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Die
Lügentaufe
1
Im Traume sah ich einen Mann
Der hatte Hilfe feil,
Und manchen, der nicht
kaufen kam,
Erschlug er mit dem Beil.
2
Als Kaufreiz, sprach er, ist's gemeint
Und dient
dem guten Zweck;
Der Vorteil
bleibt, doch schnell verfliegt
Wie Tau der
erste Schreck.
3
Den Zufallsgott als Schöpferkraft
Beschwor er
dabei steif,
Für beßre
Auskunft sei zumal
Das Publikum
nicht reif.
4
Die Predigt kannst du sparen, Mann,
Erwiderte
ich laut,
Mir scheint
nur jene Auskunft reif
Die nicht
auf Zufall baut.
5
Denn festes Wissen laß ich gehn,
Soweit ich's prüfen
kann,
Doch Wechsel
auf den Reifegrad
Die laß
ich platzen dann.
6
Gereift zwar wirkt dein Einsatzplan,
Von Reiz als
Beutezug.
Den Vorteil
mag man zugestehn,
Doch niemals
den Betrug.
7 Als
Warnung war das Wort gemeint.
Ich schlug
mit einer Stange
Das Hackebeil
aus seiner Faust
Und auf die
Hand noch lange.
8
Denn darauf kam's mir freilich an,
Daß niemals mehr
ergreift
Den Burschen dieser Helferdrang,
Auf den er sich versteift.
9
Durch Zufall traf ich auch die Stirn,
Jedoch, ein Loch entstand,
Aus dem tatsächlich
etwas rann
Wie feiner weißer
Sand.
10
Ein sonderfall der Schöpfung, hey,
Den hätte ich gekauft!
Doch plötzlich sah
man Menschen dort,
Als würden sie getauft.
11 Zum
Stempel war mutiert das Beil,
Als Taufspruch stand
geprägt:
Ich darf mir helfen lassen,
falls
Mein Glaube soweit trägt.
12
Die Stempeltaufe nahmen sie
Und krochen aus dem Sand,
Und der sie gab und nahm
den Preis,
Dem faulte eine Hand.
13
Die Hilfe galt als große Gunst,
Als wären alle krank
Und ausgeliefert jener
Hand,
Die faulig roch und stank.
14 Mein
hochverehrtes Publikum,
Jetzt machen wir den
Test,
So sprach er und verhielt
sich ganz,
Als hätten sie die
Pest.
15
Aus zwei Karaffen gab er dann,
Obzwar nur gegen bar,
Placebo hier und Hilfe
dort,
Und teilte so die Schar.
16
Doch was genau er jeweils gab,
Das wußte fast
nur er
Und ich! Denn mit der
Stange schlich
Ich immer hinterher.
17
Die faule Hand gab Hilfe stets,
Die andere Versatz,
Es fehlte nur ein Merksystem,
Denn dafür war kein
Platz.
18 Dem
Alten war es piepegal;
Da packte mich der Zorn.
Die Stange traf den Stempelfleck
Des Nächsten schräg
von vorn.
19
Da tat als Rohr sie sich hervor! 1
Und Tinte kam zum Fließen;
Ein Merkmal konnt ich
an die Stirn
Der Hilfsempfänger
schießen.
20
Placebos blieben ohne Mal.
Sie taten einem Leid;
Mir war, als hätten
sie vóm Amt
Den letzten Mahnbescheid.
21
Doch jener mit der schwarzen Faust
Bestieg nun einen Thron
Und sprach vor großem
Publikum
Von eines Fürsten
Lohn.
22
Es sei genug für alle da,
Er brauche ein Mandat,
Denn daß beim Test
die Hälfte starb,
Erwies sich in der Tat.
23 Zu
kaufen war aus schwarzer Hand
Ein Druckwerk zum Beweis,
In dem verfielfacht stand
die Zahl
Der Toten schwarz auf
weiß.
24 Von
Taufzwang ging die Rede jetzt
Der wirke sehr zum Heil,
Und vor Gericht ein Urteil
ward
Erwirkt in aller Eil.
25 Der
Richter, ganz in Schwarz gehüllt,
War selbst im Taufgeschäft,
Doch nur ein Hund, weil's
faulig roch
Hat müd ihn angekläfft.
26 Und
wie er nach dem Tiere trat
Und gab ihm eins auf's
Fell,
Da fiel ein Exemplar
des Drucks
Hinab - ich nahm es schnell.
27 Im
Titelbild mit schöner Haut
Erklärte eine Dirn,
Die Toten hätten
allesamt
Ein Merkmal an der Stirn.
28 Die
Zeichen sind aus meinem Rohr!
Ich kenne sie genau,
Als Hilfsempfänger
machen sie
Erkennbar Mann und Frau.
