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Über die Jahre hinweg zeigte sich, daß
doch relativ selten Filme gespielt werden, die ich mir bis zum Schluß
ansehe. Die Zeit ist mir zu schade für mittelmäßige
Sachen. Häufig gerate ich, schlecht beraten, in Aufführungen
angepriesener Streifen, die bei mir zum Genre der Gewaltpornos gehören,
und nach wenigen Minuten bin ich wieder im Freien. Oder sie gehören
zum Genre Schnulze gemäß persönlicher Definition,
obwohl sie, möglicherweise zurecht, woanders als Kultfilm gehandelt
werden. Selbst Frieda Grafe, deren Notizen ich bei alten Filmen
konsultiere, enttäuscht mitunter bzw. macht mich mißtrauisch,
da sie offenbar nie einen Film vorzeitig (rechtzeitig!) verließ.
So verpasse ich andererseits, wie sich irgendwann zeigt, sehenswerte
Filme, weil ich vorher etwas darüber gelesen habe, was mich
zurückhält, gleichgültig, ob es sich um positive
oder negative Kritiken handelt.
Auf den neuen Streifen von Wim Wenders hätte
ich mich sicher nicht eingelassen, wenn mir der
Bericht in dieser
Zeitschrift,
der ja positiv ausfällt, vorher in die Hände gefallen
wäre! Da hatte ich ihn aber bereits dreimal gesehen und erwogen,
selbst ein paar Zeilen darüber an das eine oder andere Blatt
zu schicken.
Im Deutschlandfunk
war die Rede von einem mißratenen
Thriller und vom Flop des Jahres.
Im Jahresrückblick dieses Senders dagegen wurde ein Streifen
als das Filmereignis des Jahres gefeiert, der bei mir Übelkeit
erregte, als ich, wartend auf einen anderen, den ich nach wenigen
Minuten verließ, nur die Vorankündigung sah. Da zählen
offenbar nur die Verkaufszahlen.
Auch Filme von Wim Wenders habe ich vorzeitig verlassen aus Gründen
des Zeitmanagements, obwohl mir sein schwächster noch lieber
ist als hundert hochgelobte amerikanische Gewaltpornos gemäß
persönlicher Definition.
Der mißratene Thriller dagegen
ist in meinen Augen ein wunderbar poetischer, vielschichtiger Film,
der in jeder Schule laufen müßte und in jeder Stadt an
jedem Tag des Jahres. (Während der ganzen Zeit würden
wir den Deutschlandfunk komplett abschalten!)
Vielleicht bewegen auch Gewaltpornos mehr, als man zunächst
sieht, indem sie nämlich etwa vorhandene Hemmschwellen abbauen?
Der Film von Wenders verliert sein Thema, die Gewalt, nie aus den
Augen, ohne sie jemals vorzuführen, und steht damit im denkbar
größten Gegensatz zu den vielen, vielen Streifen, die
die Gewalt immer nur vorführen, ohne sie jemals zum Thema zu
erheben. Ich meine, daß es keine Einstellung gibt, in der
das Thema nicht präsent wäre, es wird von allen erdenklichen
Seiten beleuchtet. Einige Schwächen und Unstimmigkeiten des
Drehbuchs bzw. der Story, vielleicht des Schnitts - ich bin mir
da auch gar nicht sicher - fallen überhaupt nicht ins Gewicht.
In der letzten Szene gibt es einen kurzen, unpathetischen, in seiner
Wucht aber nur schwer zu übertreffenden Dialog zwischen dem
Chef des Überwachungsprojekts und der eingeschleusten Frau,
die aussteigen will.
Man kann nur sich selbst ändern,
wirf sie ihm entgegen.
Und sie lacht ihm ins Gesicht und spottet:
Wenn uns jemand hören könnte!
Ein paar Verbrecher wollen die Zustände verbessern...
Kaum der Stoff zu einem Thriller, schon wahr, viele haben's auch
gar nicht bemerkt, und doch eine Szene, die dafür sorgen dürfte,
daß der Film schon bald aus den Kinos verschwindet.
Haben wir das nicht überall, Herrschaften, daß diejenigen,
die beglückt werden sollen mit sogenannter Sicherheit, im Klartext:
Überwachungsprojekten, sich tatsächlich in der Rolle des
Sauhirten aus den Anfängen der Literatur befinden, in der Rolle
des göttlichen Eumaios nämlich, der nur lebt aufgrund
seiner untrüglichen Zuversicht, daß Odysseus kommen wird,
um die Schmarotzer zu erschlagen?
Ist es das, was uns hier zusammenhält?
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