|
Der Virentöter
Kriminalphantasie für ganz große Kinder
Kapitel 1
Kinder, Kinder! Wenn ich Zeitung lese, krieg ich meistens eine Wut.
Stellt Euch
vor, es gäbe eine Zeitung, und aus welchem Grund auch immer
will sie über Euren Geburtstag berichten. Tolle Sache, oder?
In der Zeitung! Alle Freunde sind da, haben schöne Geschenke
gebracht, und bis zum Abend geht's hoch her zuhaus. Daß ein
Reporter da ist und Fotos macht, fällt keinem weiter auf.
Am nächsten
Tag schlagen natürlich alle, die dabei waren, die Zeitung auf.
Nun stellt Euch weiter vor, sie finden ein Foto mit der Überschrift,
Beim Kindergeburtstag ging's hoch her. Auf dem Fotos sind
einige Gesichter zu erkennen. Aber dann kommt ein Bericht, der mit
Euch überhaupt nichts zu tun hat. Er hat nichts mit dem zu
tun, was Ihr erlebt habt. Wenn der Reporter aus einem Märchenbuch
abgeschrieben hätte, wär's auch nicht verkehrter gewesen.
Oder hat er sich einen dummen Scherz erlaubt? Jedenfalls hat sein
Bericht nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Obwohl er nur fünf
Minuten da war, schreibt er, daß Ihr bis in den Abend hinein
gestritten habt. Und der Kuchen, den die Oma gebacken hat und von
dem er nicht einen Krümel abbekam, sei versalzen gewesen. Ihr
hättet sooo eine Wut! Stimmt's?
Genauso geht
es mir, wenn ich die Zeitung aufschlage. Und wenn über etwas
berichtet wird, das ich kenne! Jedesmal, wenn ich mich auskenne,
krieg ich die Wut, versteht Ihr? Ich habe den Eindruck, daß
sie alles verdrehen. Daß sie Salzteig nicht von Kuchen unterscheiden
können.
Einen ganz
fürchterlichen Stiefel erzählen sie jedesmal über
Viren. Fast jeden Tag liest man von Viren in den Zeitungen. Viren
machen krank, Viren stecken an, Viren lösen Seuchen aus, liest
man. Viren sind eine Gefahr für die ganze Christenheit, wenn
es nach den Zeitungen geht. Die Frage ist nur, ob es mit der Wirklichkeit
etwas zu tun hat. Ich habe mir vorgenommen, Euch zu zeigen, wie
man das herausfindet. Und wenn Ihr ein wenig detektivisch denken
könnt, ist es gar nicht schwierig. Man merkt dann immer, ob
sie in den Salzteig gebissen oder wirklich Kuchen bekommen haben.
Also, seid Ihr dabei? Es ist ein total spannender Stoff!
Viren, das
sind so ganz winzige Teilchen, die man überhaupt nicht sehen
kann. Man kann sie nicht sehen, es sei denn, man hat ein Elektronenmikroskop.
Denkt bitte nicht, daß ich angeben will mit diesem Ausdruck.
Aber ein normales Mikroskop könnt Ihr voll vergessen. Man muß
fast hunderttausendmal vergrößern, damit man überhaupt
etwas sieht von den Teilchen. Es reicht aber immernoch nicht. Vielleicht
sieht man einen Virus, vielleicht etwas ganz anderes. Das EM, wenn
ich abkürzen darf, ist ein Wunderwerk der Technik mit atemberaubenden
Möglichkeiten, Kinder. Aber zur Virenbestimmung ist es längst
nicht genau genug. Merkt Ihr jetzt schon etwas?
Das Gebiet
der Zeitungen haben wir bereits verlassen! Denn mit der Virenbestimmung
beschäftigt sich ausschließlich die Wissenschaft. Die
Zeitungen könnten nicht mal einen Salzteig untersuchen, gütiger
Himmel! Man wäre schon froh, wenn sie ihn nicht mit Kuchen
verwechselten.
Das ist so,
Kinder, als ob einer behaupten würde, er habe am Himmel einen
neuen Stern entdeckt. Dieser frisch entdeckte Stern blase seinen
Nachbarsternen am Abend die Lichter aus und beiße Stücke
von ihnen ab, um selbst heller zu werden. Was würdet Ihr von
einem Menschen halten, der so einen Bericht abliefert? Ihr würdet
fragen, ob er etwas an der Waffel hat! Stimmt's? Ob er am Stammtisch
die letzten Lichter in seinem Kopf ausgeschossen hat.
Es ist natürlich
wunderschön, nachts den Sternenhimmel zu betrachten. Man kommt
dabei aus dem Staunen und Entdecken gar nicht heraus. Das habt Ihr
ja alle schon erlebt. Aber den Wissenschaftlern, die sich damit
befassen, kann man so leicht von Sternen nichts erzählen. Die
sehen mit ihren Teleskopen tausendmal mehr - und doch haben sie
alles in ihren Sternkarten verzeichnet. Und noch mehr können
sie im Weltall hören! Aber wenn wirklich einer etwas Neues
findet, ja was geschieht denn dann? Man lacht ihn aus, Kinder. Vermutlich
war er sternhagelblau, sagen die Leute - es sei denn, er kann
es beweisen. Er muß einen Bericht abliefern, der so genau
ist, daß die Kollegen alles nachprüfen können. Wenn
es seine Richtigkeit hat, wird der Stern nach seinem Entdecker Hagel
Blau genannt und in den Karten verzeichnet.
Es kommt nicht
darauf an, daß er recht hatte. In der Wissenschaft geht es
darum, den Irrtum auszuschließen. Es ist das Großartigste
an der Wissenschaft überhaupt. Normalerweise geht es darum:
Wer hat recht? Wer hat angefangen? Wer ist schuld? Das sind
die Fragen, die uns bewegen, stimmt's? Auch in den Zeitungen. Da
steht irgendeine Sprechblase neben der Pappnase. Die andere Pappnase
sagt: Nein. Die erste wieder: Doch! Und so geht es
von früh bis spät. Aber nicht in der Wissenschaft. Dies
ist eine Methode, um Irrtümer auszuschließen, und da
kommt richtig Freude auf. Es ist die spannendste Sache von der Welt,
das werdet Ihr bald selbst erleben. Nur Geduld, Herrschaften, nur
noch ein bißchen Geduld!
Soviel habt
Ihr ja begriffen, daß es nämlich nicht ganz einfach ist,
einen Stern zu bestimmen. Aber so schwierig ist es sicher auch nicht.
Man muß halt wissen, wie es geht. Man braucht bestimmte Geräte,
braucht ein wenig Mathe, was übrigens nicht mein Ding ist.
Euch gefällt das vielleicht, aber mich könnt Ihr damit
jagen. Ich muß bei meiner Tochter Vektoren schneiden
und mit Kurven diskuttieren, das reicht mir dicke. Ich gebe also
zu, daß ich noch nie die Lage eines Sterns bestimmt habe!
Es soll mir
aber keiner erzählen, das sei wahnsinnig kompliziert. Das behaupten
doch nur Leute, die nichts erklären können. Leute, die
den kleinsten Bericht nicht auf die Reihe kriegen. Und da regt sich
gleich mein Widerstand. In solchen Augenblicken bin ich bereit,
sogar Mathematik zu studieren. Nur um zu beweisen, daß es
viel einfacher ist, als diese Leute erzählen. Ich beweise es
meiner Tochter jeden Tag.
Wenn jemand
etwas weiß, erkennt man das daran, daß er's auch erklären
kann. Diesen Satz solltet Ihr Euch merken. Der alte Aristoteles
hat ihn formuliert, und der hat bekanntlich versucht, Irrtümer
auszuschließen. Nach über zweitausend Jahren geht es
darum, diese bedeutenden Erkenntnisse in der Schule umzusetzen!
Ist das Konsens? Jeder weiß aus Erfahrung, daß Lehrer,
die am wenigsten erklären können, am allermeisten fordern.
Verdammte Hacke! Dabei sind sie längst durchschaut. Es ist
nicht schlimm, wenn einer nichts erklären kann. Aber warum
bitte muß er dann den Lehrer markieren? Ausgerechnet den Lehrer!
Entschuldigt
bitte, wenn ich vom Thema ein wenig abgewichen bin.Ich
find's jedenfalls wahnsinnig spannend, ins Weltall zu schauen. Ich
kann mir nicht vorstellen, daß diese ganzen Lichter nur aus
einem dummen Zufall heraus da sind. Das könnte sich meiner
bescheidenen Meinung nach durchaus als Irrtum erweisen. Was meint
denn Ihr? Und mit der Virenbestimmung, davon wollte ich ja erzählen,
verhält es sich genauso. Mit dieser Angelegenheit beschäftigen
sich Wissenschaftler, und nicht Lokalreporter. Nur mit wissenschaftlichen
Methoden kommt man weiter, das habt Ihr hoffentlich begriffen. Sternbestimmung
und Virenbestimmung, und vieles mehr natürlich, das sind Aufgaben
der Wissenschaft. Aber dort sind es leichte Übungen.
Und jetzt will
ich erklären, wie die wissenschaftliche Virenbestimmung abläuft,
was man dabei beachten muß. Zu Detektiven der Virenbestimmung
will ich Euch ausbilden. Danach könnt Ihr mit Wissenschaftlern
auf einer Ebene verkehren, und glaubt mir, denen schwindelt niemand
etwas vor! Ein echter Wissenschaftler ist unbestechlich und nur
der Wahrheit verpflichtet. Genau wie Ihr, stimmt's? Ganz anders
als die Salzteigfiguren!
Als Beispiel
wähle ich die Virusgrippe, Kinder. Wir nehmen an, der Großvater
war der erste Betroffene in der Familie. Ob es ursprünglich
beim Schnurri oder beim Kanari oder noch woanders angefangen hat,
ist nicht so wichtig. Jedenfalls steckt er die Oma an. Durch
Tröpfcheninfektion hat er die Oma angesteckt, sagen die
Leute. Dann kamen die Kinder, also Ihr, endlich Eure Eltern, und
als es dem Großvater schon wieder ordentlich ging, fing's
in der Schulklasse an. Wir als Wissenschaftler betrachten jetzt
den Nasenschleim. Da müssen die Teilchen ja drin sein. Den
Nasenschleim mögen sie besonders gern. Und durch Nasenschleim-Infektion
stecken sie jeden an, der in die Nähe kommt. So stellen es
sich die Leute vor.
Was liegt nun
näher, als den Nasenschleim zu nehmen und zu schütteln,
bis die Viren rausfallen? Ihr lacht? Ganz ähnlich wird's gemacht!
Statt zu schütteln wird aber geschleudert. Wie in der Waschmaschine,
wo man Wasser aus den Kleidern schleudert, so werden Viren, falls
vorhanden, aus dem Nasenschleim geschleudert und aufgefangen. Allerdings
wird der Schleim noch vorbereitet. Es geht sonst nämlich nicht.
Und die Schleuder ist auch ein technisches Wunderwerk, dreht unheimlich
schnell ohne Vibrationen - einfach toll. Der Schleim wird aufbereitet
mit Gel, aber daraus dürften keine Irrtümer entstehen.
Das ist wie Pomade, die man sich ins Haar tut. Die Haare stehen
zwar ab, sie verändern sich aber nicht dabei. Es sind die gleichen
Haare nach wie vor. Und die Viren im Nasenschleim, so vorhanden,
werden in der Schleuder nicht in Fetzen gerissen durch die Pomade.
Sie behalten ihre Form. Auch alle anderen Formen, die im Nasenschleim
vorhanden sind, behalten ihr typisches Aussehen.
Meistens ist
es nicht nur einfacher Nasenschleim, der geschleudert wird, sondern
daraus eine Fortentwicklung. Der Nasenschleim wird ein wenig aufbereitet.
Wenn Ihr Euch mit Wissenschaftlern unterhaltet, sprecht vom Präparat
oder von der Kultur oder der Probe. Das klingt gut,
auch wenn es irgend eine Suppe ist, die im Verdacht steht, Viren
zu enthalten. Es gibt auch Wissenschaftler, die Suppe sagen.
Mit denen hat man weniger Stress. Mir ist es lieber, wenn sie ihren
Humor behalten. Denn wenn sie einen Irrtum finden, müssen sie
von vorne anfangen. Da ist keine Hilfe!
Also, irgendwie
kommt der Schleim in die Schleuder. Man macht dicht, schaltet ein
und schaut auf die Uhr. Nach einiger Zeit kriegt man ein Ergebnis,
und das ist wieder total spannend. Stellt Euch vor, Eure Waschmaschine
könnte beim Schleudern alle Wäschestücke sortieren
und trennen. In einer Reihe lägen die Strümpfe, in der
anderen T-Shirts usw, alles säuberlich getrennt. So geht es
tatsächlich in der Zentrifuge mit dem Nasenschleim. Alle Bestandteilchen
des Nasenschleims liegen säuberlich getrennt in ihren Reihen.
Und wenn Viren vorhanden sind, liegen sie in Reihe eins-eins-sechs.
Wenn da nichts liegt, sind keine Viren vorhanden. Das ist sicher!
Wenn Ihr Euch wissenschaftlich ausdrücken wollt, sprecht von
Banden. Bande eins-eins-sechs ohne Ergebnis, sagen die Experten.
Viren liegen immer an der gleichen Bande, andere Teilchen an anderen
Banden. Wenn es nicht so wäre, könnte man dieses Verfahren
überhaupt nicht gebrauchen, um Viren zu isolieren.
Nun hat man
sie endlich isoliert. Man weiß, es sind Viren, und legt sie
unter's Elektronenmikroskop. Und da sieht man sie dann, rundliche
Formen, alle gleich groß, dicht an dicht, falls welche vorhanden
sind. Man macht Fotos für den Bericht. Und genau wie Ihr mit
den Fotos vom Urlaub auf Malle (das bin ich und da ist der Hai,
den wir gefangen haben...) so werden die Fotos der Viren aus dem
Nasenschleim des Großvaters dem staunenden Fachpublikum vorgeführt.
Aha, sagen diese Leute, spannende Sache. Man gibt
ihnen den ganzen Bericht, damit sie Irrtümer ausschließen
können. Nasenschleim vom Großvater während der
großen Grippe-Epidemie im Herbst, das schreibt man auf
die Tüte. Man hat nämlich nicht den ganzen Schleim verbraucht.
Der Rest wird bei minus neunzig Grad Celsius eingefroren, damit
die Fachkollegen den Versuch wiederholen können.
Zunächst
werden sie einen Irrtum vermuten. Sie überlegen sich, daß
der Großvater überhaupt keine Epidemie braucht, weil
er seine Tröpfchen das ganze Jahr über verliert, manchmal
fallen sie in die Suppe. Darum wollen die Kollegen den Versuch wiederholen.
Aber bitte, das steht ihnen zu. Sie werden schon sehen! Wenn immer
das gleiche Ergebnis herauskommt, können sie nichts machen.
Nach Stand der Wissenschaft waren im Nasenschleim des Großvaters
Viren vorhanden, sagen sie. Mehr sagen sie nicht. Mehr weiß
man ja nicht. Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Wie man
die winzigen Teilchen auftrennt, um sie von anderen Sorten zu unterscheiden
und ihren Bauplan zu bestimmen, das kommt später. Wenn keine
vorhanden waren, sagen sie: Der Verdacht auf Viren hat sich nicht
bestätigt.
