Der AIDS-Tag als Werbezopf und Medienspektakel

 

  1    Vor 20 Jahren zog man aus,
        Den bösen Hiff zu fangen,
        Nach allem aber, was man hört,
        Ist's anders ausgegangen.

  2    Der Hiff wird schlimmer jeden Tag,
         Die Seuche, weißt schon wie,
         Sie wütet, ach, nach jedem Jahr
         So arg wie vorher nie.

  3    Die Herrn des Westens, mit Verlaub,
         Sie könnten ruhig sein
         Die farbige Bevölkerung
         Stellt bald ihr Wachsen ein.

  4    Statt Pillen bräuchte man Geduld,
         Und Särge bis dahin,
         In Anbetracht der Erdenlast -
         Es wär in ihrem Sinn!

  5    Doch diese Herren schlugen barsch
         Die Vorteilsnahme aus!
         Sie kämpfen selbstlos, wütend fast
         Um jede graue Maus.

  6    Und Undank ist der Welten Lohn.
         Die Masche läuft nur schlecht,
         Sie müssen viel Reklame machen,
         Und dann verfängt sie schlecht.

  7     Und böse Zweifler setzten schon
         Den Fuß in ihre Tür,
         Zum Glück besteht ein dichtes Netz
         Und Paten stehn dafür.

  8    Nun sitzen sie dem Ausschuß vor.
        Dort beugt man fromm das Haupt
        Und betet, daß der schlaue Hiff
        Das Leben keinem raubt.

  9    Beim Amen fließt der Segen stets
        Als warmer Dollarstrom,
        Hernieder, und der Frömmler saugt
        Ihn auf als Ökonom. .

 10   Der Frömmler liebt den Dollarcash!      1
        Er macht ihn nur noch frommer:
        Obwohl der Impfstoff nie erschien,
        Erhofft er's jeden Sommer.

 11  So reichlich fließt der Segen dann,
        So gnädig, ohne Maß!
        Gefunden hat man trotzdem nichts -
        Das Forschen ist kein Spaß!

 12   Man nahm den Weg der Werbezöpfe,
        Auf dem sich alles findet,
        Was abgedreht und schrill und fromm
        Zur Botschaft sich verbindet.

 13   Denn wenn du ein Ergebnis brauchst,
        Und dann auch wieder nicht,
        Dann drehst du einen Werbezopf
        Und gehst ins Rampenlicht.

 14   Was Forschung nicht mehr leisten kann
        Der Zopf erbringt es leicht;
        Man darf sich das Ergebnis wünschen -
        Solang der Zaster reicht.

 15   Die dicksten Zöpfe dieser Tage,
        Hier werden sie gedreht,
        Ein Chor von frommen Agenturen
        Um Schleim und Segen fleht.

 16  Wer bindet an sich die Etats?
        Wer leert die prallen Töpfe?
        Wer fährt die große Ernte ein?
        Der bunte Markt der Zöpfe.

 17   Nun schaut hinaus: Das Flaggschiff dort,
        Vor Jahr in See gestochen,
        Es bringt als Fang nach all der Zeit
        Den AIDS-Tag wie besprochen.

 18  Die vielen Tonnen bittrer Salzflut,
        Am Bug des Schiffs verdrängt,
        Sie werden süß, sofern der Zopf
        Beim Publikum verfängt.

 19  Und das ist sicher: Schnee wird schwarz
        Und Druckerschwärze rein!
        Wo diese reiche Kunst erblüht,
        Wird schier aus Wasser Wein.

 20  Der Botschaft dort entkommst du nicht,
        Sie holt dich immer ein.
        Denn Fallen stellt man, Trichtern gleich
        Da gießt man sie hinein.

 21  Wer flimmert abends über'n Schirm?
        Der Hiff mit bester Quote.
        Wer füllt am Morgen Zeitungsspalten?
        Nun er! Als Todesbote.

 22  Der sonst doch nie zu sehen war,
        Hier hat er ein Gesicht,
        Obwohl er nie zu messen war -
        Hier ist er von Gewicht!

 23  Denn vorn im Titel ist der Hiff
        Wie abgefilmt zu sehn,
        In Echtzeit seine Morde sonst,
        Wie Schmuddelsoap um zehn.

 24  Wenn Baal den Himmel runterzieht,  2
        Der Hiff bringt seinen rauf:
        Er hat ja seinen eignen Tag
        In jedem Jahreslauf!

 25  Am AIDS-Tag, Kinder, sapperlott
        Da zeigt es sich fürwahr,
        Daß zwanzig jahrlang nicht umsonst
        Beschwört wird die Gefahr.

 26  Und jeder Sender dudelt mit
        Und ändert sein Programm,
        Selbst wenn er im Verteiler fehlt
        Er bläst es auf dem Kamm!

 27   Und jede Redaktion erbricht
        Den vorgekauten Text,
        Mit dem die Lügennase dort
        Und hier der Ekel wächst.

 28  Der Dröhn-Kanal, das Nepp-Programm
        Der weite Blätterwald,
        Ein großes, frommes Einheitsrauschen:
        Das Ende kommt nun bald.

