Die Unterscheidungsgabe

Es waren einmal zwei streitende Lehrer, Kinder, und jeder hatte den Anspruch, der erste zu sein. Ein Alter, von dem man behauptete, daß er für vieles Verständnis habe, wurde schließlich um Rat gefragt. Er hörte den Bericht, erhob sich und antwortete. "Jeder von euch," sprach er, "kann es allein entscheiden. Denn ein Lehrer eifert  nicht, beteiligt sich nicht als Fallensteller und knirscht auch nicht mit den Zähnen."
Sie verstanden ihn nicht.
"Im Streit sind wir alle von klein an groß, sehr begabt und ausdauernd," sagte der Mann. "Ein Lehrer steht vor einem ganz anderen Problem. Er hat den namenlosen Trost und möchte ihn wegschenken so, daß jeder alles selbst hat. Doch was geschieht? Bei Tag und Nacht hat er Arbeit wie ein Sklave, um sich nur einigermaßen verständlich zu machen bei Wenigen." Aha, sagten die Leute, und es waren viele, die dort standen und ein Urteil erwarteten.
Der wunderliche Mann schlug ihnen vor, Einfluß bei den Rivalen geltend zu machen, sie zu bewegen, ihre Kräfte zusammenzufügen, damit etwas wirklich Starkes daraus entstehen könnte, etwas, das für alle von Nutzen wäre.
Als daraufhin diese Kämpfer, statt sich anzufeinden, tatsächlich ihre Gaben und Fähigkeiten darlegten, Kinder, und man das Ergebnis sichten konnte - sie waren natürlich bemüht, ihr Bestes und davon alles zu geben - da zeigte sich, daß es zusammengenommen kaum mehr als nichts war.
Jeder blieb aber bei der Meinung, er habe mehr als der andere.

 

(Aus  Jahr des Zuhörens  © Th.Bokelmann / Alle Rechte vorbehalten)