Die Zeitungen
wissen vielleicht schon mehr - nein, entschuldigt bitte! Ich wollte
nur testen, ob Ihr aufmerksam seid. Egal, was sie schreiben, Kinder,
sie wissen nichts! An
dieser Stelle unterbreche ich die Erzählung. Ich spüre
so ein Unbehagen. Ihr müßt doch nicht sauer sein. Ich
weiß schon selbst, daß Ihr den Großvater lieb
habt. Es war aber nur ein Beispiel! Ich hätte auch die Windel
vom Brüderchen untersuchen können oder die Klekse vom
Kanari, immer wär's dieselbe Prozedur. Wann immer Viren gesucht
werden, muß man zuerst schleudern, denn man braucht die Viren
isoliert. Keine Ausnahme! Dann müssen Fotos her und ein strenger
Bericht. Und der Bericht muß veröffentlicht werden, sodaß
jeder Detektiv, wenn ich mich so ausdrücken darf, ihn prüfen
kann.
Das ist das
erste Gesetz der Virenbestimmung. Alles
andere wäre Humbug. Es wäre der größte Schwindel
von Lönneberga, wenn ich mich so ausdrücken darf. Eine
große, stinkende Luftblase, Kinder, und eine Schande für
die ganze Christenheit. Und nun schlagt Eure Schulbücher auf,
Kapitel Viren. Seht Ihr die Fotos? Sehr schön! Frage: Sind
das Fotos von isolierten Viren? Die kleinen, runden Formen von Bande
eins-eins-sechs, alle gleich groß, dicht an dicht gelagert?
Und mit einem Hinweis versehen, wo man den Bericht findet? Nichts
dergleichen, sagt Ihr? Verdammte Hacke! Was ist hier los?
Der Fall ist
klar, Kinder! Das sind überhaupt keine Viren! Obwohl es so
einfach wäre, hat man nicht geschleudert. Man hat nichts isoliert.
Es sind Märchen aus alten Zeiten. Vor hundert Jahren hat der
Wolf die Großmutter gefressen, nicht wahr? Und Viren haben
Krankheiten ausgelöst. Doch als das EM kam und Hochleistungszentrifugen,
verdammt, da waren überhaupt keine Viren vorhanden! Hundert
Jahre lang hatte man sich die Viren nur eingebildet. Es gab ein
paar wenige Ausnahmen. Es waren schon Viren zum Teil vorhanden,
aber nicht bei Krankheiten. Von diesem Schock haben sich viele Forscher
nie erholt. Sie sehen nur noch Irrtümer. Und über die
Irrtümer türmen sich Trugschlüsse. Aber dieser Turm
aus Trugschlüssen wankt trotz fortgesetzter Schwindeleien.
Das ist die Situation, in der wir uns befinden. Das ganze Gebäude
wackelt sehr bedenklich. Leider haben Viele nicht begriffen, daß
sie es verlassen müssen.
Märchen
sind schön, wer wollte es bestreiten, und sie klingen gut.
Man weiß, was gemeint ist, und glaubt natürlich kein
Wort. Weder lag der Wolf im Bett der Großmutter, noch hat
er Kreide gefressen, oder? Und wenn er noch soviel gefressen hätte,
wäre seine Artikulation nicht besser geworden. Schon klar,
man weiß, wie's gemeint ist und stellt sich vor, der Wolf
wäre ein Zeitungsimperium, das sich an kindlicher Gutgläubigkeit
gütlich tut. Zuerst hat er sich zweihundert Käseblätter
einverleibt. Die Großmutter liegt virenkrank im Bett,
steht immer drin. Und man muß sich impfen, sonst nimmt
es ein böses Ende, erzählt der Wolf, als hätte
er Kreide gefressen. Auf allen zweihundert Titelblättern hinterläßt
er diesen Eindruck.
Die Fotos in
den Schulbüchern zeigen meinetwegen Nasenschleim. Auch das
macht Eindruck. Man hat aber nicht geprüft, ob Viren vorhanden
sind. Das erste Gesetz der Virenbestimmung ist nicht erfüllt!
Man weiß nur, wenn vorhanden, wären sie rund. Nun hat
man irgendetwas Rundes. Das kann alles Mögliche sein, kein
Mensch weiß es. Damit es besser aussieht, wird geschminkt.
Man kontrastiert oder färbt das Präparat. Unter das Foto
kommt der Text: Virus im Nasenschleim. Das
Zeug ist ja schließlich rund. Und so kommen die Bücher
zustande.
Der umgekehrte
Virennachweis, wie? Vor fünfzig Jahren glaubte man vielleicht
an dieses Märchen. Heute weiß man, daß es der Schwindel
ist von Leuten, die den Irrtum nicht zugeben können. Frage:
Handelt es sich dabei vermutlich um Zeitgenossen mit wissenschaftlicher
Grundeinstellung?
Laßt
es keinem Lehrer durchgehen. Lacht ihn aus, wenn er die exakte Virenbestimmung
nicht beherrscht. Wenn er von Viren redet, fragt nach Bandenfotos,
fragt nach dem Bericht. Lacht jeden aus, der darauf keine Antwort
weiß. Es ist viel schlimmer, als Ihr Euch vorstellen könnt,
das mit dem Schwindel. Aber auch mit der Dummheit. Ja sicher! Wie
soll man anders sagen, wenn alte Irrtümer ständig wiederholt
werden? Dazu sind Zeitungen übrigens gut geeignet. Die wiederholen
in Millionenauflagen.
Wenn ich
eine Dummheit erkannt habe, werde ich - vorübergehend - eher
bescheiden. Ich brauche nicht sofort noch mehr davon. Für Lehrmeinungen
aber und Zeitungen, ja sogar für Staatsministerien stellt sich
das anders dar. Davon später mehr! Laßt uns jetzt mit
der kriminologischen Untersuchung fortfahren.
Seit circa
30 Jahren ist es möglich, Viren wissenschaftlich zu bestimmen.
Zuvor hat man hundert Jahre lang so getan, als wisse man alles über
sie. Man wußte, wo sie vorkommen, was sie anrichten, wie sie
sich verhalten. Man wußte einfach alles. Leider nur in der
Phantasie. Bei fast jeder Krankheit hatte man Viren als Überltäter
im Verdacht. Selbst beim Krebs.
Noch in den
siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, habt Ihr das, wurde unglaublich
viel Geld in die Forschung gesteckt, um Viren als die Verursacher
der Krebskrankheiten darzustellen. Der kleine Virus als Krebsmonster.
Es waren aber keine vorhanden, wie man schließlich zugeben
mußte. Es war die größte Forschungspleite aller
Zeiten, wenn man davon absieht, daß später noch größere
kamen. Und man hätte es sich sparen können durch die Anwendung
des ersten Gesetzes der Virenbestimmung.
Zeitgenossen
mit wissenschaftlicher Grundeinstellung hatten von Anfang an den
Verdacht, daß Viren als Übeltäter nicht in Frage
kamen. Wahrscheinlich haben Zeitungen über die Vergabe der
Gelder entschieden. Oder die Pappnasen, die dort neben ihren Sprechblasen
stehen. Während dieser ganzen Zeit war kein Geld da für
Forscher mit wissenschaftlicher Grundeinstellung. Die wollten zu
den wirklichen Ursachen der Krebskrankheiten vorstoßen. Auch
später, als die Blamage offensichtlich war, wollte man sie
nicht lassen - wir werden darauf zurückkommen.
Nun gibt es
dennoch Leute, die gezeigt haben, daß auch sonst bei Kranheiten
keine Viren vorhanden sind. Bei all den Übeln, die man als
Viruskrankheiten bezeichnet - und das ist ne ganze Latte - immer
Fehlanzeige. Sie sind einfach nicht vorhanden. Es findet sich kein
einziger Bericht von einem Vireninachweis bei sogenannten Viruskrankheiten.
Alles Angaben entstammen der Zeit, als man sie noch gar nicht bestimmen
konnte. Sie müßten aber da sein, wenn sie die Übeltäter
wären! Sie teilen sich doch tausendmal jede Sekunde. Dann legen
sie Zellen lahm, mutieren zu gefährlichen Formen, so wird behauptet,
und bedrohen endlich die ganze Christenheit, oder? Wenn man nachsieht,
ist nichts vorhanden. An Bande eins-eins-sechs ist nichts vorhanden.
Und das ist doch sicher: Falls Viren als Übeltäter in
Frage kämen, würden sie sich an dieser Bande versammeln.
Haben nun diese
Herrschaften den Irrtum endlich eingeräumt? Haben sie den hundertjährigen
Trugschlußturm entsorgt? Ganz im Gegenteil. Es ist grausam
aber wahr: Ständig werden neue Viren erfunden. Mal hat man
eine Krankheit und verdächtigt als Übeltäter neue
Viren. Mal hat man etwas Rundes und sucht eine zugehörige Krankheit.
Die Zeitungen sind voll von solchen Geschichten, und kein Tag ist
zu schade dafür. Verdammte Hacke: Was ist hier los? Wo sind
die Übeltäter, die in so unverschämter Weise gegen
die Wissenschaft arbeiten und gleichzeitig behaupten dürfen,
im Namen der Wissenschaft zu sprechen? Wenn es eine Schleuder gäbe
für ihre Aussagen, so wäre an der Bande der Wahrheit nichts
vorhanden! Man hat allerdings den Eindruck, daß sie auch ohne
Schleuder Banden bilden, diese Herrschaften. Daß die Tatsachen
absichtlich verschleirt werden. Viele Leute glauben bekanntlich
alles, was in den Zeitungen steht. Im schlimmsten Fall glauben sie,
daß es sich bei den Bandenmitgliedern um Zeitgenossen mit
wissenschaftlicher Grundeinstellung handelt. Tatsächlich haben
sie nur das Mäntelchen der Wissenschaft übergezogen. Damit
gelingt es, den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken.
In den Zeitungen
kann man's vom größten Unfug nicht unterscheiden, obwohl,
wissenschaftlich korrekt, das geflügelte Wort gilt: Die
lügen wie gedruckt da oben. Man weiß aber gar nicht,
wo oben und unten ist. Seht her! Vor soviel Schwachstrom möchte
ich Euch bewahren. Was meint Ihr, sollen wir nach all diesen Vorübungen
das zweiten Gesetz der Virenbstimmung behandeln? Es ist ein total
spannender Stoff, der wirklich glänzende Aussichten für
die Zukunft eröffnet. Euch sowohl als der Christenheit.
Kapitel
2
Bereits jetzt wißt Ihr mehr als die allermeisten Zeitgenossen.
Die lesen Zeitung und glauben an Märchen. Ihr aber könntet
Schulbuchverlage beraten und in der Lehrerfortbildung arbeiten.
Doch es geht weiter. Laßt uns das zweite Kapitel der kriminalsoziologischen
Untersuchung aufschlagen. Wie soll ich anfangen? Ihr habt sicher
auch schon mal einen Plan gemacht? Seit vier Uhr früh sitze
ich am Schreibtisch und mache Pläne. Irgendwie gehn sie aber
alle nicht.
Inzwischen
ist es hell geworden, die Nachbarn sind aufgestanden, und ich habe
nichts als Notizen. Warum gibt es Krankheiten? Warum müssen
wir sterben, bevor wir wissen, was hier los ist? Gibt es ein Leben
nach dem Tod? Gibt es ein Leben vor der Geburt? Sind wir schon öfter
auf der Erde spazieren gegangen? Es muß eine Antwort auf diese
Fragen geben.
Kein Wissenschaftler
gibt sich mit solchen Fragen ab, sagen die Leute. Warum eigentlich
nicht? Man kann natürlich alles Mögliche glauben, aber
nur, wenn man es nicht weiß, oder? Falls man die Antwort hätte,
gäbe es nur noch eine Version. Sollte man jedenfalls meinen.
In der Wirklichkeit gibt es nur eine richtige Antwort, richtig?
Mag sein, daß es schwierig ist, was weiß denn ich. Aber
warum sollte man sie nicht irgendwann finden? Mag auch sein, daß
es manche dann nicht gleich begreifen. Aber was ist mit denen, die
es begreifen und trotzdem weiter machen? Nennt man das Aberglauben?
Viren sind zwar keine vorhanden, aaaaaber irgendwie stecken sie
jeden an! Es muß doch einen Grund haben, daß wir angesteckt
werden, sagen sie.
Es ist keine
Wirklichkeit nach dem Tod, sagt Ihr? Dann wäre das die Antwort?
Wie habt Ihr das herausgefunden? Ah, verstehe: Weil man es nicht
anfassen kann. Darum also. Die Wirklichkeit ist das, was man anfassen
oder irgendwie mit den Sinnensorganen wahrnehmen kann, wenn ich
Euch richtig verstehe. Den Apfel kann ich anfassen, und wenn ich
reinbeiße, schmeckt er süß oder sauer. Und wenn
ich loslasse, fällt er runter, das ist die Wirklichkeit. Und
man kann die Beschleunigung ausrechnen. Oder wenn ein Stern am Himmel
steht, kann man ausrechnen, wie lange sein Licht unterwegs ist,
auch wenn man ihn nicht anfassen kann. Ist das die Antwort auf meine
Fragen?
Wie verhält
es sich eigentlich mit der Mathematik? Mich dürft Ihr nicht
fragen! Ist es eine Wirklichkeit? Schon irgendwie, oder? Man nervt
sich täglich ab damit, wer wollte es bestreiten. Kann man sie
anfassen? Schon gut, ich frage ja nur. Kann man sie riechen? Mir
stinkt sie mächtig! Lassen wir sie meinetwegen gelten, als
Ausnahme. Man kann schlecht bestreiten, daß sie da ist, aber
ihre Wirklichkeit ist merkwürdig. Sie hat kein Gewicht, höchstens
im Notendurchschnitt. Einen Geruch hat sie nur bei mir, das zählt
aber nicht. Man muß sie verstehen, bevor man ihre Wirklichkeit
überhaupt bemerkt, stimmt's? Ihre Wirklichkeit ist abhängig
vom Denkvermögen. Sagen wir: eine Ausnahme. Dann kann man sie
eben nicht anfassen. Das Besondere an der Mathematik, wenn ich recht
verstehe: Sie ist eine Ausnahme von der Wirklichkeit, wie wir sie
verstehen. Ok?
Den Apfel kann
man aber anfassen. Und wenn er runterfällt? Dann kommt die
Wirklichkeit der Erdanziehung ins Spiel. Ok? Kann man sie anfassen?
Bitte, bitte, ich frage nur. Vielleicht wird er gar nicht von der
Erde gezogen, sondern vom Weltraum geschoben. Weiß man's denn?
Ich meine, kann man beobachten, ob geschoben oder gezogen wird?
Nicht wirklich, wie? Woher weiß man es dann? Es kommt von
der Gravitation, sagt Ihr? Hatten wir schon, und daß man sie
weder anfassen noch beobachten kann. Wieder eine Ausnahme? Naturgesetz
sagt Ihr? Das ist gut, gefällt mir ausgezeichnet. Und wenn
geschoben wird, wäre das keins?
