach und Flörsheim sind darüber zwar nicht amused, die Flieger aber immer voll. Will man selbst mal in einem mit, ist er seit drei Wochen ausgebucht. Scheinbar jedenfalls. Er kann halb leer fliegen, und trotzdem ist er ausgebucht. Nicht weil die Merkel mitfliegt, nee, das ist was Anderes - aber wartet mal, Kinder. Ich sehe gerade auf meinem Plan, daß wir dieses Thema später behandeln. Es war eine Fehlbuchung, kleines Mißverständnis zwischen mir und meiner Muse. Die Merkel kommt später zu Wort. Wir halten uns damit nicht auf, zumal es fast nichts gibt, womit Frankfurt nicht fertig würde. Am Anfang gibt es nur Probleme, aber nach einiger Zeit werden sie gelöst. Wenn es anders wäre, würden die Frankfurter gar nicht aufstehen. Anstatt ihr Kriegsgerät von hier in den Irak zu fliegen, hätten die Amerikaner besser die irakischen Probleme hergebracht. Oder ihre eigenen. Der Bush-Mann sucht Öl, sagt man in Frankfurt, Dick Cheney baut die Pipeline.

Sie werden an ihren Lügen ersticken, sagt eine Sprechblase im Westend, wo früher die Botschaft war. Habt Ihr die neue gesehn hinterm Friedhof? (Wenn man abbiegt, kommt man zum Dornbuschfunk.) Sie haben den Tod vor Augen, sonst Zäune, Natodraht, Mauern, Wachen, Schleusen, Gitter - Panzerglas und Kameras.

Ihr wißt doch, was eine Verfassung ist? Dem Irak haben sie eine gegeben, unter was für Umständen auch immer. Und das Volk hat darüber abgestimmt. Im Völkerrecht sind diese Dinge geregelt, Kinder. Deutschland ist seit sechzig Jahren besetzt, und das Besatzungsrecht gilt noch immer. Wir haben nur das Grundgesetz, das aber keine Verfassung ist. Steht auch drin, obwohl sie ständig alles ändern. Sie drehen am Rad, und das Volk wird hintergangen. Nach dem Mauerfall haben die Amerikaner, die laut Besatzungsrecht zuständig sind, den Geltungsbereich des Grundgesetzes aufgehoben. Es gibt von Rechts wegen keinen Ort mehr, wo es gilt! Wir tun nur so. Deutschland ist im Grunde vogelfrei und jeder darf hier plündern. Habt Ihr davon gehört? Die Zeitungen reden von Souveränität. Deutschland wieder souverän, schrieben sie, als die Amerikaner das Besatzungsrecht verlängerten. Im Osten wurde vor den Augen der wachsamen Presse und mit viel krimineller Energie ein ganzer Industriestaat kahlgefressen. Die DDR stand von der insustriellen Leistung her an dreizehnter Stelle weltweit. Der Westen stand an dritter Stelle, da dauert der Kahlfraß länger.

Etwa neun Millionen Menschen suchen Arbeit. Eine große Zahl! Die Zeitungen vermitteln. Man zählt nur solche, die den Ämtern namentlich bekannt sind, knapp die Hälfte. Mit statistischen Rechentricks wird diese Zahl ständig weiter verkleinert, und das Problem verschleiert. Man spricht von Erfolgen auf dem Arbeitsmarkt, und neun Millionen Menschen suchen Arbeit. Jetzt sollen wir die europäische Verfassung bekommen, Kinder, und wieder nicht abstimmen. Es ist auch keine Verfassung, sagen kluge Leute, sondern ein Ermächtigungsgesetz. Mag sein. Es würde erklären, warum wir nicht abstimmen sollen. Wart Ihr mal in der Paulskirche?

Geht hin, nehmt unter keinen Umständen Geschichtsunterricht bei den Zeitungen! Mit diesem Stoff kommen sie noch seltsamer rüber als bei Geburtstagen. Und bei Viren. Zeitungsleser mögen kluge Köpfe sein in Frankfurt, aber doch längst nicht klug genug.