29 Der
Alte dreht die Fakten um
Und treibt ein böses
Spiel
Die Hilfe ist der
bleiche Tod,
Der schrille Bluff das
Ziel.
30
Das Blatt wird teuflisch gut gereizt;
Im Tode sogar wirbt
Für den man, der
die Hilfe hat,
An der man aber stirbt.
31
Placebos, heißt es, nahm er ein,
Oh hätt er
Hilfe doch
Wie jene Andern
bloß geschluckt,
Bei Gott, er lebte
noch!
32
Wer Luschen in dem Poker zieht,
Und weiter sonst nichts
nimmt,
Er wird verhöhnt
noch: Schau es hilft
Sofern der Einsatz stimmt.
33
Ich schrie und tobte, fand das Beil
Und hätte ihn erlegt
Doch etwas hielt mich
immer auf
Und bremste unentwegt.
34
Ein sanftes Klingen war's und kam,
Na weißt schon,
wie im Traum,
Von oben, so von außen
her,
Aus einem andern Raum.
35
Durch starke Willensregung wohl
Und kräftigen Entschluß
Gelangte ich hinein und
hielt -
Die Dirn umarmt zum Kuß!
36
Schon machte sie die Träger auf
Und löste mir das
Band,
Als von der Kanzel sprach
der Mann,
Dem faulte eine Hand.
37 Die
Kranken stecken alles an
Mit stetem Gattungsdrang,
So sprach er streng und
forderte
Behandlung unter Zwang.
38
Die Predigt kannst du sparen, Alter,
Bis hierher ist's genug!
Ich griff zum Beil
und schlug ihm ab
Den Wirklichkeitsbezug.
39 Denn
der war außen draufmontiert
Als Schnorchel, so mit
Schnur,
Und zeigte ihn als Sonderfall,
Als Monstrum der Natur.
40
Die Kanzel schlug ich kurz und klein,
Da floh er zum Altar
Und drohte schwere Folgen
an:
Mein Kind sei in Gefahr.
41
Als brächt ich selber mit dem Beil
Dem Kinde Böses bei,
So gab er vor und glaubte
wohl,
Er käme dadurch frei.
42
Die Wirkung beim Gemeinderat
War anders als erhofft.
Der hatte den Altar umkreist,
So einig, wie nicht oft.
43
Der Alte zeigte auf den Druck
Mit faulig schwarzer
Hand,
Es sei konkrete Wirklichkeit,
Millionenfaches Pfand.
44
Er könne, wenn er wolle selbst,
Man müsse das verstehn,
Gedruckte Fakten redlich
nicht
Nach Lust und Laune drehn.
45
Die Glocken schlugen im Gebälk,
Der Rat schlug seinen
Kreis,
Es war, als würge
eine Boa
Die fest umschlungne
Geiß.
46
Sie zappelt mit den Beinchen zwar
Und zuckt noch mit dem
Leib,
Doch wird das Atmen ihr
verwehrt
Weit schneller, als ich
schreib.
47
Ein letztes Röcheln aus dem Hals,
Dann bricht das Köpfchen
ein,
Die Spannung weicht und
das Gewicht
Macht geltend sich allein.
48 Die
Traumspirale der Gewalt,
Als wär's ein neuer
Sport,
Schritt rhythmisch zwar,
doch andersrum,
Nach innen drehend fort.
49
Nach Schmähung brüllt ein Teil der Kraft,
So drang herab der
Chor,
Die Böses will und
Gutes schafft,
Der Täuschung sich
verschwor.
50
Und zwanzig weiße Hände rasch
Vollzogen das Gericht,
Und spürten
einen kleinen Ruck:
Den Rückfall ins
Gewicht.
51
Ein Klirren, aber nicht für's Ohr,
Wie Kälte auf der
Haut,
Wie Fäulnisstarre
war sein Tod,
Als Kälte aber laut.
52
Die Blase dieses irren Sinns
Erhob sich vom Altar
Und platzte, als mit
grellem Schrei
Ein Wesen sie gebar.
53
Die Glocken unterm Kirchendach
Sie schlugen, aber still;
Das Wesen nur, als Zetergeist,
Klang zornig dort und
schrill.
54
Das Zetern dann als Hintergrund,
Wie Rauschen durch den
Raum,
Es kam, mit Flüchen
gut durchsetzt,
Herab als fauler Schaum.
55
Am Abschaum wurde offenbar
Das Wesen der Gestalt.
Ich faßte dieses
Zeichen auf
Als höhere Gewalt.
56
Doch unten jäh ein Überfall
Durch Truppen mit Gerät!
Strategisch war der Ort
besetzt
Und alles schien
zu spät.
57
Sie stellten magisch jede Uhr
Auf volle Stunde um
Und bogen, wo es sonst
nicht half,
Brutal die Zeiger krumm.
58
Sie glauben an das Riechorgan
Und folgten ihrem Drang,
Verströmten eine
scharfe Duft-
Markierung auf den Gang.