Für das,
was an diesem Gesetz exakt ist, macht es überhaupt keinen Unterschied,
ob gezogen oder geschoben wird. Die Berechnung der Beschleunigung
ist davon völlig unabhängig. Wir lassen den Apfel los
und beobachten, was dann geschieht. Wir messen die Strecke, zählen
die Sekunden, und daraus ergibt sich die Formel. Oder wir sehen,
daß er einen Bogen beschreibt, wenn man ihn fortwirft, im
Verhältnis zur Erde. Wenn man alles genau beobachtet, ergeben
sich Gesetzmäßigkeiten. Wo? Ja entschuldigt bitte! Kann
man sie anfassen? Sehen, riechen, wiegen?
Kann man die
Zeit anfassen? Immerhin teilt man sie in Sekunden. Jetzt aber die
Beschleunigung. Man mißt sie nach Sekunden im Quadrat. Schon
angefaßt heute, eine Sekunde hoch zwei? Man weiß, die
Beschleunigung liegt bei neun Komma acht Meter pro Sekunde im Quadrat.
Seid Ihr jetzt zufrieden?
Wir haben eine
Erklärung gesucht für Sachen, die man beobachten kann,
und finden eine Formel. Erklärt sie, ob gezogen oder geschoben
wird? Nein! Und wenn es sicher wäre, daß gezogen wird:
Sind wir dann zufrieden? Nein, wir fragen weiter. Was ist das für
eine Kraft? Magnetisch ist sie nicht, elektrisch ist sie nicht -
oder am Ende doch? Wir sind überhaupt nicht zufrieden, wenn
wir wissen, daß die Erde zieht. Als Erklärung reicht
uns das noch lange nicht aus. So sind wir eben. Wir sind solche
Typen, die nicht zufrieden sind, bevor sie Erkenntnis gewonnen haben.
Das war jetzt fast eine Definition. Daraus könnt Ihr mein Menschenbild
ableiten. Ich weiß allerdings so gut wie Ihr, daß die
meisten nur in Ruhe gelassen werden wollen. Daß man sie ganz
schwer zum Denken bringt. Ist es schwierig, mir zu folgen?
Fassen wir
zusammen. Die Naturgesetze mit ihren Formeln wären ohne Mathematik
gar nicht da. Sie wären schon da. In der Natur brauchen sie
keine Mathematik, um zu wirken. Aber diese Wirkungen wären
für uns noch viel weniger greifbar. Vermutlich. Anfassen kann
man sie nie und nimmer, aber man kann sie in einer Formel darstellen.
Kann man Geschwindigkeiten sehen? Ja! Das nur nebenbei.
Die Mathematik
war eine Ausnahme von der Wirklichkeit, wie wir sie verstehen. Sie
beruht auf lauter Geistestatsachen, die jeder selbst verstehen muß,
bevor sie für ihn vorhanden sind. Und die Naturgesetze?
Wieder lauter Ausnahmen? Oder handelt es sich um Wirklichkeit? Irgendwie
schon. Sie sind ja exakt. Man kann sie aber nicht anfassen. Handelt
es sich bei dem, was man als Gesetzmäßigkeiten der Natur
bezeichnet, um Ausnahmen von der Wirklichkeit? Es sind offenbar
lauter Geistestatsachen, diese Gesetze. Das dürft Ihr keinem
Wissenschaftler erzählen. Aber wo ist der Haken? Was würden
diese Wissenschaftler antworten? Sind es Gesetze, welche die Vorgänge
in der Natur beschreiben, und zwar exakt, oder sind es Geistestatsachen,
die man normalerweise als schwammig bezeichnet?
Können
wir festhalten an der Aussage, daß man die Wirklichkeit anfassen
kann? Das habt Ihr ja gesagt. Ist der Tod eine Wirklichkeit? Oder
schon wieder eine Ausnahme? Gibt es nur lauter verdammte Ausnahmen
von Eurer Definition? Oder wollt Ihr behaupten, daß der Tod
keine Wirklichkeit ist? Oder daß Ihr ihn angefaßt habt?
Gewogen? In Sekunden geteilt? Mit einer Formel berechnet? Nach Sekunden
hoch drei oder wie? Ich fürchte, man kommt nicht weit mit dieser
Definition.
Schätze,
wir müssen da einen Irrtum einräumen. Kann man ihn anfassen?
Ganz merkwürdig! Selbst der größte Irrtum tut dem,
was man anfassen kann, keinen Abbruch. Damit hat er gar nichts zu
tun, und sei er noch so groß. Stellt Euch vor, der Irrtum
läge in der Natur. Sie wäre selbst falsch - wie abwegig!
Nein, Kinder: Wir bringen ihn hinein. Genauso bringen wir die Erkenntnis
hervor, wenn wir den Irrtum ausräumen. Wir bringen zu dem,
was vorhanden ist, Erkenntnis hinzu. Aus dieser Übereinkunft
entsteht etwas Neues, was vorher nicht da war. Erst dann haben wir
die Wirklichkeit. Wenn wir richtig über eine Sache denken,
ist sie als Wirklichkeit vorhanden. Auch ohne uns wäre sie
da, klar. Aber nicht als die Wirklichkeit, in der wir leben. Unser
Denken ändert zwar nichts an der Sache. Es stellt sie aber
in den Zusammenhang, den wir als Wirklichkeit bezeichnen. Eine Welt
ohne Zusammenhänge wäre für uns nicht bewohnbar.
Die Zusammenhänge wären ohne uns aber nicht da. Solange
wir unvollkommen oder falsch denken, ist die Wirklichkeit nicht
fertig. Es würde etwas fehlen.
Ist das nicht
merkwürdig? Wir glauben alle, daß wir mit greifbaren
Tatsachen beschäftigt sind. Wenn man genauer schaut, sind sie
uns egal. Auch die Sinneseindrücke sind egal. Entscheidend
sind die Gedankenvorstellungen, die wir damit verbinden. Wir erkennen
Zusammenhänge und verstehen Gesetze. Erst dann sind wir zufrieden.
Wenn wir Erkenntnisse gewinnen, kommt Freude auf. Seid Ihr anderer
Meinung?
Die Frage ist
doch, warum die guten Gummibärchen aus dem Bioladen wieder
alle sind. Entweder ein Loch ist in der Tüte oder der Großvater
geht um die Ecke. Sonst kann er angeblich nichts beißen, aber
Gummibärchen findet er immer. Solche Dinge gilt es zu erforschen,
im Kleinen wie im Großen! Wenn man Gestzmäßigkeiten
erkannt hat, eröffnen sich Möglichkeiten. Die kann man
aber nicht anfassen. Als Entwurf oder Plan führen sie zunächst
ein Gedankendasein. Was man nicht anfassen kann, gibt es aber nicht,
hatten wir gesagt. Schon merkwürdig, oder? Zusammenhänge
gäbe es dann nicht. Oder Naturgesetze. Heute schon eins angefaßt?
Damit es nicht zu schwierig wird, fangen wir ein neues Kapitel an.
Wenn Ihr Euch erholt habt, geht es weiter mit - na? Piraterie!
Vielleicht
ist es gar nicht schwierig? Vielleicht weiß ich zu wenig,
um es richtig zu erklären? Ok. ok, ich gebe alles zu. Ich bin
überhaupt kein Philosoph. Obwohl ich die Weisheit vielleicht
lieben könnte. Im Grunde meines Herzens bin ich - na? Pirat!
Kapitel
3
Wir werfen möglichst viele Irrtümer über Bord, dann
kommen wir in Fahrt. Naturgesetze, die majestätischen Fangschiffe
der Wissenschaft, aufgetakelt mit exakter Mathematik, sie fahren
auf dem Meer der Erkenntnis.
Als Wissens-Piraten
ziehen wir los, als Freibeuter der Weltzusammenhänge. Kein
Schiff der christlichen Seefahrt ist vor uns sicher, kein Zusammenhang
bleibt verborgen. Was man wahrnehmen kann mit den Sinnen oder mit
Instrumenten, es ist noch nicht die ganze Wirklichkeit. Für
Freibeuter ist es kaum die halbe Beute. Nebensächlich ist es
gar, denn auf Zusammenhänge kommt es an. Bei uns laufen die
Fäden zusammen.
Seht dort die
leere Tüte, seht die Kaubewegungen des alten Herrn. Was kombinieren
wir daraus? Wir halten die Kaubewegung für die Ursache der
leeren Tüte, verdammt! Wir arbeiten mit der freibeuterischen
Kombinationsgabe. Etwas, das nichts kostet, bringen wir ein, und
machen aus wertlosem Plunder Beute von Wert. Eine bloße Kleinigkeit
bringen wir mit - und nehmen alles. Was vorher ohne Bedeutung war,
eine leere Tüte, die Schmatzgeräusche einer Kinnlade,
es wird zum Goldschatz des Wissens hinzugefügt durch das schwarze
Piratenlicht der Erkenntnis. Wow!
Enterhaken
bereit, Männer, brüllt der Piratenkapitän. Nehmt
das ganze verdammte Schiff und alles, was damit zusammenhängt.
Zum Teufel mit der christlichen Seefahrt! Das, was wir zur Welt
hinzufügen, darauf kommt es an. Der ganze Rest ist Plunder.
Der Teufel soll ihn holen. Wir bringen unsere freibeuterischen Vermögen
ein, erst dadurch erhalten die Dinge ihren Wert. Was wäre die
Welt ohne solche Piraten? Der kleinste Teil der Wirklichkeit! Wie
ein Schiff ohne Mast wäre sie, wie ein Faß ohne Rum.
Eine verdammte rabenschwarze Windsbraut wäre die Welt, zu nichts
weiter nutze, ohne den Segen der erkennenden Freibeuterei. Wir sprechen
das Unding heilig. Mit uns beginnt die Zeit. Setzt die Segel, Männer,
macht die Taue los! Fangt den Wind. Steuerbord voraus die neue Zeit.
Holt die Beute ein.
Im Laufe der
Jahrhunderte gelangten die Piraten zu unvorstellbarem Erkenntnisreichtum,
aber sie kamen an eine Grenze. Die ganze Zeit betrieben sie das
Handwerk des Todes, und alles, was sie untersuchten, war tot. Bei
den toten Stoffen blieben sie stehen. Die primitivste Erscheinungsform
der Wirklichkeit, das sind die toten Stoffe der Natur. Die Piraten
sprechen von Materie. Auf diese einfache Wirklichkeit wenden sie
die Mathematik an, und kommen zu ihren Ergebnissen. Ich sage nicht
Erklärungen, ich sage Ergebnisse, mögen sie noch so nützlich
sein. Auf höhere Erscheinungsformen der Wirklichkeit, das mußten
sie schließlich erkennen, müssen stärkere Erkenntniskräfte
angewendet werden. Sie waren auf Piratenschiffen aber nicht vorhanden.
Wenn wir
einen Stein nehmen oder totes Holz, greifen die Naturgesetze. Denn
außer Materie kommt gar nichts weiter in Betracht. Aber schon
bei einer Pflanze, sagten sich die Piraten, ist die Materie
nur noch ein kleiner Teil der Wirklichkeit. Bei einer Pflanze ist
die Materie genau dann die volle Wirklichkeit, wenn sie abgestorben
ist. Sie knickt ein, fällt zu Boden und wird zu Staub. Wenn
wir die Pflanze materiell verstehen, können wir genausogut
Staub untersuchen. Das müssen wir ehrlicherweise sagen. Und
wir haben nie etwas Anderes getan.
Wenn ich den
Piratenkapitän recht verstehe, gibt es bereits bei der Pflanze
noch andere Kräfte als Naturgesetze, wie sie für tote
Stoffe gelten. Die Gesetze der toten Stoffe werden in der Pflanze,
sofern sie gedeiht, überwunden. Es ist wie ein Fortschritt
von der Fläche in den Raum. Habt Ihr das, Kinder? Oder von
der Ebene in die Fläche. Oder vom Punkt in die Ebene, ich weiß
es auch nicht genau. Es sollte nur ein Vergleich sein. Ihr wißt
selbst, daß das nicht mein Fach ist.
Kapitel
4
Die verunsicherten Piraten begannen sich zu fragen, was das eigentlich
ist, Materie? Was macht die toten Stoffe aus? Was wissen wir davon?
Gerade
die Materie konnten sie am wenigsten verstehen durch Naturgesetze.
Man kann sie wiegen, messen und berechnen, aber wie weiter? Wie
ist sie aufgebaut? Ganz berühmte Piraten vermuteteten, daß
sich im Innern der Materie Hohlräume befinden. Je genauer man
untersucht, sagten diese Piraten, desto gewaltiger die Hohlräume,
die man findet. Letztlich findet man nur immer Hohlräume, sagten
sie.
Ich will mich
zu diesen Gedankenn selbst nicht äußern, Kinder, aber
warum behauptet man bitte, es handele sich dabei um eine Erklärung?
Wenn Ihr fragt: Warum ist das und das schwer? Und man antwortet
Euch: Weil es total leicht ist - würdet Ihr das eine Erklärung
nennen? Und wenn die Frage lautet: Warum ist die Schulbank fest
und hart, sodaß ich andauernd mein Schienbein dagegen schlage?
Und die zugehörige Antwort lautet: Weil sie hohl ist durch
und durch und aus lauter Hohlräumen besteht genau wie das verdammte
Schienbein - darum tut es weh beim Anschlagen? Ist das eine zufriedenstellende
Erklärung? Je hohler also desto härter?
Aus Atomen,
so nennt man die Hohlblöcke, hunderttausenmal kleiner als Viren,
ist die Materie aufgebaut. Seid Ihr jetzt zufrieden? Es ist nur
ein anderes Wort! Man findet immer nur Hohlräume. Zuerst findet
man viel, viel kleinere Teilchen, die kreisen um etwas anderes Kleines
herum in einem wahnsinnig großen Abstand. Dazwischen ist alles
hohl und leer. Das, was kreist, ist keine Materie, sondern elektrische
Ladung, fast ohne Substanz und restlos hohl. Was für Substanz
es ist, weiß man nicht. Innen vermutlich hohl. Und was umkreist
wird, ist es nun Materie? Kleine Kügelchen soll man sich vorstellen,
viel winziger als das Atom. Drum herum die Ladungen auf ihren Bahnen,
dazwischen alles hohl, und so bauen sie die Materie auf. Wenn recht
viele Kügelchen zusammen sind, und das ist jetzt lustig, kommt
es zu Zerfallserscheinungen. Dabei entsteht Strahlung, wieder nichts
Festes. Wäre
auch schlimm, wenn es fest sein wollte, denn das kann man ja am
allerwenigsten erklären. Wenn irgendetwas Festes käme
in dieser Reihe, es wäre ein Rückschlag. Man wäre
wieder am Ausgangspunkt. In den Kügelchen vermutet man nun
zusammengeballte Kraft irgendwie.
Trotzdem kennt man ihre Masse. Was ist dann Masse? Schon mal Kraft
gewogen? Na gut, meinetwegen kann man sie berechnen, bekommt also
ein paar Zahlen. Damit kann man rechnen, wenn man eine Formel nimmt.
Es kommt auf den Zustand an, hören wir. Die
Zustände haben vermutlich keine Substanz, sondern nur Hohlräume.
Damit bilden sie den Teilchenpark, aus dem alles besteht. Seid Ihr
jetzt zufrieden?
Vielleicht
ist es in Wirklichkeit ein Zahlenpark. In den Hohlräumen liegen
Zahlen und Formeln, das würde passen! Sie haben keine Substanz,
aber man kann mit ihnen rechnen. Sie rechnen sich einfach selbst
aus und stellen sich als Materie dar. Dann rechnen sie ihre Zustandsänderungen
aus und stellen sich als Strahlung oder als Wechselwrkung dar. Wir
müssens dann nur nachrechnen, fertig.