Eine Nation gibt sich eine Verfassung, um vor Amtsverbrechern und Fremdbestimmung halbwegs Schutz zu haben. Aber auch vor Kasperltheater. Bei uns werden Verfassungen im Kasperltheater vorgeführt. Wenn das Volk darüber bestimmen will, gibt es mit der Klatsche. Habt Ihr Euch mal vorgestellt, wir hätten in Berlin ein Kasperltheater? Und nach vier Jahren rufen sie: Seid Ihr alle da? Zwar gilt das Völkerrecht überall, aber nicht für uns. Wir gehören zum falschen Stamm. Die gewählten Vertreter warten auf Zufallsmutationen, während unser Land zu Grabe getragen wird. Im Jahr 2009 endet das Besatzungsrecht über Deutschland. Was wird dann geschehen? Ihr lacht vielleicht; ich befürchte, daß die Auflösung Deutschlands beschlossene Sache ist. Die Kasperle bereiten sich darauf vor. Wenn es soweit ist, werden sie von Zufall reden. Lacht nur, lacht ihr nur! Die Zeitungen werden Virenbefall vermuten. Der mutierte Stamm einer Art, für die es keinen Impfstoff gibt. Was wird bleiben? Sprechblasen statt Geschichte. Sprechblasen, hingesudelt von Kasperlfiguren. Denkt an Deutschland in der Nacht.

Wir sind gleich da. Ich kann natürlich nicht jedes Fach mit Euch durchgehen - nehmt dort am Stand bitte die Nachmittags-Umschau mit - und Bildung ist nicht das, was man nachgeworfen kriegt. Gütiger Himmel, es ist ein ständiger Kampf! Ein strebend sich bemühen - habt Ihr das? Die Spezialisten unserer Tage haben für Goethe meistens nicht viel übrig. Bei mir isses genau umgekehrt - aber zeigt mal her! Was steht denn da schon wieder? Gerichtsmedizin bestätigt Virenverdacht - das steht in der Umschau? Während des Studiums habe ich dort gearbeitet, und zwar als Lokalreporter. Bei der Truppe also, die für Kindergeburtstage in Frage kam. (Die Kollegen nur vom Feinsten, Kinder, muß man wirklich sagen. Und immer taddellose Kohle verdient. Am Wochenende mit dem Motorrad von einer Veranstaltung zur nächsten gebrettert...) Laßt mich sehen. Ich wette zwanzig zu eins, daß es Bla-Bla ist. Wollen sie Johann an den Kragen? Ihr wißt, was eine Zeitungsente ist? Vielleicht schlachten wir gleich eine. Will sie noch ein Ei legen, sperren wir sie ein und warten solange. Schaut mal, hier ist schon der Eingang zum Sheraton. Setzt Euch da in die Sessel, Lucie wird ja auch bald hier sein. Mal sehen, was da steht.

Im Fall der tot aufgefundenen Volksschauspielerin, die den makabren Reigen ungewöhnlicher Todesfälle eröffnete, ist der Verdacht, daß hochansteckende Viren die Todesursache waren, von prominenter Seite bestätigt worden. Wie erst heute bekannt wurde, sind auch am hiesigen gerichtsmedizinischen Institut, das in Fachkreisen einen herausragenden Ruf genießt, Gewebeproben entnommen worden. Das hat der Leiter des Instituts, Prof. Johann K, dieser Zeitung gegenüber bestätigt. Bisher war angenommen worden, daß die Erhebungen von Anfang an in Karlsruhe durchgeführt wurden. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft teilte weiter mit, daß die fragliche Untersuchung den Virenverdacht erneut bestätigt habe. Seit diesem Fund vor elf Tagen sind damit bereits acht Fälle von Infektionen mit tödlichem Ausgang bekannt geworden. Bei den Killerviren, die beim Küssen übertragen werden, handelt es sich um die mutierte Version eines für den Menschen ursprünglich nicht gefährlichen Stammes ...

Den Rest kennen wir schon, das hat man uns eingehämmert: Mutation, Ansteckung, Seuche, Impfen - das ganze Programm. Das ist die Botschaft, die niederprasselt im Blätterwald. Gibt es dafür ein Entlaubungsmittel? Einen Agent White oder dergleichen? Wenn Johann wirklich etwas gefunden hätte, würde das sicher nicht auf einer Pressekonferenz in Karlsruhe bekannt. Er würde es bekannt machen durch einen wissenschaftlichen Bericht mit Bandenfotos und Bauplan. Wir sollten ihn anrufen, um in Schottland Klarheit - aber da kommt Lucie.