 29  Die Rettungsparty steigt, man kreischt
        Oh bleibt nicht länger kalt!
        Man spricht es voller Anteil, klar,
        Auch Vorteil und Gehalt.

 30  Gesandte sah ich, Prominenz,
        Man lernt sogar dazu,
        Den stillen Charme der Patenschaft -
        Und drückt die Augen zu.

 31   Man lacht sich vornehm in die Faust
         Und kriegt dafür bezahlt,
         Wenn an die Wand man, fett umrahmt
         Den Teufel hat gemalt.

 32  Der Teufel ist ein Schnellgericht;
        Zwar wird es nicht verdaut,
        Doch stopft es die Kanäle voll,
        Obwohl gut vorgekaut.

 33  Der Sermon kommt mit süßem Schmelz,
        Oh, glaube es, wer mag.
        Die Phrase wird gedroschen fast
        Den lieben, langen Tag.

 34  Doch hoppla, Kinder! Was war das?
        Wer hat es auch gehört?
        Daß heuer nun zum ersten Mal
        Die Messe wird gestört?

 35  Nicht gut verbürgt ist mein Bericht,
        Gefordert daher Du,
        Und kommt von Dir nun kein Protest,
        Dann trugs wie folgt sich zu.

 36  Den Anfang machten freche Fragen -
        Die hat man sonst vermißt!
        Und grobe Fakten folgten, weil
        Die Menge gleich vergißt.  3

 37  Wieviele Menschen werden krank,
        So frug man ohne Scham,
        Seitdem ein Zweig der Industrie
        Die Heilkunst übernahm?

 38  Ward je Gesundheit uns zuteil
        Aus Mitteln der Chemie?
        Wieviele trauen solchem Zeug,
        Genesen aber nie?

 39  Vertrauen ganz auf dieses Zeug
        Und werden davon krank?
        Und kriegen mehr verordnet noch
        Und schlucken's wie zum Dank?

 40  Und richtet mehr nicht die Arznei
        Als Umweltgifte an?
        Weit mehr, als was man in die Nahrung,
        Ins Wasser hat getan?

 41  Du meinst, es sei dasselbe Zeug?
        Schon wahr, und doch – wer weiß?
        Das eine streut mehr nebenbei,
        Dem andern gilt der Fleiß.

 42  Der eine baut Kartoffeln an,
        Der andre kriegt die Rente;
        Weit besser scheint das Wechselziehn
        Auf Krankheit durch Patente!

 43  Das Siechtum wird zur Industrie -
        Der Branchen keine schlechte!
        Betrieb sowohl wie Produktion -
        Man hat die beiden Rechte.

 44  Man bringt hervor, behandelt dann,
        Hat beides patentiert,
        Und würgt die echte Heilkunst ab,
        Sofern sie nicht pariert.

 45  Und davon hängt Gesundheit ab?
        Die Kur soll etwas taugen?
        Du mußt verrückt sein, Michelmann,
        Ein Jota nur zu glauben!

 46  Und schuldig, nicht wahr, sind Bazillen,
        Das hört sich besser an,
        Ein weites Feld für Wechselfälscher,
        Zugleich ein schlauer Plan.

 47  Den Hiff, den bösen, weißt schon wie,
        Den wollten sie doch fangen?
        Seit zwanzig Jahren jedesmal
        Ist leider er entgangen?

 48  Als Bock und Gärtner fromm vereint
        Ergab sich dort ein Paar,
        Das legitim den Hiff als Kind -
        Als Windei bloß gebar.

 49  Nur Durchfall immer niederkam,
        Bazillenschleimbenetzt;
        Ein Gleichnis, Kinder, wie die Wirkung
        Zugleich die Ursach' setzt!

 50  Die Pampe wurde lang umsonst
        Bebrütet und verrührt,
        Zu neuen Rührlaboren hat
        Der Aufwand nur geführt.

 51  Wir haben keinen Schwur getan,     4
        Und haben nichts versprochen,
        In Wort und Schrift vernehmt, was wir
        Gesehen, was gerochen!

 52  Die Unflat kam mit starkem Druck
        Und wirkt bis heute fort,
        Ergiebig, zäh, im breitem Strahl -
        Beim Abtritt, im Abort.

 53  Oh, öffnet weit den Jauchepfuhl,
        Darinnen sollen baden,
        Die Frömmler, Paten, Staatskonsuln,
        Die mitgeboren haben.

 54  Man kannte Mittel, gut erprobt,
        Sie galten als Arznei,
        Und wer sie nahm, der wurde schnell
        Von Abwehrkraft so frei !

 55  Er quälte elend sich zu Tode,
        Denn ohne diesen Schutz
        Geheihen Pilze in der Wand,
        Und drücken ab den Putz.

 56  Was Dir und mir kaum schaden kann,
        Läuft dort auf Tod hinaus;
        Was sonst der Abwehr schnell erliegt,
        Löscht dort das Leben aus.