Ich finde dieses
Spiel total spannend und recht lustig. Ich spiele auch mit soweit,
aber man kann mir nicht erzählen, daß es sich um Erklärungen
handelt. Was eine Erklärung ist, weiß ich zufällig
genau. Und wie sie in diesem Fall aussehen müßte, weiß
ich auch. Wenn man eine Erklärung kriegt, ist man zufrieden.
Und daß sie keine haben, wissen die am besten, die diese Geschichten
erzählen. Ansonsten könnten sie mir leid tun. Ein Zeitgenosse
mit wissenschaftlicher Grundeinstellung wird kaum behaupten, daß
er schon erklären kann, was Materie ist. Meinetwegen wird er
sagen: Wir wissen wahnsinnig viel, aber längst nicht genug.
Dann hätte ich Respekt.
Die einfachsten
Fragen werden ausgesucht, Fragen zur einfachsten Erscheinungsform
der Wirklichkeit. Nur was man anfassen kann, kommt in Frage. Und
nun hat man keine Antworten, wenn man ehrlich ist. Doch wovon wird
gesprochen? Von letzten Dingen. Auf die großen Fragen des
Daseins geben sie Antwort. Tatsachen, die vor der Untersuchung ausgeschlossen
wurden, ausgerechnet davon weiß man alles. Woher wollen sie
wissen, ob es ein Leben vor der Geburt gibt? Könnt Ihr mir
das sagen? Sie befassen sich mit Verhälnissen, die man an toten
Dingen beobachten kann. Aber schon der Materie kommen sie nicht
auf den Grund.
Und worüber wissen sie simsalabim Bescheid? Über alles,
was an toten Dingen niemals zu beobachten ist. Und man muß
unbedingt glauben, was sie dazu sagen.
Keine Kirche
war dogmatischer, habt Ihr das, als dieses vorlaute Scheinwissen,
das sich zur Weltanschauung aufbläst. Die Materie läßt
man gelten, stochert aber immer nur im Hohlen. Was nicht materiell
ist, gilt als dubios, wo es um bedeutende Fragen geht. Es wird verherrlicht
da, wo es in den Kram paßt. Wo es Mathematik heißt oder
Raum oder Naturgesetz oder Atommodell. Das ist unsere Ausgangssituation!
Mit diesen Verhältnissen hat man es zu tun. Versteht Ihr jetzt,
daß es nicht einfach ist? Ich würde auch lieber Märchen
erzählen.
Genauso wie
eine Zeitung niemals über wissenschaftliche Fragen entscheiden
kann, sollte ein Fachgelehrter, der sich auf tote Stoffe versteift,
nicht über Sinnfragen entscheiden. Sonst macht er sich erst
recht zum Fachidioten. Ist doch wahr, Kinder. Entschuldigt, wenn
ich laut geworden bin. Jeder Mensch mag glauben, was er will, auch
der dogmatische Pirat. Da es aber nur eine Möglichkeit gibt,
wird man eines Tages wissen. Darauf sollten wir gefaßt sein.
Bis jetzt gibt es für die wichtigen Fragen des Daseins keine
anerkannte Methode, durch die man Irrtümer ausschließen
könnte. Die Großmäuler auf diesem Gebiet könnten
sich aber leicht als hohl erweisen. Wer nur tote Stoffe anstarrt
oder das, was er dafür hält, hat schlechte Karten. Er
ist eben behindert. Man wäre schon froh, wenn er eine Erklärung
zur Materie abgeben könnte, nicht wahr? Vorerst müssen
wir zur Kenntnis nehmen, daß sie bis ins Unendliche hinein
vermutlich aus Hohlzuständen, aus gähnender Leere besteht,
falls nicht doch aus Zahlen und Formeln. Dieses Gedankengebäude
nennt man Atommodell. Aber was beim Henker hat das Ganze mit unserer
Virenbestimmung zu tun? Ihr erinnert Euch? Das zweite Gesetz der
Virenbestimmung wollten wir ein wenig behandeln!
Kapitel
5
Das mußte einfach mal gesagt werden. Alles ist jetzt leichter.
Keine Lust, Euch zu Süßwasserpiraten auszubilden. Oder
zu Badewannenleichtmatrosen, die der Christenheit erzählen,
daß der Zufall alles gemacht hat. Durch Zufall, erzählen
sie, ist alles entstanden. Es hat sich alles vom Anfang her entwickelt,
sagen sie. Na prächtig! Also nicht von hinten nach vorne.
Das ist die
Begründung, warum sie die Wirklichkeit auf tote Stoffe reduzieren
wollen. Und es ist dermaßen hohl. Sie projizieren die inneren
Hohlzustände nach außen und in die Materie hinein. Schon
gut, ich bin ganz ruhig. Nichts gegen ehrliche Piraten, geht mir
nur fort mit diesem Taschenformat. Alles wäre gut, wenn sie
die vorlaute Klappe halten könnten, wo es um die großen
Fragen geht. Da sind sie nicht zuständig mit ihrer Halsstarrigkeit
und der Piratenhabgier. Ich bin schon ruhig, bin ganz ruhig, Kinder.
Alles gerinnt
zu totem Stoff unter ihren Händen, und aus den Klumpen formen
sie ein Modell vom Leben. Wenn man es berührt, zerfällt's
zu Staub, und da noch beten sie's an. Der allmächtige Zufallsgott
hat alles gemacht, murmeln sie vor sich hin. Ganz ruhig und
leise flüstere ich ihnen zu: Es ist recht, daß auch in
einem Piratenherzen ein kleiner Glaube wohnt. Den darf man dem Piraten
nicht nehmen. Aber wenn er vor die Christenheit tritt und verkündet,
daß der kleine Glaube eine große Wissenstatsache sei,
dann soll er sich nicht wundern, wenn schließlich alles lacht
über seinen Gott. Ha! Der große Zufall hat alles gemacht.
Der Zufall, habt Ihr das gehört! Kann man ihn anfassen, diesen
Zufall? Seine Geschwindigkeit berechnen? Hat er einen weißen
Bart? Warum ist er blind?
Und nun zur
Sache, entschuldigt den kleinen Umweg. Es soll nicht umsonst gewesen
sein. Viren waren schon relativ kleine Teilchen, Kinder, ohne EM
nicht zu sehen. Vor ca. 30 Jahren, wir haben davon gesprochen, wurde
es möglich, diese Teilchen aufzutrennen, um den Bauplan zu
bestimmen. Nun stellt Euch das vor! Zuerst hatte man die isolierten
Viren, winzige runde Teilchen, seit an seit, und dann ging's an
die Bestimmung der noch viel kleineren Bestandteile. Man fand heraus,
daß Viren aus fünf oder sechs Genen bestehen, eingehüllt
in Eiweißfäden. Eiweiß könnt Ihr Euch ungefähr
vorstellen, mit den Genen halten wir uns jetzt nicht auf. Jedenfalls
werden die Viren auf diese Weise unterschieden und auseinandergehalten.
Ich möchte nicht darauf eingehen. Gene kann man nun überhaupt
nicht mehr sehen, sie werden dargestellt. Man arbeitet mit
dem Atommodell und hat so gewisse Methoden, die ich andererseits
durchaus zu bewundern weiß. Wir können die Details ausklammern.
In dem Bericht, den ein Forscher veröffentlicht, ist festgehalten,
was für Eiweiß in der Virenhülle vorkommt - es gibt
tausenderlei - und wie die Gene aussehen. Damit ist der Virus exakt
bestimmt. Habt Ihr das?
Wenn ein Virus
nach Euch benannt werden soll, so ist das im Prinzip recht einfach.
Ihr müßt nur zeigen, daß dieses Teil sich entweder
beim Eiweiß oder in den Genen von allen bereits bekannten
und dokumentierten Viren unterscheidet. Allerdings wird Euer Bericht
sehr genau geprüft. Anders als bei den Zeitungen wird, wo jeden
Tag neue Scherzviren auftauchen, sternhagelblaue, hirnrissig dumme,
knallbunt gelackte.
Die Viren der
Zeitungen sind niemals an der Bande fotografiert, sondern animiert.
Mit Computerprogrammen und Computerspielen werden Modelle gebaut
oder Grafiken simuliert. Es sind Computerviren. Natürlich sehr
raffiniert, obwohl es gar nicht nötig wäre. Man könnte
sie einfach und exakt bestimmen, falls vorhanden! Manchmal bringen
sie gefälschte Fotos oder richtige mit falschem Text. Die Fotos
kommen dann aus einem Archiv und haben mit dem, was man behauptet,
überhaupt nichts zu tun. Es war doch nur ein Beispiel,
sagten Leute, die man beim Fälschen erwischt hat. Die schlimmsten
Fälscher sitzen vielleicht gar nicht in den Zeitungsredaktionen,
aber eines ist merkwürdig: Die Wahrheit drucken sie nie. Sie
unterscheiden trefflich fein! Für Detektive mit wissenschaftlicher
Grundeinstellung sind Zeitungen zunächst nicht zurechnungsfähig.
Erwartet nichts! Kann man sie selbst für eine Kampagne benutzen,
das ist die Frage. Ihr kennt das geflügelte Wort: Auf hoher
See und vor Gericht bist du in Gottes Hand? Aber selbst Gottes
Hand kann nur wenig für die Wahrheit tun, solange die Presse
eine Kampagne reitet. Die Christenheit glaubt weniger dem Geist
als gedruckten Phrasen.
Die Vorgehensweise
der Zeitungen ist der wissenschaftlichen genau entgegengesetzt.
Die Viren haben alle schon Namen, aber niemand hat sie jemals entdeckt.
Es gibt Namen, aber gesehen hat man nichts. Sie verfielfältigen
sich nur in den Auflagen der Zeitungen. Die sollten sich auf Lottozahlen,
Sportergebnisse und Sprechblasen beschränken! Mit einem Kindergeburtstag
sind sie bereits überfordert. Meistens stimmen die Namen mit
den Krankheiten überein, die sie angeblich verursachen, was
sie aber nicht tun, da nicht vorhanden. Was bleibt, ist der hohle
Name und eine Krankheit, deren Ursache man nicht kennt. Viren scheiden
als Übeltäter aus, da nicht vorhanden. Wären welche
vorhanden, hätte man sie an ihrer Bande einfach, sicher und
exakt bestimmt. Man müßte anschließend nur noch
untersuchen, ob sie die Krankheit verursacht haben. Sie könnten
auch vorhanden sein, obwohl die Krankheit zuerst war. Oder deswegen.
Das Kombinieren dürfte Euch als Detektiven ja nicht schwer
fallen. Vorausgesetzt, es wäre etwas vorhanden.
Ihr seht aber
auch, daß davon sehr viel abhängt. Was die Zukunft angeht,
hängt sehr viel ab von Euch, Ihr Lieben! Darauf komme ich später
zurück. Glaubt nur nicht, daß die wichtigen Entdeckungen
schon gemacht sind! Wir haben damit kaum erst angefangen. Wir sind
solche Stümper auf allen Gebieten! Materie, Wärme, Licht,
Zeit, Wirkung, Leben, Erkenntnis - wir plappern über alles.
Das Ergebnis ist bekannt. Euch ist es vorbehalten, eines Tages die
Wirklichkeit dieser Zustände, und anderer mehr, zu erkennen.
Oh könnte ich an Eurer Stelle sein! Leider habe ich nicht mehr
viel Zeit. Aber vielleicht komme ich wieder? Vielleicht ist es nur
die Hülle aus Stoff, die ich ablegen muß. Und der Kern
meines Wesens, den man nicht anfassen kann, trennt sich davon. Er
macht einen Bogen und kommt zurück zur Erde. Im Schoß
einer Mutter umhüllt er sich mit neuem Stoff. Da wäre
ich also wieder! Man braucht schließlich einen Körper,
um hier unten spazieren zu gehen. Ach Kinder, das wäre schön.
Dann könnte ich sehen, wie es weiterging mit Euch.
Alles Quatsch,
sagen die Zeitungen. Aber können die nicht für eine Weile
mal die Fresse halten, die vorlaute? Dadurch wäre uns sehr
geholfen. Leider sind all diese Fragen ja noch offen. Ob man den
Bogen beschreibt und so weiter. Eines ist klar: Ohne Stoff geht
nichts. Aber alles, was Bedeutung hat, scheint unstofflich zu sein.
Und selbst vom Stoff können wir's noch gar nicht sagen. Wir
fühlen die Schürfung am Schienbein und sollen glauben,
daß alles hohl ist, leerer als ein Sonnenstrahl. Aber was
ist ein Strahl? Wir wissen es nicht. Wir haben nur Namen, Worte,
Zahlen, Modellvorstellungen möglicherweise. Glaubt niemals,
daß es auf Euch nicht ankommt! Im Gegenteil. Genau darauf
kommt es an, daß Ihr die großen Fragen des Daseins versteht.
Wir Älteren sind nicht weit gekommen, und den Meisten reicht
es dicke. Denen könnt Ihr mit sowas gar nicht kommen. Nur Sinneseindrücke
im Kopf und Sorgen.
Aber sie führen
das große Wort. Von Naturwissenschaft ist die Rede, oho! Wenn
wir von der Natur nur ein wenig Ahnung hätten, würden
wir wohl kaum mit Explosionsmotoren Auto fahren. Nirgends in der
Natur gibt es Explosionsmotoren. Die Natur arbeitet mit Implosionstechniken
- davon verstehen wir aber nichts. Grausam-grausame Welt! Falls
Ihr zu besseren Ergebnissen kommt, gebt sie an Eure Kinder weiter!
Baut mit am Wissensschatz der Menschheit. Und falls es stimmt, daß
man diesen Bogen beschreibt, könnt Ihr später beobachten,
wie weit sie es gebracht haben. Kann natürlich sein, daß
es länger dauert, bis man wiederkommt. Schon gut, schon gut!
Ich will es ja nicht beweisen. Aber laßt mir meinen Glauben.
Und erzählt vor allem nicht, daß die Wissenschaft das
Gegenteil bewiesen hat. DIE Wissenschaft, gütiger Himmel, wenn
ich das höre! Kann man es anfassen? Riechen? Lutschen? Niemand
kann heute mehr für DIE Wissenschaft sprechen. Man kann vielleicht
für ein idiotisch kleines Fachgebiet sprechen, wenn man ein
ehrlicher Kerl ist.
Sie wissen
außerordentlich viel, das muß man schon sagen. Ich sehe
mit Anerkennung und Bewunderung die gewaltige Wissensflut, die sie
bewältigen. Alle Achtung! Ist es aber von Bedeutung? Ich meine,
kommt es auf die Menge an? Genau soll es sein, keine Frage! Wir
wollen die ganze Wirklichkeit. Die Gelehrten können aber nur
einen Teil der Wirklichkeit genau überblicken. Je mehr Wissen,
desto kleiner. Ihr wißt doch, was ein Bruch ist? Na also!
Es gibt kein Ganzes mehr? Genau! Und das Wissen steht unter dem
Bruchstrich. Je größer die Zahl, desto kleiner der Wert.
Das habt Ihr doch gelernt? Auf diese Weise verliert man den Sinn
für die eigentlichen Probleme. Man gibt Antworten, und weiß
nicht auf welche Fragen. Ein Bruch, das ist gar kein richtiger Bahnsteig.