"Kinder, Kinder! Ich sehe, Ihr habt die Nachricht erhalten. Habe soeben noch mit Johann telefoniert. Das sind solche Anfänger! Die Buben, die bei Johann waren, um die Wanne zu verplomben, hatten überhaupt keinen Plan. Daß die Leiche nicht unversehrt war, ist ihnen komplett entgangen. Es gab nicht mal ein Übergabeprotokoll. Die haben den Kasten zugemacht und fertig. Ob in Karlsruhe überhaupt Untersuchungen angestellt wurden, ist fraglich. Das Ergebnis war ja vorab schon in der Presse, also beabsichtigt. Die Wanne wurde aber von den Gerichtsmedizinern ordentlich geöffnet, und deren Protokoll hält fest, daß der Körper bereits seziert worden war. Es hatte nur überhaupt keine Folge, weil niemand sich zunächst mit diesem Protokoll aufhielt. Der Typ aber, der dort die Gerichtsmedizin leitet und eh die Welt nicht mehr versteht, sorgte dafür, daß es bekannt wurde. Er hat es den Herrschaften unter die Nase gerieben. Daraufhin wurde Karlsruhe bei Johann vorstellig. Der machte deutlich, daß er sich exakt an die Vorgaben der Staatsanwaltschaft gehalten und die bereits vor der Verplombung entnommenen Proben nicht selbst untersucht, sondern auf Eis gelegt habe. Wow! Er bot an, falls nötig, sofort einen Kurier mit Proben nach Karlsruhe zu schicken. Das hielt man dort für eine gute Idee. Johann schickte einen kompletten Satz, und als das vermeintliche Ergebnis vor der Presse bekannt gegeben wurde, schnappte seine Falle zu. Richtig ist allerdings, daß die Zeitung bei ihm anrief. Er hielt sich bedeckt und bestätigte nur, daß die Proben in seinem Institut entnommen worden sind. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft hatte Formulierungen gewählt, die so gedeutet werden konnten, als ob Johann selbst die Untersuchung durchgeführt hätte. Das wiederum dürfte den Redakteur der Umschau verblüfft haben. Denn daß Johann bei denen mit im Boot sitzt, konnte er sich wohl überhaupt nicht vorstellen."

Lucie kramt in ihrer Tasche, bis sie eine kleine Spraydose findet, aus der sie irgendein Gas in ihrem Hals versenkt. Dann fährt sie fort. "Er wird sich hüten, irgendetwas zu unternehmen, bevor wir wissen, wo die Affäre aufgehängt ist. Das herauszufinden, ist gerade eure Aufgabe. Unser Auftraggeber zeigt sich wegen der Auslandspesen erkenntlich. Ich mußte Business Class buchen wegen der knappen Zeit, dafür fliegen wir aber Lufthansa. Ihr dürft sogar ins Cockpit, ich meine mal reinschaun, wenn sie Flughöhe erreicht haben. Sie fliegen wohl bei dreizehntausend Fuss. In Heathrow werdet ihr abgeholt - na? Von meinem Onkel! Meine Mama ist dort zuhause. Leider spricht ihr Bruder kein Wort deutsch. Bei Ostwind kann er ziemlich brummig sein, wie der alte Jarndyce in Bleakhouse. Habt ihr das gelesen? Zur Zeit legt er sich mit möglichst vielen Leuten an wegen Menschenrechtsverletzungen britischer Soldaten im Irak. Er holt Euch direkt bei der Lufthansa ab, und bis dahin könnt Ihr dort bleiben. Die haben Aufenthaltsräume und alles. Es wird an nichts fehlen, wie ich die Truppe kenne. Notiert Euch die Namen - sie tragen alle solche Schildchen - wir sorgen später dafür, daß es in die Personalpapiere kommt."