59 Das
neueste vom Zeitgeschehn -
Der Sprecher schien zu
droh'n,
Doch zwanghaft blickten
alle hin,
Als bräuchten sie
den Hohn.
60 Der
Sachverstand der Eltern wirkt
Geringer, als es schien;
Man muß den Taufverweigerern
Das Sorgerecht entziehn.
61 Ich
hielt an meiner Stange fest,
Schlug immer zwei zugleich,
Die ganze Sendeanstalt
war
Mein Kompetenzbereich.
62 Die
Technik freilich blieb verschont,
Es klingt zunächst
brutal,
Doch wollt ich selbst
auf Sendung gehn -
Ich hatte keine Wahl.
63
Wir zeigten einen Mann der Tat,
Der machte Drucke grau
Und baute sich aus Pappmaché
Der Form nach eine Frau.
64
Er zog ihr bunte Kleider an,
Dann schminkte
er das Ding,
Flocht Blumen in das
graue Haar,
Und gab ihr einen
Ring.
65 Ein
gleicher war an seiner Hand,
Mehr schwarz als grau
gemalt,
Wir zeigten, daß
er ihre küßte,
Als hätt sie ihn
bezahlt.
66 Er
ging auf's Knie und flehte dort
Um eben diese Hand,
Und stöhnte, als
verbinde sie
Ein zärtlich-süßes
Band.
67
Doch langsam wie von oben her,
Man hörte es noch
kaum,
Von außen und wie
Stimmen klang's
Am Fluchtweg aus dem
Traum.
68
Auf Reize und auf Wirkung hat
Die Braut er frisch
getauft,
Den Wahnsinn für
die Wirklichkeit
Zum schlechten Kurs gekauft.
69 Sein
Liebchen reizt aus grauem Papp,
So weiter unser Chor,
Und nach der Taufe wirkt
sie fast
So spröde wie zuvor.
70 Gelächter!
Nur beim Taufpaar Streß,
Man sah, wie er sie nahm.
Er herzte und er küßte
sie
Und rieb sich an der
Scham.
71
Wir filmten, und sie Sendung lief
Auf jedem Traumkanal,
Das Lachen wurde stark
und bald
Dem Zetergeist zur Qual.
72
Der schäumte oben im Gebälk
Und wütete und schrie,
Dem Platzen nahe, voller
Haß,
Und seltsam: Wie'n Stück
Vieh!
73 Und
unten unser Mann am Hobeln
Auf seiner süßen
Braut,
Im ganzen Kirchenschiff
Gelächter,
Die Glocken wieder laut.
74
Aus diesem sphärischen Gewitter
Fiel Regen auf das
Paar,
Die holde Braut aus Pappmaché
War ernstlich in Gefahr.
75
In graue Pampe löste sich,
In Schmiere auf die Form;
Der Bräutigam, im
Rhythmus zwar,
Doch schwimmend sehr
abnorm.
76
Er suchte seinen Höhepunkt
Und sank in grauen Schleim.
Wir zeigten ihn mit geilem
Blick
Und spotteten im Reim:
77
Die
süße Braut zergeht vor Glück,
Ihr Liebster glänzt
vor Stolz,
Der Hobel macht die Planken
plan
Und ebnet rauhes Holz.
78
Der Spruch bewirkte Heiterkeit,
Nur einer wirkte platt:
Der Zetergeist verwünschte
still
Den Umkreis und die Stadt.
79
Er schien am Höhepunkt des Zorns
Und dennoch wie entthront;
Er gab den Erdenumkreis
auf
Und nahm den Weg zum
Mond.
80
Und oben, wie von außen her,
Erklang nun dieser Chor,
Als würde man geträumt
von dort,
So kam es einem vor.
81
Ob schlafend oder wach soweit,
Man wird von dort geträumt
Und wähnt sich in
der Wirklichkeit,
Mit faulem Brack beschäumt
-
82
Mir war, als wär ich aufgewacht
Und hing in einem Baum,
Und wirklich lag auf
meiner Haut
Der widerliche Schaum!
83
Ich war genötigt, anzusehn,
Wie jetzt der fromme
Chor
Den alten Sermon rückwärts
las,
Und neue Lügen vor.
84
Ein Sende-Anschlag war's, beim Henker,
Sie hatten mich gekriegt
Und logen, daß
im schwarzen Schaum
Der Grund des Übels
liegt.
85
Ich hatte meine Stange nicht
Und fand auch kein Verschnauf,
Ich hing in diesem Baume
fest -
Und wachte dabei auf.
86 Die Decke drückte mich am Hals,
Der Morgen glänzte
hell,
Doch anders, als bei
Träumen sonst,
Vergaß ich nicht
so schnell -
Vergaß ich
nicht so schnell.
Im Juni 2006
© Thomas Bokelmann
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