Zwar gibt es Züge, aber sie entfernen sich von der Wirklichkeit.
Ihr wißt vielleicht, daß solche Reisen dennoch weit
verbreitet sind. Nicht nur in Schottland, wie man hört.
Ich gebe aber
zu, daß Glaubensvorstellungen auf dem Gebiet, wo man den Bogen
beschreibt, falls vorhanden, von sicherem Wissen verdrängt
werden müssen. Leider ist vermutlich niemand weiter davon entfernt,
als diejenigen, die sich auf das Atommodell verlassen. Die
meinen wirklich, sie hätten's schon! Ich schätze mal,
daß wir zu immer großartigeren Erkenntnissen kommen
werden mit der wissenschaftlichen Grundeinstellung, Irrtümer
systematisch auszuschließen. Und sonst halt nicht.
Kapitel
6
In den
Zeitungen werden Irrtümer systematisch fortgeschrieben, und
das macht mich eben wütend. Man hat schon Viren gelegentlich
gefunden, aber nicht bei Krankheiten. In manchen Bakterien sind
welche vorhanden, und da nennt man sie Phagen. Bakterieophagen nennt
man die Teile, die aber nicht die Aufgabe haben, Bakterien krank
zu machen. Im Gegenteil! Sie werden im Normalbetrieb gebraucht.
Im Inneren
eines Bakteriums gibt es überall Bereiche mit speziellen Aufgaben.
Auch bei uns im Körperinneren soll es solche Spezialbereiche
geben. Ich habe zwar noch keinen gesehen- na gut, die Zunge, wenn
Ihr wollt. Ich will es ja gar nicht bestreiten.
Ich weiß schon, wie sie alle heißen. Der menschliche
Organismus ist aber eine außerordentlich komplizierte Angelegenheit!
Und wir sind wirklich Stümper auf diesem Gebiet. Selbst ein
kleines Bakterium, sofern es lebt, entzieht sich weitestgehend unserem
Verständnis. Trotz allem, was man weiß!
Die Phagen
haben ihre besonderen Aufgaben im Lebenshaushalt bestimmter Bakterien.
Es sieht so aus, als ob es zu diesen Aufgaben gehört, das Bakterium
bei Gefahr zu verlassen. Das ist total spannend. Andere Gebiete
mit Spezialaufgaben, die man im Innern der Bakterien findet, können
das nicht. Wenn das Bekterium eingeht, gehen auch diese anderen
Spezialgebiete. Die Phagen gelangen hinaus, und man vermutet, daß
sie als Informationsüberbringer dienen. In ihren Genen ist
etwas enthalten, was den anderen Bakterien hilft. Das müßte
von Euch später genauer untersucht werden. Wir wissen so wenig,
Kinder!
Jedenfalls
haben diese Teilchen, die das Bakterium verlassen, kein eigenes
Leben. Stellt Euch vor, das Herz verläßt den Brustkorb,
um alleine weiter zu machen. Nur mal als Beispiel. Das wäre
eine sehr mutige Entscheidung, wenn ich mich so ausdrücken
darf. Geht natürlich nicht! Anders ist es bei diesen Teilchen.
Zwar haben sie kein eigenes Leben, sie können aber möglicherweise
eine Botschaft überbringen. Sie fallen ja nicht runter. Wenn
das Bakterium in einem Schleim wohnte, betreten sie diesen Schleim.
Und da können sie ihre Botschaft, also sich selber, eine zeitlang
erhalten. Man kann sie, wenn man geschleudert hat, an Bande eins-eins-sechs
abholen und in eine Nährlösung setzen oder in ein Ei.
Auch da halten sie an ihrer Botschaft, zumindest an sich selbst,
für eine gewisse Zeit fest. Und wenn sie in ein anderes Bakterium
hineingelangen, ist alles wieder gut. Vielleicht.
Das krasse
Gegenteil hat man sich früher vorgestellt. Man dachte, daß
die Phagen in ihrem Schleim zu eigenem Leben erwachen. Daß
sie sich rasend schnell vermehren und mit dem Ruf Tod den Bakterien
zunächst über ihre Stammväter herfallen. Und
dann womöglich über die Christenheit. Diese Vorstellungen
herrschen in den Zeitungen vor.
An dieser Stelle
kombinieren wir messerscharf. Wenn Viren Krankheiten auslösen
sollen, müßten wir sie erstens isolieren. Zweitens den
Bauplan bestimmen. Drittens nachweisen, daß sie zu eigenem
Leben erwacht sind und sich identisch vermehren, wenn Ihr das habt.
Um schließlich viertens zu zeigen, daß sie eine ganz
bestimmte Krankheit bewirken, wenn sie in einen anderen Organismus
gelangen. Das alles müßte aus den Berichten einwandfrei
hervorgehen. Dann wäre ich überzeugt. Es gibt aber keinen
Bericht. Und ich bin vom Gegenteil überzeugt.
Es gehört
zu den großartigsten Erkenntnissen der modernen Biologie,
Kinder, daß Viren an der Entstehung von Krankheiten nicht
beteiligt sind. Hundert Jahre hat man an dieses Modell geglaubt.
Und dann, als man Viren exakt bestimmen konnte, brach es zusammen.
Vermutlich wird es hundert Jahre dauern, bis auch die Zeitungen
den Irrtum einräumen.
Bei Bakterien
also kann man Viren zum Teil nachweisen, sie haben dort aber sinnvolle
Aufgaben. Ganz harmlose Kerle sind das! Bei Krankheiten findet man
immer nichts, obwohl das Nachweisverfahren absolut zuverlässig
und einfach durchzuführen ist. Schon beim ersten der vier Schritte
scheiterten alle Versuche, Viren als Krankheitserreger zu überführen.
Leider halten Viele an dem alten Märchen fest, und zwar nicht
nur bei den Zeitungen. Wie ist das möglich?
Kapitel
7
Dazu brauchen wir ein neues Kapitel. Es heißt der Verdacht.
Stellt Euch vor, als Detektive hättet Ihr ein Verbrechen aufzuklären.
Man hat eine
Leiche gefunden, den toten Körper einer prominenten Fernsehdarstellerin,
und in allen Zeitungen wird davon berichtet. Man vermutet, daß
sie an einer bösartigen Vireninfektion starb. Genau gesagt
an der mutierten Version eines Virenstammes, für den es noch
keinen Impfstoff gibt. Wie zur Bestätigung ereignen sich innerhalb
weniger Tage weitere Todesfälle. In den Zeitungen kommen Behördenvertreter
zu Wort, die den Ausbruch einer neuartigen Seuche vorhersagen. Es
werde alles unternommen, sagen sie, die Bevölkerung zu schützen.
Man arbeite fieberhaft an einem entsprechenden Impfverfahren. Da
die Übertragung über den Speichel erfolge, sei es ab sofort
verboten, zu küssen, so die Zeitungen. Und alle, die in den
vergangenen Wochen geküßt hätten, sollten sich bei
den Ämtern melden.
Das war ein
Andrang, Kinder! Nee, im Ernst: riecht oberfaul, oder? Da sträuben
sich die Haare. An dieser Meldung ist einfach alles falsch. Die
mutierte Version eines Virenstammes also! Schätze, Ihr wißt,
was man landläufig unter Zufallsmutation versteht. Nee? Ich
will es kurz machen. Man könnte stundenlang über dieses
Thema plaudern. Der Zufall, das ist der allmächtige Gott der
Fachidioten. Gütiger Himmel, ich rege mich schon wieder auf.
Wir müssen anders anfangen.
Aber das ist
wieder total spannend. Manche Fliegen können sich wirklich
unheimlich schnell vermehren. Viel schneller noch als Kaninchen.
Das geht wie am Fließband, und man kann alles gut beobachten.
Unter all den Fließbandfliegen gibt es immer mal wieder Einzelexemplare,
die den Qualitätskriterien nicht genügen. Sie haben ein
Beinchen zuviel oder ein Flügelchen zu wenig oder irgenwas
ist zu groß oder zu klein. Am Volkswagenfließband käme
sofort die Qualitätskontrolle ins Spiel. Einen Käfer mit
drei Rädern würden sie vermutlich aussortieren. Bei der
Fliege nennt man es Mutation, und die Wissenschaftler stürzen
sich selbst wie Fliegen auf solche Erscheinungen. Da machen sie
wertvolle Erfahrungen. Eine Fliege, deren einer Flügel zu lang
ist, kann vermutlich nicht mehr fliegen. Oder sie fliegt immer im
Kreis herum, genau. Ich vermute, daß sie nur noch Kreisbewegungen
beschreibt. Nehmen wir aber an, sie bleibt auf irgeneinem Moder
sitzen, weil ihr schwindelig wurde von den Kreisen. Sie kann sich
dort aber normal fortpflanzen. Sie legt hunderttausend Eier, und
am nächsten Tag schlüpfen lauter kleine Fliegen aus. Meistens
haben sie zwei normal lange Flügel, teilweise nur einen, der
zweite ist dann länger. Am zweiten Tag paaren sich alle neugeschlüpften
Fliegen durcheinander. Sie legen jeweils hunderttausend Eier, und
die Wissenschaftler messen alle und hoffen, daß irgendwann
Fliegen mit zwei langen Flügeln auftauchen. Wenn das der Fall
sein sollte, können sie vermutlich überhaupt nicht fliegen,
weil sich alles verknotet. Kann aber auch sein, daß sie viel
schneller fliegen. Ja weiß man's denn? Sie fliegen schneller,
verlassen den Modersumpf und finden einen Weinberg mit herrlicher
Trockenbeerenauslese. Das finden sie so lecker, daß sie zweihunderttausend
Eier legen, und alle Kinder haben lange Flügel -
Hört mir
denn überhaupt jemand zu? Ich muß doch bitten! Das ist
nicht zum lachen, es ist bitterer Ernst. Auf diese Weise ist nämlich
im Lauf der Zeiten, wenn man's denn glauben darf, die ganze Christenheit
entstanden. Ist das nicht erstaunlich? Alles durch Zufall! Ich glaube
selbst kein Wort davon, höchstens wenn ich todmüde bin,
und alles schon egal ist. Dann mache ich mich auch über Trockenbeerenauslese
her und schlafe ein in der Hoffnung, daß wenigstens meine
Vernunft wieder erwacht. Ich träume, wie mir lange Flügel
wachsen und ein Stachel, mit dem ich giftige Säfte injizieren
kann. Was folgt. ist ein gnadenloses Ausleseverfahren. Nichts bleibt
dem Zufall überlassen. Unter Zeitungsbesitzern mache ich fette
Beute.
Eine Sache
sollte man wissen, Kinder. Bevor Mutationen wirksam werden, muß
Fortpflanzung vorhanden sein. Und nun erinnert Euch, was wir von
den Viren gesagt haben. Die bisher bekannten Viren haben kein eigenes
Leben, daher können sie sich nicht vermehren. Schon mal von
einem mutierten Staubkorn gehört? In den alten Märchen
sind sie zwar zum Leben erwacht, durch Zufall vermutlich. In der
rauhen Wirklichkeit unserer Tage läßt sich aber nichts
dergleichen beobachten. Davon hätte man gehört, Kinder.
Wenn tatsächlich lebende Virenstämme nachgewiesen worden
wären, es wäre DIE Sensation. Dafür hätte es
alle Nobelpreise gleichzeitig gegeben. Endlich wäre ja die
Entstehung von Leben in flagranti beobachtet worden. Hat
man aber nicht. Man kann nur beobachten, wie es sich entwickelt,
falls vorhanden. Habt Ihr das? Es ist der entscheidende Unterschied.
Eigentlich entwickelt es nicht sich, sondern die sichtbaren Formen.
Es arbeitet mit den toten Formen, die in dem Moment belebt erscheinen.
Danach zerfallen sie wieder und werfen andere Rätsel auf. Die
Rätsel nämlich der toten Materie.
Nun seht Ihr
auch, wie Zeitungen arbeiten. Sie stellen die ungeheuerlichsten
Modersümpfe dar, als wären es die selbstverständlichsten
Wohnorte von der Welt. Hat man Bandenfotos? Nein! Hat man den Bauplan?
Natürlich nicht! Man hat keinen Virus, keine Viruskrankheit,
nichts, aber man kennt den Übertragungsweg. Es gibt keinen
Befund, nicht einen erwiesenen Fall, aber man plappert von Seuchengefahr.
Und allein wegen des Geplappers kommt es zum Impfzwang, wie? So
sind hier die Leute. Gibt es keinen Impfstoff gegen das Geplapper?
Man möchte sich geradezu, leicht abgeändert, die folgenden
berühmten Verse aus dem Halse schreien. Ihr wißt hoffentlich,
wer Odysseus ist, der Held!?
Oh, käme
ein Odysseus heim
Die Lügner zu erschlagen
Brutal der ganzen Christenheit
Zu nehmen solche Plagen
Nee, Kinder,
diese Sache riecht oberfaul! Wie ich Euch kenne, habt Ihr keine
Sekunde gezögert, den Auftrag anzunehmen. Stimmt's? Ihr werdet
mit Eurem Spezialwissen im Fall der verstorbenen Voksschauspielerin
ermitteln! Aber laßt mich zunächst an einen anderen Fall
von Spontanmutationen erinnern, besonders tragisch dadurch, daß
Menschenkinder betroffen sind. Es sind viele tausende Menschenkinder
betroffen, einige habt Ihr sicher kennengelernt. Sie wurden mit
schweren und schwersten Verwachsungen geboren, hatten verstümmelte
Gliedmaßen und zahlreiche Behinderungen. Manchmal ist an den
Schulter gleich die Hand herausgewachsen, manchmal ein verkürzter
Arm mit drei schiefen Fingerchen, ganz wahllos und zufällig
verteilt. Die Ursache war aber nicht der Zufall. Ein Medikament
namens Contergan war die Ursache. Man hat es den armen Müttern
während der Schwangerschaft verschrieben. Die Richter am Frankfurter
Landgericht glauben noch heute, daß es der Zufall war. Jedenfalls
haben sie die Täter nicht bestraft. Die konnten nach kurzer
Zeit wieder neue Arzneien testen.
Auch im Regenwald
von Vietnam kam es zu sogenannten Zufallsmutationen bei Menschenkindern.
Dort haben sich zweihundertfünfzigtausend Betroffene zusammengeschlossen,
um die Regierung der Vereinigten Staaten zu verklagen. Der Richter
glaubt vermutlich auch an einen Zufall. Er hat die Klage als unzulässig
ist abgewiesen. In Vietnam, einige werden es wissen, haben amerikanische
Soldaten von Fliegern aus abertausend Tonnen einer unglaublich giftigen
Chemikalie über den Dschungelwald gesprüht. Soldaten,
die selbst mit dem Gift auch in Berührung kamen, konnten nur
verkrüppelte und behinderte Nachkommen zeugen.