Gute Glegenheit, Lucie die Seelen aus dem Krautwickel zu geben. "Ach herrlich, das sind die richtigen. Ich habe seit dem Frühstück nichts gegessen. Auf euch warten an Bord leckere Sachen, danach ist Onkel William zuständig. Ich bin so froh! Von hier aus könnte ich das gar nicht organisieren. Und wir kommen ganz ohne die Kollegen aus der Londoner Detektei aus. Was die gekostet hätten! Der Auftraggeber akzeptiert eine Pauschale, die sich an branchenüblichen Tarifen orientiert, ihr versteht. Onkel William akzeptiert weder Branche noch Tarif. Meine Mama wird ihm gelegentlich einen Krautwickel machen. Natürlich rechnet er die Auslagen mit uns ab. Seht zu, daß er die Belege nicht verschlampert, gütiger Himmel, die haben wenigstens noch eine Währung. Euro und Währung, Kinder, das sind unüberbrückbare Gegensätze. Ihr wißt ja, daß ich in der Kreditanstalt gelernt habe. Ich kenne Olaf H., Roland U. und die ganzen Burschen aus der alten Garde!"

Wieder nimmt sie die Dose mit dem Spray. "Die Klimaanlagen machen mir zu schaffen. Macht ihr euch auf eine lange Rumpelfahrt mit dem Zug gefaßt. Und auf Scheißwetter. Hier sind Regenjacken, die Gummistiefel könnt ihr gleich anziehen. Onkel William bringt euch bis ans Werkstor, dort werdet ihr erkannt und angesprochen. Weiß selbst nicht genau, von wem. Möglicherweise eine Agentin. Mein Gegenüber konnte da, wo er sich befand, nicht offen sprechen. Nennen wir sie einfach Hermine. Sie wird euch mit Informanten zusammenbringen; oder ins Werk begleiten; oder helfen, Beweise zu sichern, alles, was notwendig ist. Für Hermine legt mein Gegenüber seine Hand ins Feuer. Onkel William hält mit mir Kontakt und bereitet den Rückzug vor. Hier sind die ganzen Papiere, ich begleite euch rüber zur Abflughalle."

Bleakhouse ist ein Roman, ein Meisterwerk von Charles Dickens. Wenn man den gelesen hat, versteht man erst zwei Sprechblasen, die jemand in Bockenheim am Juridikum an die Wand gesudelt hat. Dort also, wo Juristen ausgebildet werden. In der einen steht: Hundert Advokaten auf dem Meeresgrund: Was hat es zu bedeuten? In der andern: Es ist nichts als ein kleiner Anfang. Den kann man nicht überall erzählen, schon klar, wahrscheinlich gibt es in Frankfurt nur eine Kanzlei, in der dieser Spruch als Wandschmuck hängt, meine eigene nämlich. Jedenfalls verzieht sich John Jarndyce, genannt der Vormund, bei Ostwind in ein spezielles Brummstübchen, um die Christenheit nicht mit seinen Launen zu nerven. Stellt Euch vor, die ewig übellaunigen Lehrer würden das machen. Es gäbe nur noch schulfrei! Wenn ich eine Zeitung aufschlage, herrscht bei mir schon Ostwind Stärke zehn.

Auf dem Flugfeld herrscht aber Westwind, die Flieger landen nach Westen. Die brauchen Gegenwind, während Lucie immer Rückenwind hat. In der Abflughalle steuert sie, an der Schlange vorbei, direkt zu einem bestimmten Schalter. Sie öffnet die Absperrkordel und begrüßt eine junge Frau, die am Bildschirm sitzt, mit Wangenküssen. Die beiden reden ein wenig, es wird telefoniert.

Ganz hinten in der Schlange vor dem Schalter steht ein Liebespaar, das zum Abschied selbstvergessen knutscht. Sie darf mit in den Flieger, er bleibt da. Wie es aussieht, halten sie nicht viel vom Bla-Bla der Zeitungen. Kann man das auf Dauer dulden? Untergräbt es die öffentliche Ordnung? Gefährdet es die Christenheit?

Schätze, bald treiben sie eine andere Sau durch's Dorf! Wenn sie impfen wollen, suchen sie Viren. Wenn sie Krieg wollen, suchen sie einen Anlaß. Manchmal muß man selber liefern. Auf die Absicht kommt es an!

Lucie kommt zurück mit einer Kollegin der Frau am Schalter, wünscht viel Erfolg und verabschiedet sich. Durch Hallen und lange Gänge, vorbei an der Sicherheitsschleuse, wo man über Eure Gummistiefel scherzt - da paßt jeweils eine Kilobombe rein - werdet Ihr zu einem Aufenthaltsraum gebracht, der einen guten Ausblick auf das Vorfeld gewährt.

Im Oktober 2006
© Thomas Bokelmann
(wird fortgesetzt)