Biedermeier
Freue dich nicht zu früh, Michel. Ich werde sicher nicht behaupten, daß du der taz deine Zipfelmütze aufsetzen darfst. Statt dessen verweise ich auf den Charly von Hannes Wader: Einer der, obwohl er wollte, nie wie du gewesen ist / Soll nicht sagen dürfen, daß du so wie er geworden bist...

Ich bin übrigens kein Leser dieser Zeitung. Als einer, der die legendären Nullnummern und den glänzenden Anfang begleitet hat, werde ich mich aber gelegentlich einmischen. An einer Bude las ich neulich nur die fette Überschrift: Jeder dritte Bayer gegen Stoiber, und da ich in Bayern wahlberechtigt bin, kann ich jetzt nicht länger schweigen.

In meinen Augen handelt es sich um Boulevard-Journalismus, wenn Wahlergebnisse nicht bezogen werden auf die Wahlbeteiligung! Schau so, Michel, nur mal ganz grob gerechnet. Wenn Herr Stoiber bei 50 % Wahlbeteiligung 60 % der abgegebenen Stimmen erhält, hat er 30 % der Wahlberechtigten auf seine Seite gezogen, stimmt's? Fehlen noch diejenigen, die nicht wählen dürfen, obwohl auch Bayern, sodaß wir endlich irgendwo zwischen 20 und 30 % Bayernanteil für den strahlenden Sieger liegen. Ich bin heute noch der Meinung, daß ein Wahlverhalten ohne rechnerischen Bezug auf die Wahlbeteiligung nicht korrekt dargestellt werden kann. Was das dann für die Sitzverteilung bedeutet, steht ja auf einem anderen Blatt.

Trotzdem sind das eher Kleinigkeiten, da hast du ganz recht. Das eigentliche Problem ist der vulgäre Materialismus, du weißt, was ich meine, jene Weltanschauung, in der sich CSU und taz und was nicht alles begegnen. Der Materialismus, obwohl er historisch eine bessere Rolle gespielt haben mag, ist heute ein Programm zum Plündern! Als Weltanschauung hat er aber noch nie getaugt, das ist ein deutsches Mißverständnis. Wer daraus Sinn entlehnt, wird vulgär, Michel. Das Vulgäre aber tanzt eng umschlungen mit dem Biedersinn zur falschen Musik der Verflachung. Wow!

Das klingt vielleicht alles etwas hergeholt in deinen Ohren, Michel, meinetwegen. Der Mut zur Wahrheit aber ist mit Sicherheit das, was vor allem fehlt. Bei denen, die schreiben, kaum anders als bei denen, die handeln. In der taz kommt der Ausdruck nur noch als Aufforderung zum Blödeln vor. Und welches Liedlein summt man dazu? Das von der kritischen Grundeinstellung, soweit ich hören kann. Das wäre also jetzt Kritik. Merkwürdigerweise erinnert das exakt an solche Spielchen, in denen das Wissen immer nur Ausgewählten, der Allgemeinheit aber Blödeleien zugepaßt wurden.

Wenn man nüchtern betrachtet das Verhältnis der Zeitungen zu Lügengebäuden im Jahre 2003, ergibt sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit der Verdacht, daß dieses Verhältnis nicht von einer Art ist, daß man sie zum Einstürzen bringen will, sondern so, daß sie anders gar keinen Bestand hätten.

Aber gerade die Tatsache, daß die in Millionenauflagen täglich niederhämmernden Nachrichten nötig sind, diese Gebäude zu erhalten, macht es sehr wahrscheinlich, daß sie einstürzen.

Möglicherweise werden größere danach aufgerichtet. Vielleicht wird der Blätterwald immer rauschen. Die Begriffe aber, Michel, das was Mut ist zum Beispiel und Wahrheit, das kann sich ja nicht ändern, egal, wieviel man lügen mag.

Vorerst muß man zufrieden sein, wenn die taz über den Geldtransfer aus den armen in die reichen Länder berichtet, daran hat sich seit hundert Jahren ja auch nichts geändert. Wird es aber wieder hundert Jahre dauern, bis auch die Lügen, die sich um das Thema AIDS ranken, in der freien Presse dargestellt werden dürfen?