Dieses Gift
wurde benutzt, um das Laub der Bäume zu beseitigen. Unter dem
dichten Laub waren bewohnte Dörfern verborgen. Und die wollten
sie bombardieren. Man hat sie vorher nicht gesehen. Die Soldaten
und ihre Familien können einem leid tun. Auch ihnen hat die
Regierung nicht geholfen. Das grausame Verhängnis aber, das
über das Volk von Vietnam hereinbrach, ist kein Zufall. Es
war ein geplantes Verbrechen. Ich habe Fotos gesehen von Kindern,
die dort, wo normalerweise ein Bein herauswächst, eine Hand
haben. Aber viele sind so gräßlich verstümmelt -
nein, das darf ich nicht ausführen. Da in diesen riesigen Waldgebieten
der Boden und das Trinkwasser vollkommen verseucht sind von dem
Gift, ist ein Ende dieses Schreckens gar nicht abzusehen. Es geht
immer weiter!
Das Entlaubungsmittel
heißt Agent Orange. Es hat den Eigentümern der
Chemiefabriken, die es herstellten, zu großem Umsatz verholfen.
Das sind ehrenwerte Männer, falls Ihr dieses doppeldeutige
Wort versteht. Manche bevorzugen den Ausdruck Pharmafia,
obwohl der Agent Orange meines Wissens nie als Medikament zugelassen
war. Weiß man's denn? Vielleicht ist Contergan etwas Ähnliches?
Kann man damit Wälder entlauben? Denen geschieht jedenfalls
nichts, das habt Ihr gesehen. Ich hoffe, daß Ihr nie in diesem
Milieu ermitteln müßt! Ihr seht jedoch, daß von
Euch sehr viel abhängt für die Zukunft der Christenheit.
Der erste Schritt
im Fall der toten Staatsschauspielerin ist ein Anruf bei Johann,
Leiter des gerichtsmedizinischen Institutes, mit dem Euch eine alte
Freundschaft und die gute Zusammenarbeit in früheren Fällen
verbindet.
"Nein,
nicht am Telefon," antwortet er knapp. "Kommt nach Feierabend
vorbei."
"Die Fahrt mit der Tram dauert anderthalb Stunden," erklärt
Lucie, die gute Seele Eures Vorzimmers. "Ihr habt keine Zeit
zu verlieren." Es ist also schon später Nachmittag.
Johann empfängt Euch in der dritten Etage, was ein gutes Vorzeichen
ist insofern, als die Anatomie, der Ort wo Leichen seziert werden,
sich im Untergeschoß des Institus befindet. Von außen
sieht man nur die Ventilatoren der großen Kühlanlagen.
So deutet alles auf ein Gespräch über abgeklärte
Sachverhalte, wenn Ihr folgen könnt.
Der Aufzug
bringt Euch hoch, die Tür steht bereits offen, und durch das
leere Vorzimmer des Professors hört man eine Stimme: "Kommt
nur herein, ich habe Euch schon auf der Allee gesehen." Im
offenen weißen Kittel, beide Hände in den Hosentaschen,
steht Johann mit dem Rücken zu Euch im Bogenfenster und beobachtet
nachdenklich den Verkehr auf der Straße vor dem Institut.
"Kinder,
Kinder! Einen solchen Fall habe ich während meiner ganzen Laufbahn
nicht erlebt," so beginnt er seinen Bericht. "Wir hatten
die Leiche hier, ich meine die erste, durften aber nichts machen.
Ich kann euch gar nicht sagen, wer alles intervenierte, um mir die
Zuständigkeit zu entziehen. Am Ende der Geschichte stand die
Staatsanwaltschaft hier im Keller, um die Schüssel zu verplomben.
Karlsruhe hatte das Verfahren an sich gezogen und ließ die
Leiche am nächsten Tag abtransportieren. Bevor sie mein Haus
verlassen hatte, meldeten die Zeitungen bereits, daß es sich
um Virenbefall handele. Das wurde über die Presse mitgeteilt,
als die Leiche verplombt in meinem Kühlhaus lag. Erst danach
wurde sie in einer Art Panikreaktion abgeholt. Und uns war es, wie
gesagt, nicht erlaubt, Untersuchungen anzustellen. Das ist die Ausgangssituation."
Johann macht
ein kurze Pause, wendet sich ab vom Fenster und reicht Euch beiläufig
die Hand zum Gruß. Dann fährt er fort mit seinem Bericht.
"Ich
muß euch bitten, alles, was ich mitteile, absolut vertraulich
zu behandeln. Ich kann offiziell im Moment keine Stellung beziehen,
da die Angelegenheit ziemlich weit oben hängt, ihr versteht.
Auch unter dem Mantel der Verschwiegenheit kann ich nicht alles
sagen, was ich weiß. Die anderen Leichen wurden sofort kassiert,
nicht eine ging durch unser Institut. Nun will ich euch etwas zeigen."
Bitte wo hängt
diese Angelegenheit, Kinder? Sind das Formeln, die ich nicht verstehen
soll? Oder wollte er andeuten, daß einflußreiche Persönlichkeiten
in den Fall verwickelt sind? Schon öffnet er die Tür zum
Nebenraum und geht voran. Während Johann's Arbeitszimmer Holzfußboden
hat, ist im Nebenraum gefliest.Die ganze lange Wand gegenüber
der Fensterseite ist zugebaut mit Kühlgeräten. Für
Leichenwannen scheinen sie nicht tief genug zu sein. Trotzdem ist
da ein etwas mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, Johann werde
jetzt eine Tür öffnen, um die Wanne mit der verstorbenen
Schauspielerin herauszuziehen. Neun Tage müßte das her
sein. Hat er eventuell eine andere Leiche nach Karlsruhe geliefert?
Bei Johann muß man auf alles gefaßt sein.
"Außenstehende
können sich kaum vorstellen, wie in einem gerichtsmedizinischen
Institut gearbeitet wird." Johann spricht ohne besondere Betonung
und wirkt nicht wie ein Mann, der durch den Entzug der Zuständigkeit
persönlich betroffen ist. Man hat den Eindruck, daß er
an Kompetenz sogar dazugewann. Er hat Verantwortung übernommen
und die Initiative ergriffen.
"Mit den
Details unserer Methoden möchte ich euch nicht aufhalten. Wir
öffnen aus den unterschiedlichsten Veranlassungen heraus Jahr
für Jahr etwa zweitausend Körper. Es entwickelt sich da
zwangsläufig eine gewisse Routine, die andererseits natürlich
erschreckend ist. Ich leite dieses Institut seit über 30 Jahren,
und in all der Zeit hatten meine Mitarbeiter immer die Freiheit,
das zu tun, was ich wollte. Auf diese Art komme ich prächtig
mit allen aus. Als diese Leute kamen, um die Leichenwanne mit der
Schauspielerin zu versiegeln, hatten meine Mitarbeiter bereits diverse
Abstriche sowie Blut- und Gewebeproben entnommen und eingefroren."
Jetzt öffnet
er eine Tür des riesigen Kühlaggregates und fährt
fort. "Im Moment liegen hier bei minus neunzig Grad noch drei
von ursprünglich fünf kompletten Sätzen und warten
auf Analyse. Schaut genau hin."
Mit diesen
Worten wendet er sich ab und schlendert, Hände in die Kitteltaschen
gesteckt, zur Fensterfront, um das Treiben auf der Straße
zu beobachten. In dem Kühlregal, das er für Euch geöffnet
hat, liegen säuberlich beschriftet eindeutig vier gleich aussehende
Pakete mit Abstrichen und Proben. Ihr versteht sofort. Styroporbehälte
sind griffbereit- einen Probensatz will er Euch überlassen.
"Trockeneis befindet sich in der untersten Schublade,"
erklärt der Professor vom Fenster her, ohne sich umzuwenden.
Nachdem das Paket fertig ist, kommt er zurück, und reicht Euch
wieder die Hand.
"Ihr könnt
das Telefon im Vorzimmer benutzen. Ich darf mich verabschieden,
habe unten noch zu tun. Grüßt mir Stefan ganz herzlich."
Stefan L. ist
eine Berühmtheit auf dem Gebiet der Virologie, einer der wichtigsten
Forscher auf diesem Gebiet, zugleich ein guter Freund und Unterstützer
Eurer Detektei. Er ist der Einzige, dem es gelang, Viren zu isolieren,
die nicht zu irgendwelchen Bakterien gehören. Schon als Student
machte er die sensationelle Entdeckung, daß in einer Meeresalgenart
tatsächlich Viren vorhanden sind und vermutlich, genau wie
die Phagen, der Nachrichtenübermittlung dienen. Diese großartige
Leistung hat er in einem mustergültigen Bericht festgehalten,
wie in einer streng wissenschaftlichen Disziplin üblich, und
Forscher auf der ganzen Welt können von diesen Ergebnissen
profitieren. Es dürfte klar sein, daß ein solcher Mann
über die alten Geschichten von Virenkrankheiten nur lachen
kann. Er ist daher bereit, jeden, aber auch wirklich jeden Verdacht
auf Virenbefall, so lautet noch immer der Ausdruck, nach den strengsten
Regeln seiner Zunft zu untersuchen. Diese Regeln habt Ihr ja bereits
kennengelernt, ansonsten müßtet Ihr seinen Bericht lesen,
der eigentlich in jedes Lehrbuch gehört.
Das Institut
von Stefan liegt in Stuttgart, also ist es ratsam, dort anzurufen,
um einen Termin zu vereinbaren. Da Ihr die Durchwahl habt, meldet
er sich selbst. Er freut sich, daß Ihr anruft, bittet Euch
aber, schnell zur Sache zu kommen. Er hat immer wahnsinnig viel
zu tun.
"Wir haben
ein paar recht interessante Exponate auf Trockeneis," sagt
Ihr, "und sollen von Johann sehr herzlich grüßen."
"Ich verstehe,"
antwortet er. Schätze, die beiden haben bereits telefoniert!
"Wartet nicht lange ab, Kinder. Ihr solltet sofort kommen.
Ich habe sowieso bis nach Mitternacht hier zu tun und erwarte euch
im Labor. Den Nachtpförtner informiere ich, daß ihr dringend
erwartete Proben bringt und persönlich vorgelassen werden müßt."
Oje! Das bedeutet
Nachtarbeit, Kinder. Vielleicht müßt Ihr sogar einen
Flieger besteigen? Stuttgart! Am Besten gleich Lucie anrufen. Sie
wartet sowieso auf Auskunft, ob sie in den Feierabend darf.
"Nee,
da nehmt ihr den ICE um 22 Uhr 17 Gleis sechs. Der hält zwar
in Mannheim kurz an, ab da fährt er aber auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke
mit dreihundert Sachen non stop. Fahrt mit der Tram direkt
zum Hauptbahnhof. Wir treffen uns am Gleis, und ich bringe belegte
Brote mit. Der Fall scheint verdammt wichtig zu sein."
Wenigstens
kein Flieger! Die Tram zum Hauptbahnhof braucht fast so lange wie
der ICE von Frankfurt nach Stuttgart. Lucie wartet schon. Sie hat
die Fahrkarten besorgt und eine dicke Tasche unterm Arm. "In
Stuttgart nehmt ihr ein Taxi und laßt euch nach Hohenheim
fahren, das dauert nochmal fast eine halbe Stunde. Jeder Kutscher
im Großraum Stuttgart kennt Stefan und sein Institut. Ach
ja, hier ist Bargeld, ihr habt ja immer nichts dabei. Nach der Unterredung
bei Stefan fahrt ihr mit dem Taxi nach Filderstadt zum Hotel Krautwickel.
Kann man sich gut merken, weil das ganze Sauerkraut aus Fildern
kommt. Früher hatten die
Mädels solche Waden vom Krautstampfen. Dort habe ich ein Zimmer
gebucht und per Kreditkarte bereits bezahlt. Die Rezeption weiß
Bescheid, daß es spät werden kann bzw. auch früh.
Man wird euch auf alle Fälle einlassen. Frühstücksbuffet
bis elf Uhr. Dann dürfte Stefan die Ergebnisse auch bereits
haben. Ruft ihn vom Hotel aus an, anschließend mich, damit
wir die weitere Vorgehensweise planen können. Ich fürchte,
es führt eine Spur nach Schottland. Die S-Bahn zum Hauptbahnhof
hat in der Nähe des Hotels eine Haltestelle, und der ICE Manheim-Frankfurt
fährt einmal pro Stunde aus. Alles klar? Und nun los! Laßt's
euch gut schmecken."
"Das kommt
in die Personalpapiere!" Dies ist eine stehende Redewendung,
die in Frankfurter Kanzleien üblich ist, um Dankbarkeit auszudrücken.
Leicht abgewandelt kann man auch Tadel damit zum Ausdruck bringen.
Man sagt: Das muß ich leider in die Personalabteilung geben.
Die Brote sind jedoch ausgezeichnet! Sie hat an alles gedacht! Für
den Stuttgarter Raum übrigens und als Abwechslung in Frankfurt
bietet sich der folgende Spruch an: Wir machen dir einen Krautwickel,
Lucie. Das wird sich schon einspielen. Lucie ist eine sehr korrekte
Mitarbeiterin. Und den Feierabend hat sie sich verdient. Wie sie
wohl auf Schottland kommt? Schätze, da kommen Spesen auf Euch
zu. Schottland! Warum nicht gleich Hogwards? Als
Mißbilligung für den Stuttgarter Raum empfehle ich die
Formulierung, eine Woche Krautstampfen auf der Filder. Ob
es wirklich abschreckt, ist aber die Frage. Möglicherweise
erscheint die Wirkung auf Waden, Oberschenkel und Hüften sogar
erstrebenswert. Nun aber Stuttgart.
Warum man die
Bevölkerung Stäffelesrutscher nennt und die Nachbarn
in Cannstadt Mondbutzer, das laßt Euch vom Taxifahrer
erzählen! Stuttgart gilt als eine der glücklichsten Städte
der Welt. Fragt mich nicht, warum. Ich wäre schon froh, den
Dialekt zu verstehen. Vielleicht macht es glücklich, wenn man
eine eigene Sprache hat? Wer sie nicht beherrscht und zugezogen
ist, heißt ein Reingschmeckter. Wie bitte kommt so
ein wunderbarer Ausdruck zustande? Nur vollendetes Glück konnte
ihn prägen. Sie haben lauter solche Begriffe! Ein Geizkragen
heißt dort Entenklemmer, als ob er dauernd hinter seiner
Ente her wäre, um sie abzutasten. Falls da ein Ei heranwächst,
sperrt er sie ein, damit sie's nicht irgendwo unbemerkt ausbrüten
kann. Wenn eine Sache in Frankfurt oberfaul ist, hat sie in Suttgart
nur ein Gschmäckle, zieht aber meistens Höchststrafe
nach sich. Statt trotzdem sagen sie oinenwäg, wer kommt
auf sowas, und zum Löwenzahn Bettsoicher. Das ist total
spannend, erfordert aber ein Vollzeitstudium, wenn man tiefer eindringen
will. In den Fällen, wo sie unsere Begriffe verwenden, werden
sie doch anders ausgesprochen, und zwar so breit, daß es in
die Anatomie des Mundraums übergeht. Es prägt sich der
Mund- und Zungenmuskulatur so stark ein, daß bei Obduktionen
signifikante Abweichungen festzustellen sind. Selbst wenn man einen
Stuttgarter nur vorlesen läßt, sodaß ihm Wortwahl
und Satzbau fest vorgeschrieben sind, erkennt man ihn noch als Bewohner
jener glücklichen Stadt. Apfelwein heißt dort übrigens
Moschd, und gilt als Gsöff, stellt Euch das vor.