 57  Der Wirkstoff kam bald dutzendweis
        Verschieden nur um Noten,
        Doch stets mit neuen Namen vor -
        Und wurde stets verboten.

 58  Und niemand hätte sie gebraucht!
        Doch praktisch warn sie schon;
        Die Wirkung still und sicher, ach -
        Verzeiht mir diesen Hohn!

 59  Ne andere Not zu gleicher Zeit
        Betraf die Industrie,
        Dort lief ne Förderquelle aus,
        So groß wie vorher nie.

 60 Als frisches Geld nicht kam sogleich -
       Labore sollten schließen! -
       Erhob sich ein gemischter Chor:
       
Sie müssen wieder fließen!

 61 Die Glocken schlugen, Fluch erklang
       Es flossen heiße Tränen;
       Die Dollars flossen balde nach -
       Aus dicken Steuersträhnen.

 62  Betroffen war der ganze Zweig,
        Der vorher immer rührte,
        Der Viren suchte und nicht fand,
        Und Scheingefechte führte.

 63  Die Rührer standen alle still!
        Doch läßt sich nicht bestreiten
        Daß Paten bald die teuren Räder
        Vom Leerlauf kühn befreiten.

 64  Wir bräuchten eine Seuche, Jungs,
        So sagte man im Scherz,
        Doch als das Geld ins Stocken kam,
        Da nahm man sich ein Herz.

 65  Nun sind zwar Seuchen auch nicht das,
        Was früher sie mal warn,
        Sie werden allesamt beherrscht -
        Das können wir uns sparn.

 66  Es hält nicht vor, noch lastet's aus,
        Es ist ein schlechter Deal!
        Der Weise baut dem Zufall vor
        Und macht den Weg zum Ziel.

 67  Wo immer nichts zu finden ist,
        Macht Suchen doppelt Sinn;
        Man muß nur richtig motiviern,
        Was zählt, ist der Gewinn!

 68  Wir brauchen keine Seuche, Jungs,
        So sagten sie gedämpft,
        Man müßte immerhin so tun,
        Als ob man sie bekämpft!

 69  Tags drauf erhob sich ein Geschrei,
        Die Medien posaunten,
        Es drohe schiere Pandemie -
        Und Wissenschaftler staunten.

 70  Man sprach in ihrem Namen dort!
        Wen wollte man bestrafen?
        Die ganze Menschheit sei bedroht -
        Wer hätte so geschlafen?

 71   Ein Virus, Leute, frisch entdeckt,
        Der Abwehrkräfte stört!
        Von zwanzig Todesfällen hat
        Man insgesamt gehört.

 72   Nicht viele zwar, bei Pandemie
        Doch Zahlen kann man heben;
        Die Mittel dazu waren da,
        Man mußte sie nur geben!

 73   Man mußte ja die Kundschaft nur
        Mit Stoffen dann behandeln,
        Die still und sicher Abwehrkraft
        In Abwehrschwäche wandeln!

 74   Als Seuche müßte es erscheinen!
        Geschichte ist
– ach wie?
        Sie hätten's bisher nicht gebracht,
        Am AIDS-Tag sicher nie?

 75   Die faulen in den Tag hinein!
        Oh würden sie von Akten
        Erschlagen werden, oder sonst
        Ersticken an den Fakten!

 76  Denn wirklich wurde bald danach
        Der Freibrief neu erteilt
        Für jenen Stoff, der still und sicher
        Von Abwehrkraft uns heilt.

 77  Zwar war der Widerstand im Amt
       So sagt man, ziemlich groß;
       Doch größer war die Kraft des Segens
       Der tief hernieder floß.

 78  Der Name neu, der Wirkstoff alt -
        Der Ablauf war bekannt,
        Nach 20 Jahren wird noch stets
        Derselbe Stoff verwandt!

 79   Denn ohne Ende forsch man hier
        Und plündert unverdrossen,
        Die Dollars waren neu, doch alt
        Das Faß, in das sie flossen.

 80  Wann hören die Idioten auf
        Im Jauchepfuhl zu tauchen?
        Nachdem sie, abgesoffen fast
        Die Ehrenrettung brauchen?

 81  Man schrie nur laut: Oh, fangt den Hiff!
        Und wußte zu vermeiden,
        Daß wir begriffen Chemo meist
        Als Basis jener Leiden.

 82  Wenn das kein Stoff ist zum Skandal,
        Dann macht den Laden dicht,
        Zu denen packt Euch, die der Herr
        Am jüngsten Tag erbricht.    5

 83  Nur wer den Fall als Zopf begreift,
        Der lernt hier was dazu,
        Und wer den Medien hörig ist,
        Der schlafe in guter Ruh.

 84  In einer Richtung, das bleibt wahr,
        Wird immer stramm geschwiegen,
        Papier ansonsten so bedruckt,
        Daß Balken sich verbiegen.

 85  Ob je verjährt der Zeitverlust
        Durch Narr'n vor großen Kassen,
        Die überziehn das Mäntelchen
        Des Fortschritts, den sie hassen?
        Der Fortschritts, den sie hassen!

Am 1. Dezember 2005
© Thomas Bokelmann