Kläbberle, abgeleitet von klappern, bedeutet dagegen
Spielzeug. Moschd und Kläbberle sind gleichermaßen abträglich,
eddaguad, für erwachsene Christenmenschen. Sie trinken
ihren Wein, obachaguad, und spielen mit Worten. Herrgottsbscheißerle,
Teigtaschen mit Hackfleisch, dürfen sie auch am Freitag essen,
weil man den Inhalt nicht sieht. Statt Handkäs mit Musik
essen sie Seelen aus Dinkelteig, und die Kümmelsamen, mit denen
die gewürzt sind, sagen ihnen alles über die Sünden
der Bäckerin. Da kann man stundenlang zuhören - vorausgesetzt,
man versteht die Sprache!
Mit Stefan
versteht Ihr Euch ja gut. Er zeigt Euch nebenbei sein EM und die
Zentrifuge, macht sich aber auch gleich an die Arbeit. "Ich
habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Proben zu bekommen, immer
vergeblich! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie dankbar ich
bin, daß Ihr den Fall übernommen habt. Die ganze Christenheit
wird an der Nase herumgeführt. Es gibt niemanden, der den Virenbeweis
in all diesen Fällen auch nur angetreten hätte. In Karlsruhe,
das erfuhr ich heute von dem alten Entenklemmer, der dort zuständig
ist - wir haben zusammen studiert - wird nichts untersucht. Man
entnimmt grade mal Proben! Dann verschwindet alles in der Versenkung
beziehungsweise im Krematorium, bevor wir etwas machen können.
Angeblich wird ein sogenanntes Referenzlabor in Schottland eingeschaltet.
Ich sage angeblich, weil es keine Untersuchungsberichte gibt! Dort
stellt sich eine Pappnase vor die Presse und phantasiert von Mutationen.
Ich habe den Leuten geschrieben, habe Berichte angefordert, Bandenfotos
und Baupläne, natürlich vergeblich. Zunächst nahm
ich ja an, daß sie die Proben bekommen und untersuchen. Wißt
Ihr, was die geantwortet haben? Haltet Euch fest. Ich habe dreimal
hingeschrieben, ehe überhaupt etwas zurückkam. Sie verstehen
meine Fragen nicht! Übrigens, schaut mal hier: So sieht ein
echtes Foto aus von Bande eins-eins-sechs mit Phagen. Das könnt
Ihr mitnehmen. Gehört in jeden Haushalt. Die verstehen meine
Fragen nicht und wagen es, vor der Presse von Mutationen zu plappern.
Die Sache hat ein Gschmäckle, wenn Ihr mich fragt. Das Bundesamt
in Berlin hat sich komplett abgemeldet. Entweder sie sitzen mit
im Boot oder stellen sich dumm. Von dort kommt nur vorgekauter Text.
Sie schützen die Bevölkerung mit vorgekauten Sprüchen!
Im Ländle gibt es einen alten Spruch, Kinder, der immernoch
gut zu Amtsverbrechern paßt. Der Dichter Wilhelm Hauff hat
ihn aufgeschrieben: Da sprach der Herr von Röder: / Halt,
oder stirb entweder. Röder war vor zweihundertsiebzig Jahren
Oberst des Herzogs, und der Minister, den er stellte, wurde verurteilt
- und gehängt."
Er schiebt
Euch rasch einen Zettel mit der Adresse des schottischen Labors
rüber und muß wohl heftig aufpassen, daß mit seinen
Geräten, Tiegeln und Röhrchen alles klargeht. "Laßt
Euch vom Pförtner ein Taxi rufen, dann seid Ihr in einer Viertelstunde
im Krautwickel. Und vergeßt nicht: Wir brauchen Euch!"
Woher weiß
er wohl, daß Ihr im Krautwickel gebucht habt? Ganz einfach.
Lucie hat ihn angerufen und gefragt, wo man Euch mal unterbringen
könnte. Er hat es selbst vorgeschlagen. Und es war eine gute
Wahl. Es riecht kein bißchen nach Sauerkraut. Einen Zimmerschlüssel
gibt es auch nicht, sondern ein Kärtchen. Dieses muß
man von innen wieder einstecken, dann geht das Licht und die Flimmerkiste
an. Auf jedem Kopfkissen liegt eine kleine Schokolade, und neben
jedem Bett steht ein Kühlschrank mit Getränken. Es gibt
einen Schreibtisch mit Telefon und Internetanschluß. Das Fenster
geht Richtung Flughafen. Man sieht die Flieger reinkommen, hört
aber nichts. Im Bad liegen Seifestückchen, Shampoodosen und
Tücher bereit. Wenn man frische Tücher will, muß
man nur die alten auf den Boden werfen. Wenn man der Umwelt helfen
will, muß man sie hängen lassen. Wenn man nicht so müde
ware, könnte man auf den Dachgarten und dort in der Sauna schwitzen
gehen. Oder im Untergeschoß ins Wellenbad. Bademäntel
gibt es an der Rezeption. Wir machen dir einen Krautwickel, Lucie.
Gute Nacht! Die Hotelpost mit Hotelbriefpapier wird natürlich
erst am nächsten Morgen abgeholt.
Der Frühstücksraum
mit herrlichem Blick über die Felder befindet sich in der ersten
Etage, und das Buffet ist zwanzig Meter lang. Der erste Eindruck
gefällt, der übliche Geruch von Rauch, Alkohol und Bratfett
mit Zwiebelaroma als Überrest der Gelage des Vorabends ist
nicht vorhanden. Das ist schon die halbe Miete, Kinder. Nun könnt
Ihr einen Platz aussuchen. Man muß das Kärtchen auf den
Tisch legen, dann kommen Mädels mit schönen Waden und
stellen Thermoskannen voll Kaffee ab. Man kann auch Tee oder Schokolade
trinken, und Milch, Vitamine, Säfte sowie Limo in jeder beliebigen
Reihenfolge. Das holt man sich am besten gleich selber. Es gibt
Seelen, Knauzen, Brezeln, Scheiben, Knäcke und Streuselkuchen.
Man kann auch Müsli nehmen, muß aber zwischen vier Sorten
selbst wählen. Oder eine Reihenfolge festlegen. Dazu nimmt
man angemachten Quark mit frischen Früchten oder Naturjoghurt,
vielleicht auch Vollmilch. Nee warte, hinten gibt es noch drei andere
Schalen mit angemachtem Quark, man muß dermaßen aufpassen.
Eier gibt es minutenweise, wie es einem gefällt, außerdem
Käse, Schinken und Aufstrich, falls man nicht Marmelade vorzieht.
Die wartet in großen Gläsern an einem eigenen Tisch:
Gelbe, rote, blaue - alles. Ohne Plan ist eine solche Herausforderung
kaum zu bewältigen. Man darf den ganzen Vormittag bleiben und
holen, so oft man will. Wenn man sich nicht rührt, kommen Mädels
und fragen, ob man noch einen Wunsch hat.
Ich bin viel
rumgekommen in meinem Leben, und empfehle daher, auszumustern, was
nicht in Frage kommt. Müsli mit schwarzen Zibeben beispielsweise
und all so Zeug. So verschafft man sich den besseren Überblick.
Dann hilft es auch, wenn man am Anfang nicht zu viel auflädt.
Lieber öfters kleine Mengen holen. Langsam kauen, gut einspeicheln,
nicht zu früh festlegen. Es gibt Häuser, die haben fünf
Sorten Brötchen zur Auswahl, und alle schmecken wie Pappe.
Im Schwarzwald gibt es nur eine Sorte, aber so gut, daß es
nicht zu fassen ist. Ich meine Richtung Südschwarzwald, genauer
gesagt oberhalb von Bühl in Baden. Wenn da eine Leiche gefunden
wird, ich meine - entschuldigt. Ihr könnt ja privat mal hin.
Der Krautwickel gehört zur selben Hotelkette. Hat nur einen
Nachteil. Wer je solche Brötchen gegessen hat, spuckt alles,
was danach kommt, förmlich aus. Dem kann man nicht mehr helfen.
Warum sollte er sich gemeinen Salzteig antun oder Sägemehl?
Zeitungen gibt es auch. Die darf man nicht nur lesen, sondern mitnehmen.
Sie liegen stapelweise rum. Der ganze Blätterwald liegt da.
Ist aber verständlich. Wer würde es sonst wohl beachten?!
Na ja, für Sporttabellen, Lottozahlen und Sprechblasen sind
sie gut, mag sein. Sie können sich nur leider nicht beschränken!
Genau wie gewisse
Leute am Buffet. Ich hatte mal einen Kollegen, den konnte man nicht
auf Geschäftsreise lassen. Das war so ein Geizkragen, Kinder,
daß er nicht aufhörte, bis das letzte Plastikbecherchen
mit Margarine ausgelöffelt war. Wir mußten ihn raustragen
und fanden die Taschen noch voll mit solchen Sachen. Das hab ich
an die Personalabteilung gegeben. Mir wurde dermaßen übel!
Als es einmal Freibier gab, kam er am Montag mit zerschlagenem Gesicht
zur Arbeit, weil er die Treppen wohl sehr unkonventionell genommen
hatte. Dabei schmeckt Bier widerlich! Er hatte tagelang überhaupt
nichts getrunken, damit es sich lohnte. Vielleicht ist das eine
Art von Krankeit? Der ganze Mann war klapperdürr. Egal! Ich
habe ihn nie wieder mitgenommen. Schätze, Euch muß man
nicht hinaustragen - aber was ist das? Die mit den schönen
Waden bringt auf einem Tellerchen ein Kuvert. "Bitte um Entschuldigung
die Herrschaften," sagt sie mit einer leichten Verbeugung,
"dringende Nachricht für die Detektive aus Frankfurt."
Ihr macht den
Umschlag auf und lest: "Prof. Dr. Stefan L., Institut für
Virologie der Universität Stuttgart-Hohenheim, bittet dringend
um Rückruf!" Da ist leider nichts zu machen. Vermutlich
liegen die Ergebnisse vor. Der Alltag ruft, Kinder. An die Arbeit!
"In den
Proben sind keine Viren enthalten," sagt Stefan. "Mein
Bericht geht per Einschreiben an Euer Sekretariat, die Kopie bekommt
Johann. Wir brauchen Euch, Kinder! Viel Erfolg in Schottland."
"Hat er
denn die ganze Nacht gearbeitet?" fragt Lucie, nachdem sie
den Bericht vernommen hat. "Gütiger Himmel, ich habe es
befürchtet: Schottland! Habt Ihr Euch die Adresse geben lassen?
Sehr aufmerksam, ja, ich notiere. Wir treffen uns am Flughafen,
Abflughalle A. Nee geht rüber ins Sheraton, da können
wir alles besprechen. Ich komme in die Eingangshalle. Mit dem ICE
fahrt ihr rein bis Hauptbahnhof, dann mit der U-Bahn wieder raus.
Packt ihr den um 11 Uhr 38? Ich muß es wissen wegen der Flugtickets.
Das wird verdammt schwierig. Zur Not müssen wir in Egelsbach
eine Cessna chartern. Ruft so früh wie möglich an. Und
laßt im Hotel Belege ausstellen für's Finanzamt. Die
Telefonate und Getränke aus der Minibar müßt ihr
noch bezahlen, alles andere ist erledigt. Auch die Fahrkarten und
Taxiquittungen aufbewahren, alles abzugsfähig. Verpflegungsmehraufwand
machen wir pauschal geltend, dann rechnen die allerdings das Hotelfrühstück
heraus und ziehen den Betrag ab. Ein Aufwand ist das! Für sowas
legen sie Tabellen an. Die Haut müßte man ihnen abziehen.
Man kommt auf keinen grünen Zweig, aber den Großen blasen
sie Puder in die Falte. Die versteuern für umme auf 'ner Insel.
Wie die Queen übrigens. Große Piraten, kleine Piraten,
sagte meine Mama immer. Zum Glück haben wir den Vorschuß
des Auftraggebers. Ich muß auflegen, will schon mal in Schottland
vorfühlen. Mein Onkel wohnt dort. Ihr braucht Regenjacken und
Gummistiefel, Scheißwetter dort die ganze Zeit. Wir haben
keine, ich meine Zeit, zu verlieren, aber vielleicht kriegt ihr
am Bahnhof ein paar knusprige Seelen. Das Zeug ist dermaßen
lecker. Und nun los!"
Soviel zum
Verlauf dieser entscheidenden Lagebesprechung. Alles wurde bedacht,
nichts blieb dem Zufall überlassen. Wie soll man auch anders
nach Schottland kommen? Stellt Euch vor, der allmächtige Zufall
müßte Euch hinbringen. Ohne Lucie! Zum Lachen wäre
das.
Seelen für
die gute Seele, das läßt sich arrangieren. Die mit den
Waden besorgt eine Tüte und steckt fünf Stück hinein.
"Kleine Aufmerksamkeit des Hauses," sagt sie mit breitem
Grinsen, "ich wünsche den Herrschaften eine gute Reise."
Sie hat auch ein schönes Gesicht und eine wunderbare Haut,
wie man sie nur vom Sauerkraut bekommt. Man muß es roh genießen,
ich meine das Kraut. Wegen der Haut. Der schönen Braut. Ich
lobe sie laut - und diese Augen, Kinder! Kein Wunder, daß
die Leute glücklich sind.
Frankfurt hat
natürlich auch Vorzüge, sie springen nur nicht ins Gesicht.
Von Echterdingen aus kann man fast jede Woche nach London fliegen,
ab Frankfurt mehrmals die Stunde. Die Leute in Kelsterbach und Flörsheim
sind darüber zwar nicht amused, die Flieger aber immer
voll. Will man selbst mal in einem mit, ist er seit drei Wochen
ausgebucht. Scheinbar jedenfalls. Er kann halb leer fliegen, und
trotzdem ist er ausgebucht. Nicht weil die Merkel mitfliegt, nee,
das ist was Anderes - aber wartet mal, Kinder. Ich sehe gerade auf
meinem Plan, daß wir dieses Thema später behandeln. Es
war eine Fehlbuchung, kleines Mißverständnis zwischen
mir und meiner Muse. Die Merkel kommt später zu Wort. Wir halten
uns damit nicht auf, zumal es fast nichts gibt, womit Frankfurt
nicht fertig würde. Am Anfang gibt es nur Probleme, aber nach
einiger Zeit werden sie gelöst. Wenn es anders wäre, würden
die Frankfurter gar nicht aufstehen. Anstatt ihr Kriegsgerät
von hier in den Irak zu fliegen, hätten die Amerikaner besser
die irakischen Probleme hergebracht. Oder ihre eigenen. Der Bush-Mann
sucht Öl, sagt man in Frankfurt, Dick Cheney baut die
Pipeline.
Sie werden
an ihren Lügen ersticken, sagt eine Sprechblase im Westend,
wo früher die Botschaft war. Habt Ihr die neue gesehn hinterm
Friedhof? (Wenn man abbiegt, kommt man zum Dornbuschfunk.) Sie haben
den Tod vor Augen, sonst Zäune, Natodraht, Mauern, Wachen,
Schleusen, Gitter - Panzerglas und Kameras.
Ihr wißt
doch, was eine Verfassung ist? Dem Irak haben sie eine gegeben,
unter was für Umständen auch immer. Und das Volk hat darüber
abgestimmt. Im Völkerrecht sind diese Dinge geregelt, Kinder.
Deutschland ist seit sechzig Jahren besetzt, und das Besatzungsrecht
gilt noch immer. Wir haben nur das Grundgesetz, das aber keine Verfassung
ist. Steht auch drin, obwohl sie ständig alles ändern.
Sie drehen am Rad, und das Volk wird hintergangen. Nach dem Mauerfall
haben die Amerikaner, die laut Besatzungsrecht zuständig sind,
den Geltungsbereich des Grundgesetzes aufgehoben. Es gibt von Rechts
wegen keinen Ort mehr, wo es gilt! Wir tun nur so. Deutschland ist
im Grunde vogelfrei und jeder darf hier plündern. Habt Ihr
davon gehört? Die Zeitungen reden von Souveränität.
Deutschland wieder souverän, schrieben sie, als die Amerikaner
das Besatzungsrecht verlängerten. Im Osten wurde vor den Augen
der wachsamen Presse und mit viel krimineller Energie ein ganzer
Industriestaat kahlgefressen. Die DDR stand von der insustriellen
Leistung her an dreizehnter Stelle weltweit. Der Westen stand an
dritter Stelle, da dauert der Kahlfraß länger.
Etwa neun Millionen
Menschen suchen Arbeit. Eine große Zahl! Die Zeitungen vermitteln.
Man zählt nur solche, die den Ämtern namentlich bekannt
sind, knapp die Hälfte. Mit statistischen Rechentricks wird
diese Zahl ständig weiter verkleinert, und das Problem verschleiert.
Man spricht von Erfolgen auf dem Arbeitsmarkt, und neun Millionen
Menschen suchen Arbeit. Jetzt sollen wir die europäische Verfassung
bekommen, Kinder, und wieder nicht abstimmen. Es ist auch keine
Verfassung, sagen kluge Leute, sondern ein Ermächtigungsgesetz.
Mag sein. Es würde erklären, warum wir nicht abstimmen
sollen. Wart Ihr mal in der Paulskirche?
Geht hin, nehmt
unter keinen Umständen Geschichtsunterricht bei den Zeitungen!
Mit diesem Stoff kommen sie noch seltsamer rüber als bei Geburtstagen.
Und bei Viren. Zeitungsleser mögen kluge Köpfe sein in
Frankfurt, aber doch längst nicht klug genug.
Eine Nation
gibt sich eine Verfassung, um vor Amtsverbrechern und Fremdbestimmung
halbwegs Schutz zu haben. Aber auch vor Kasperltheater. Bei uns
werden Verfassungen im Kasperltheater vorgeführt. Wenn das
Volk darüber bestimmen will, gibt es mit der Klatsche. Habt
Ihr Euch mal vorgestellt, wir hätten in Berlin ein Kasperltheater?
Und nach vier Jahren rufen sie: Seid Ihr alle da? Zwar gilt
das Völkerrecht überall, aber nicht für uns. Wir
gehören zum falschen Stamm. Die gewählten Vertreter warten
auf Zufallsmutationen, während unser Land zu Grabe getragen
wird. Im Jahr 2009 endet das Besatzungsrecht über Deutschland.
Was wird dann geschehen? Ihr lacht vielleicht; ich befürchte,
daß die Auflösung Deutschlands beschlossene Sache ist.
Die Kasperle bereiten sich darauf vor. Wenn es soweit ist, werden
sie von Zufall reden. Lacht nur, lacht ihr nur! Die Zeitungen werden
Virenbefall vermuten. Der mutierte Stamm einer Art, für die
es keinen Impfstoff gibt. Was wird bleiben? Sprechblasen statt Geschichte.
Sprechblasen, hingesudelt von Kasperlfiguren. Denkt an Deutschland
in der Nacht.
Wir sind gleich
da. Ich kann natürlich nicht jedes Fach mit Euch durchgehen
- nehmt dort am Stand bitte die Nachmittags-Umschau mit -
und Bildung ist nicht das, was man nachgeworfen kriegt. Gütiger
Himmel, es ist ein ständiger Kampf! Ein strebend sich bemühen
- habt Ihr das? Die Spezialisten unserer Tage haben für Goethe
meistens nicht viel übrig. Bei mir isses genau umgekehrt -
aber zeigt mal her! Was steht denn da schon wieder? Gerichtsmedizin
bestätigt Virenverdacht - das steht in der Umschau?
Während des Studiums habe ich dort gearbeitet, und zwar als
Lokalreporter. Bei der Truppe also, die für Kindergeburtstage
in Frage kam. (Die
Kollegen nur vom Feinsten, Kinder, muß man wirklich sagen.
Und immer taddellose Kohle verdient. Am Wochenende mit dem Motorrad
von einer Veranstaltung zur nächsten gebrettert...) Laßt
mich sehen. Ich wette zwanzig zu eins, daß es Bla-Bla ist.
Wollen sie Johann an den Kragen? Ihr wißt, was eine Zeitungsente
ist? Vielleicht schlachten wir gleich eine. Will sie noch ein Ei
legen, sperren wir sie ein und warten solange. Schaut
mal, hier ist schon der Eingang zum Sheraton. Setzt Euch da in die
Sessel, Lucie wird ja auch bald hier sein. Mal sehen, was da steht.
Im Fall
der tot aufgefundenen Volksschauspielerin, die den makabren Reigen
ungewöhnlicher Todesfälle eröffnete, ist der Verdacht,
daß hochansteckende Viren die Todesursache waren, von prominenter
Seite bestätigt worden. Wie erst heute bekannt wurde, sind
auch am hiesigen gerichtsmedizinischen Institut, das in Fachkreisen
einen herausragenden Ruf genießt, Gewebeproben entnommen worden.
Das hat der Leiter des Instituts, Prof. Johann K, dieser Zeitung
gegenüber bestätigt. Bisher war angenommen worden, daß
die Erhebungen von Anfang an in Karlsruhe durchgeführt wurden.
Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft teilte weiter mit, daß
die fragliche Untersuchung den Virenverdacht erneut bestätigt
habe. Seit diesem Fund vor elf Tagen sind damit bereits acht Fälle
von Infektionen mit tödlichem Ausgang bekannt geworden. Bei
den Killerviren, die beim Küssen übertragen werden, handelt
es sich um die mutierte Version eines für den Menschen ursprünglich
nicht gefährlichen Stammes ...
Den Rest kennen
wir schon, das hat man uns eingehämmert: Mutation, Ansteckung,
Seuche, Impfen - das ganze Programm. Das ist die Botschaft, die
niederprasselt im Blätterwald. Gibt es dafür ein Entlaubungsmittel?
Einen Agent White oder dergleichen? Wenn Johann wirklich
etwas gefunden hätte, würde das sicher nicht auf einer
Pressekonferenz in Karlsruhe bekannt. Er würde es bekannt machen
durch einen wissenschaftlichen Bericht mit Bandenfotos und Bauplan.
Wir sollten ihn anrufen, um in Schottland Klarheit - aber da kommt
Lucie.
"Kinder,
Kinder! Ich sehe, Ihr habt die Nachricht erhalten. Habe soeben noch
mit Johann telefoniert. Das sind solche Anfänger! Die Buben,
die bei Johann waren, um die Wanne zu verplomben, hatten überhaupt
keinen Plan. Daß die Leiche nicht unversehrt war, ist ihnen
komplett entgangen. Es gab nicht mal ein Übergabeprotokoll.
Die haben den Kasten zugemacht und fertig. Ob in Karlsruhe überhaupt
Untersuchungen angestellt wurden, ist fraglich. Das Ergebnis
war ja vorab schon in der Presse, also beabsichtigt. Die Wanne wurde
aber von den Gerichtsmedizinern ordentlich geöffnet, und deren
Protokoll hält fest, daß der Körper bereits seziert
worden war. Es hatte nur überhaupt keine Folge, weil niemand
sich zunächst mit diesem Protokoll aufhielt. Der Typ aber,
der dort die Gerichtsmedizin leitet und eh die Welt nicht mehr versteht,
sorgte dafür, daß es bekannt wurde. Er hat es den Herrschaften
unter die Nase gerieben. Daraufhin wurde Karlsruhe bei Johann vorstellig.
Der machte deutlich, daß er sich exakt an die Vorgaben der
Staatsanwaltschaft gehalten und die bereits vor der Verplombung
entnommenen Proben nicht selbst untersucht, sondern auf Eis gelegt
habe. Wow! Er bot an, falls nötig, sofort einen Kurier mit
Proben nach Karlsruhe zu schicken. Das hielt man dort für eine
gute Idee. Johann schickte einen kompletten Satz, und als das vermeintliche
Ergebnis vor der Presse bekannt gegeben wurde, schnappte seine Falle
zu. Richtig ist allerdings, daß die Zeitung bei ihm anrief.
Er hielt sich bedeckt und bestätigte nur, daß die Proben
in seinem Institut entnommen worden sind. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft
hatte Formulierungen gewählt, die so gedeutet werden konnten,
als ob Johann selbst die Untersuchung durchgeführt hätte.
Das wiederum dürfte den Redakteur der Umschau verblüfft
haben. Denn daß Johann bei denen mit im Boot sitzt, konnte
er sich wohl überhaupt nicht vorstellen."
Lucie kramt
in ihrer Tasche, bis sie eine kleine Spraydose findet, aus der sie
irgendein Gas in ihrem Hals versenkt. Dann fährt sie fort.
"Er wird sich hüten, irgendetwas zu unternehmen, bevor
wir wissen, wo die Affäre aufgehängt ist. Das herauszufinden,
ist gerade eure Aufgabe. Unser Auftraggeber zeigt sich wegen der
Auslandspesen erkenntlich. Ich mußte Business Class
buchen wegen der knappen Zeit, dafür fliegen wir aber Lufthansa.
Ihr dürft sogar ins Cockpit, ich meine mal reinschaun, wenn
sie Flughöhe erreicht haben. Sie fliegen wohl bei dreizehntausend
Fuss. In Heathrow werdet ihr abgeholt - na? Von meinem Onkel! Meine
Mama ist dort zuhause. Leider spricht ihr Bruder kein Wort deutsch.
Bei Ostwind kann er ziemlich brummig sein, wie der alte Jarndyce
in Bleakhouse. Habt ihr das gelesen? Zur Zeit legt er sich
mit möglichst vielen Leuten an wegen Menschenrechtsverletzungen
britischer Soldaten im Irak. Er holt Euch direkt bei der Lufthansa
ab, und bis dahin könnt Ihr dort bleiben. Die haben Aufenthaltsräume
und alles. Es wird an nichts fehlen, wie ich die Truppe kenne. Notiert
Euch die Namen - sie tragen alle solche Schildchen - wir sorgen
später dafür, daß es in die Personalpapiere kommt."
Gute Glegenheit,
Lucie die Seelen aus dem Krautwickel zu geben. "Ach herrlich,
das sind die richtigen. Ich habe seit dem Frühstück nichts
gegessen. Auf euch warten an Bord leckere Sachen, danach ist Onkel
William zuständig. Ich bin so froh! Von hier aus könnte
ich das gar nicht organisieren. Und wir kommen ganz ohne die Kollegen
aus der Londoner Detektei aus. Was die gekostet hätten! Der
Auftraggeber akzeptiert eine Pauschale, die sich an branchenüblichen
Tarifen orientiert, ihr versteht. Onkel William akzeptiert weder
Branche noch Tarif. Meine Mama wird ihm gelegentlich einen Krautwickel
machen. Natürlich rechnet er die Auslagen mit uns ab. Seht
zu, daß er die Belege nicht verschlampert, gütiger Himmel,
die haben wenigstens noch eine Währung. Euro und Währung,
Kinder, das sind unüberbrückbare Gegensätze. Ihr
wißt ja, daß ich in der Kreditanstalt gelernt habe.
Ich kenne Olaf H., Roland U. und die ganzen Burschen aus der alten
Garde!"
Wieder nimmt
sie die Dose mit dem Spray. "Die Klimaanlagen machen mir zu
schaffen. Macht ihr euch auf eine lange Rumpelfahrt mit dem Zug
gefaßt. Und auf Scheißwetter. Hier sind Regenjacken,
die Gummistiefel könnt ihr gleich anziehen. Onkel William bringt
euch bis ans Werkstor, dort werdet ihr erkannt und angesprochen.
Weiß selbst nicht genau, von wem. Möglicherweise eine
Agentin. Mein Gegenüber konnte da, wo er sich befand, nicht
offen sprechen. Nennen wir sie einfach Hermine. Sie wird euch mit
Informanten zusammenbringen; oder ins Werk begleiten; oder helfen,
Beweise zu sichern, alles, was notwendig ist. Für Hermine legt
mein Gegenüber seine Hand ins Feuer. Onkel William hält
mit mir Kontakt und bereitet den Rückzug vor. Hier sind die
ganzen Papiere, ich begleite euch rüber zur Abflughalle."
Bleakhouse
ist ein Roman, ein Meisterwerk von Charles Dickens. Wenn man den
gelesen hat, versteht man erst zwei Sprechblasen, die jemand in
Bockenheim am Juridikum an die Wand gesudelt hat. Dort also, wo
Juristen ausgebildet werden. In der einen steht: Hundert Advokaten
auf dem Meeresgrund: Was hat es zu bedeuten? In der andern:
Es ist nichts als ein kleiner Anfang. Den kann man nicht
überall erzählen, schon klar, wahrscheinlich gibt es in
Frankfurt nur eine Kanzlei, in der dieser Spruch als Wandschmuck
hängt, meine eigene nämlich. Jedenfalls verzieht sich
John Jarndyce, genannt der Vormund, bei Ostwind in ein spezielles
Brummstübchen, um die Christenheit nicht mit seinen Launen
zu nerven. Stellt Euch vor, die ewig übellaunigen Lehrer würden
das machen. Es gäbe nur noch schulfrei! Wenn ich eine Zeitung
aufschlage, herrscht bei mir schon Ostwind Stärke zehn.
Auf dem Flugfeld
herrscht aber Westwind, die Flieger landen nach Westen. Die brauchen
Gegenwind, während Lucie immer Rückenwind hat. In der
Abflughalle steuert sie, an der Schlange vorbei, direkt zu einem
bestimmten Schalter. Sie öffnet die Absperrkordel und begrüßt
eine junge Frau, die am Bildschirm sitzt, mit Wangenküssen.
Die beiden reden ein wenig, es wird telefoniert.
Ganz hinten
in der Schlange vor dem Schalter steht ein Liebespaar, das zum Abschied
selbstvergessen knutscht. Sie darf mit in den Flieger, er
bleibt da. Wie es aussieht, halten sie nicht viel vom Bla-Bla der
Zeitungen. Kann man das auf Dauer dulden? Untergräbt es die
öffentliche Ordnung? Gefährdet es die Christenheit?
Schätze,
bald treiben sie eine andere Sau durch's Dorf! Wenn sie impfen wollen,
suchen sie Viren. Wenn sie Krieg wollen, suchen sie einen Anlaß.
Manchmal muß man selber liefern. Auf die Absicht kommt es
an!
Lucie kommt
zurück mit einer Kollegin der Frau am Schalter, wünscht
viel Erfolg und verabschiedet sich. Durch Hallen und lange Gänge,
vorbei an der Sicherheitsschleuse, wo man über Eure Gummistiefel
scherzt - da paßt jeweils eine Kilobombe rein - werdet
Ihr zu einem Aufenthaltsraum gebracht, der einen guten Ausblick
auf das Vorfeld gewährt.
|